Drama in Wembley Der englische Alptraum

Football's leaving home: Zum ersten Mal seit 24 Jahren wird England nicht an der EM teilnehmen. Ausgerechnet im Wembley-Stadion kassierte die Nationalmannschaft die entscheidende Niederlage gegen Kroatien. Das ganze Land ist schockiert.

Von Pavo Prskalo


Es war ein klägliches Bild: Die Fußballstars Frank Lampard und Peter Crouch standen auf dem Rasen des Wembley-Stadions und starrten wie kleine, ängstliche Jungs auf die Anzeigetafel. Die beiden englischen Profis hatten mit ihren Mitspielern wenige Minuten zuvor 2:3 gegen Kroatien verloren und hofften nun verzweifelt auf ein Tor des Fußballzwergs Andorra in der zeitgleich stattfindenden Partie gegen Russland.

Nur so hätten sich die Engländer noch für die Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz qualifizieren können. Aber die Amateurkicker aus Andorra konnten den Millionenstars nicht mehr helfen – 1:0 siegte Russland in einem miserablen Spiel, rutschte in der Gruppe E auf Rang zwei und ist damit bei der Euro mit dabei.

Während seine Spieler noch in der Kälte froren und hofften, war Steve McClaren längst verschwunden. Der Coach der Engländer suchte direkt nach dem Schlusspfiff den Weg in die Kabine. Er wusste: Nur 14 Monate, nachdem er das Amt des Nationaltrainers von Sven-Göran Eriksson übernommen hatte, muss er es wieder abgeben. Niemand auf der Insel wird ihm die verpasste EM-Qualifikation verzeihen.

Direkt nach Schlusspfiff kursieren im englischen Fernsehen bereits die ersten Gerüchte für die McClaren-Nachfolge. Namen wie José Mourinho, Martin O'Neill, Felipe Scolari und auch Jürgen Klinsmann fielen.

Erst eine Stunde nach Schlusspfiff stellte sich McClaren. "Es ist eine riesengroße Enttäuschung für mich, die Spieler, aber auch die Fans und Zuschauer zu Hause", sagte der 46-Jährige. Einen Rücktritt schloss er aus: "Das wäre jetzt der falsche Zeitpunkt." Doch auch McClaren wusste, dass er nicht mehr tragbar ist. Er wurde am Morgen entlassen. "Ich habe gesagt, dass ich nach zwölf Qualifikationsspielen beurteilt werde – das werde ich jetzt sicherlich auch."

Dabei waren die "Three Lions" noch voller Hoffnung in die Partie gegangen. Am vergangenen Samstag hatte Russland in Israel verloren, den Engländern hätte gegen Kroatien ein Punkt gereicht. Dementsprechend heiß waren auch die Fans im ausverkauften Wembley-Stadion. Vergessen schienen die mäßigen Auftritte in der bisherigen Qualifikation. Selbst McClaren, seit Monaten in der Kritik, wurde freundlich empfangen.

Ein Torwart-Patzer bringt den Rückstand

Doch schon nach wenigen Minuten kippte die Stimmung. Der von McClaren ins Tor beorderte, international unerfahrene Keeper Scott Carson von Aston Villa (22, Jahre, ein Länderspiel) patzte gleich bei seiner ersten Bewährungsprobe und ließ einen Schuss von Niko Kranjcar über die Arme rutschen. Vielleicht sollten die Briten irgendwann einfach einen Torhüter aus irgendeinem anderen Land der Welt einbürgern, schlechter kann es auf der ewigen Wackelposition englischer Nationalteams nicht mehr werden.

Kurz darauf erhöhte HSV-Profi Ivica Olic sogar auf 2:0, auf der Gegenseite zeigte Kroatiens Torwart Stipe Pletikosa zuvor, was man als Schlussmann alles können sollte, und wehrte einen Schuss von Shaun Wright-Philips aus kurzer Distanz bravourös ab. McClaren nahm diese Entwicklung fast regungslos zur Kenntnis und nippte an seiner Flasche Wasser, während die meisten Zuschauer, darunter auch Prinz William, auf den Rängen nur den Köpf schüttelten. Eine EM ohne England? Unvorstellbar.

Beckham macht Hoffnung

In der Pause zückte der englische Coach seinen Joker und wechselte Altstar David Beckham ein. Doch erst durch einen eher geschenkten Elfmeter gelang ein Treffer. Der Kroate Josip Simunic hatte Jermain Defoe leicht am Trikot gezupft, eine solche Szene würde in der Premier League niemals mit Strafstoß geahndet werden.

Wenig später zeigte Beckham für einen Moment seine Genialität und bediente Crouch mit einer ebenso weichen wie präzisen Vorlage. Der lange Stürmer des FC Liverpool nahm den Ball in vollem Lauf mit der Brust mit und hämmerte ihn zum 2:2 ins Eck. Für einen Moment schien England in der Lage, eines jener legendären Spiele zu zeigen, von denen die Zuschauer noch ihren Enkeln erzählt hätten.

Aber was danach passierte, kommentierten die englischen Reporter nur noch mit: "taktische Fehlleistung". England, von den Fans bis dahin nach vorne gepeitscht, zog sich völlig zurück, überließ den Kroaten das Spiel. Der eingewechselte Dortmunder Mladen Petric bedankte sich in der 77. Minute, zog aus 22 Metern ab und gab McClaren die Quittung für seine peinliche Defensivtaktik.

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