Drama in der Verlängerung Deutschland scheitert an Italien

Schock in Fußball-Deutschland: In der letzten Minute der Verlängerung ist die Nationalmannschaft im WM-Halbfinale gegen Italien ausgeschieden. Die an Spannung kaum zu überbietende Partie wurde durch Fabio Grosso und Alessandro Del Piero entschieden - sie sind die Helden Italiens.

Von Pavo Prskalo und


Dortmund - Bundestrainer Jürgen Klinsmann hatte sich schon aufs Elfmeterschießen eingestellt - kurz vor Schluss der Verlängerung wechselte er den schussgewaltigen Oliver Neuville für Miroslav Klose ein. Doch dann, wenige Minuten später, war der Traum vorbei: Der Italiener Grosso erzielte eine Minute vor Ende der Verlängerung die Führung für Italien. Nur zwei Minuten später sorgte der eingewechselte Del Piero für die Entscheidung. Die DFB-Elf verlor nicht nur das Halbfinale - sondern blieb damit auch im fünften WM-Vergleich mit Italien ohne Sieg.

"Es ist schwer in Worte zu fassen. Die Enttäuschung ist riesengroß. Es ist eine bittere Pille, so kurz vor Schluss noch zwei Tore zu bekommen", sagte Klinsmann. "Wir machen den Italienern ein großes Kompliment, wir drücken ihnen am Sonntag für das Finale die Daumen", so der Bundestrainer. Am Sonntag trifft die Squadra Azzurra im WM-Finale auf den Sieger der zweiten Halbfinalbegegnung zwischen Portugal und Frankreich (Mittwoch 21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Deutschland spielt bereits am Samstag in Stuttgart um den dritten Platz.

Abwehrspieler Philipp Lahm war tief enttäuscht. "Wir waren gleichwertig, wenn nicht sogar besser und haben uns einige gute Möglichkeiten erspielt. Vielleicht hätten wie unsere Konter besser ausnutzen müssen", erklärte der Verteidiger, der eine grandiose WM gespielt hatte. "So kurz vor Schluss auszuscheiden, ist natürlich bitter. Wir sind alle sehr enttäuscht. Wenn man im Halbfinale steht, will man auch alles."

Matchwinner Grosso war außer sich vor Freude. "Das ist einfach nur großartig, unbeschreiblich. Wir haben diesen Sieg verdient", so der Abwehrspieler. "Aber auch die Deutschen haben gezeigt, dass sie ein Klasseteam haben", lobte Grosso die unterlegene Elf, die einen stürmischen Start gezeigt hatte.

Die deutschen Anhänger hatten ihre Mannschaft immer wieder nach vorne gepeitscht. Doch irgendwie wollte nichts klappen: Die erste deutsche Gelegenheit verpasste Lukas Podolski nach einer Viertelstunde. Das Zuspiel von Klose konnte Italiens Kapitän Fabio Cannavaro in letzter Sekunde klären. Nur eine Minute später forderten die DFB-Anhänger in der WM-Arena Dortmund Strafstoß. Michael Ballack köpfte Andrea Pirlo den Ball an den Oberarm, der mexikanische Unparteiische Benito Archundia ließ aber zurecht weiterspielen.

Verteidiger Marco Materazzi hatte mit einem Kopfball nach 23 Minuten die beste Chance für Italien in der regulären Spielzeit. Kurz darauf musste Christoph Metzelder in höchster Not gegen Torjäger Luca Toni retten. Es war die stärkste Phase der Elf von Trainer Marcello Lippi. Mittelfeldspieler Pirlo lenkte mit klugen Pässen das italienische Spiel. Dagegen war vom vermeintlichen Superstar Totti nichts zu sehen.

Die Elf von Jürgen Klinsmann probierte es immer wieder über die linke Angriffsseite. So ergab sich auch die größte Chance der Partie für Deutschland. Doch die endete irgendwie bezeichnend: Nachdem sich Stürmer Klose durchgesetzt hatte, schoss Bernd Schneider aus 16 Metern über das Tor (34.).

Italien dreht in der Verlängerung auf

In der zweiten Hälfte ließen es beide Mannschaften zunächst ruhiger angehen. Erst in der 62. Minute kam Podolski zum Abschluss, doch Torhüter Gianluigi Buffon hatte beim Schuss des 21-Jährigen keine Probleme. Italien zog sich völlig zurück und tat kaum noch etwas für die Offensive - und die deutsche Mannschaft scheiterte immer wieder an der blauen Mauer.

In der Verlängerung sahen die Zuschauer dann eine italienische Elf, die wie ausgewechselt wirkte. Direkt nach Wiederanpfiff tanzte Gilardino Metzelder aus, traf aber aus vier Metern lediglich den Innenpfosten. Nur eine Minute später landete ein Schuss von Gianluca Zambrotta vom 16-Meter-Raum an der Latte. Glück für Lehmann: Der Ball wäre unhaltbar gewesen.

Doch irgendwann war das Glück aufgebraucht: Zumal die deutschen Spieler müde wirkten, vielleicht hatten sie noch das harte Spiel gegen Argentinien (4:2 i.E.) in den Knochen. Nur Podolski hatte zwei Möglichkeiten, in der 105. Minute strich sein Kopfball am Tor vorbei, und sieben Minuten später parierte Buffon einen Distanzschuss. Italien diktierte jetzt das Geschehen und drängte auf die Entscheidung. Die fiel in der 119. Minute.

Trainer Lippi zeigte sich anschließend begeistert: "Es war mühsam, aber wir freuen uns jetzt umso mehr, dass wir es geschafft haben. Es ist ein Traum." Und: "Wir haben das Spiel dominiert, viel riskiert und waren insgesamt die bessere Mannschaft. Die Truppe war einfach gut drauf, ich bin stolz auf meine Jungs."

Deutschland - Italien
0:1 Grosso (119.)
0:2 Del Piero (120.+1)
Deutschland: 1-Jens Lehmann; 3-Arne Friedrich, 21-Christoph Metzelder, 17-Per Mertesacker, 16-Philipp Lahm; 19-Bernd Schneider (83. 22-David Odonkor), 5-Sebastian Kehl, 13-Michael Ballack, 18-Tim Borowski (72. 7-Bastian Schweinsteiger); 20-Lukas Podolski, 11-Miroslav Klose (111. 10-Oliver Neuville)
Italien: 1-Gianluigi Buffon; 19-Gianluca Zambrotta, 23-Marco Materazzi, 5-Fabio Cannavaro, 3-Fabio Grosso; 20-Simone Perrotta (104. 7-Alessandro Del Piero), 21-Andrea Pirlo, 8-Gennaro Gattuso, 16-Mauro Camoranesi (91. 15-Vicenzo Iaquinta); 10-Francesco Totti; 9-Luca Toni (74. 11-Alberto Gilardino)
Gelbe Karten: Metzelder, Borowski / Camoranesi
Schiedsrichter: Archundia (Mexiko)
Zuschauer: 65.000 (ausverkauft)



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