Drei Thesen zur EM-Qualifikation Löw bleibt Löw - mit all seinen Schwächen

Die Außenseiterrolle kommt der DFB-Elf auch beim Erfolg in den Niederlanden zugute. Nico Schulz ist der Aufsteiger seit der WM, und Joachim Löw bleibt sich auch im Umbruch treu.

Bundestrainer Joachim Löw
SASCHA STEINBACH/EPA-EFE/REX

Bundestrainer Joachim Löw

Von und Tobias Escher


1. Als Außenseiter spielt Deutschland besser

Vier Jahre lang war Joachim Löw der Gejagte. Gegen den Weltmeister von 2014 verbarrikadierte sich fast jeder Gegner am eigenen Strafraum. Löw ließ sich immer komplexere Wege einfallen, wie seine Mannschaft die Bollwerke knacken sollte. Doch der Nationaltrainer verzettelte sich in seinem Ballbesitzfußball, vergaß die Defensive und das Tempo.

Das frühe Ausscheiden in Russland nahm Löw den Nimbus des Weltmeisters. Noch vor zwölf Monaten wäre Deutschland als Favorit gegen die Niederlande ins Spiel gegangen. Nun kann es selbst als Außenseiter auftreten. Löws Elf zog sich nach der frühen Führung im 5-2-3 zurück, lauerte auf Ballgewinne und schnelle Konter. Sie gibt im fremden Stadion schon einmal die Zügel aus der Hand; eine völlig neue Facette im deutschen Spiel.

Die deutschen Torschützen Serge Gnabry (l.) und Leroy Sané (r.)
DPA

Die deutschen Torschützen Serge Gnabry (l.) und Leroy Sané (r.)

Diese Idee ging auf, vor allem dank des temporeichen Sturms. Leroy Sané und Serge Gnabry bewiesen bereits in den vergangenen Monaten, dass sie in der Spitze harmonieren. Die WM-Abstinenzler zeigten gegen die Niederlande gefühlt mehr Dribblings und Läufe in die Tiefe als alle deutschen Spieler, die in Russland dabei waren. Leon Goretzka ergänzte das Duo mit seinen defensiven Fähigkeiten. Alle drei Spieler bieten das Tempo, das dem deutschen Spiel bei der WM gefehlt hat - und das Deutschland als Außenseiter nun wieder verstärkt ausspielen kann.

2. Nico Schulz ist der große Gewinner seit der WM

Die Dauerbaustelle Linksverteidiger war lange Zeit ein Projekt, dessen sich der Bundestrainer nur widerwillig annahm. Jonas Hector war als solider Mann ohne große Eigenschaften gesetzt, dahinter sprach Joachim Löw dem Herthaner Marvin Plattenhardt bereits ein halbes Jahr vor WM-Beginn einen Kaderplatz zu. Hätte er auf dieser schwächsten Feldspielerposition in seinem Team einen Wettbewerb ausgerufen, wäre bereits im Sommer 2018 Nico Schulz als bester Verteidiger der Bundesliga-Rückrunde dabei gewesen.

Nico Schulz erzielte den Siegtreffer
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Nico Schulz erzielte den Siegtreffer

So kam der schnelle Hoffenheimer Außenspieler erst nach der WM zu seinen Einsätzen und überzeugte sofort. Als Verteidiger mit Offensivdrang in einer verstärkten Fünferkette oder als vorgerückter Mann mit Drang nach vorne bei einer Dreierabwehr ist er gleichermaßen stark. Bereits im ersten Testspiel gegen Peru traf er, gegen die Niederlande zeigte er nun sein bestes Länderspiel mit einem Assist und dem Siegtreffer in der 90. Minute. Binnen wenigen Monaten hat er für den größten Qualitätssprung auf einer Position im Nationalmannschaftsgefüge gesorgt.

3. Löw bleibt Löw - mit all seinen Schwächen

Im vergangenen Sommer beklagte sich Löw so manches Mal über das fehlende Glück seines Teams. Insofern war seine Analyse nach dem Spiel gegen die Niederlande folgerichtig: Diesmal sei es sein Team gewesen, das Fortuna auf seiner Seite gehabt habe. Bereits vor der Pause musste Manuel Neuer zweimal parieren gegen den freistehenden Ryan Babel. Nach der Pause glichen die Niederländer den 0:2-Rückstand aus. Sie hätten sogar in Führung gehen müssen. 8:0 betrug das Schussverhältnis zwischen der 46. und der 80. Minute.

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Deutscher Sieg gegen Niederlande: Umbruch gegen Umbruch

Schuld war eine Systemumstellung, die der Coach der Niederlande, Ronald Koeman, in der Pause vornahm. Er löste die Viererkette auf, ließ die Außenverteidiger weiter vor- und die Außenstürmer einrücken. Deutschlands Dreiersturm erhielt keinen Zugriff mehr auf den gegnerischen Spielaufbau, die Niederländer knackten die deutsche Defensive über die Flügel.

Und Löw? Er reagierte erst spät. Ilkay Gündogan kam in der 70. Minute, Marco Reus gar erst in der 88. Beide waren zwar am späten Siegtreffer beteiligt. Dieser war, wie Löw selbst zugab, aber eher "Spielglück" nach einer schwachen zweiten Halbzeit.

Dass Löw selten einen Plan B in der Tasche hat, wenn sein Plan A nicht funktioniert, weiß man spätestens seit dem Aus bei der EM 2012 gegen Italien. Evident war das Problem auch in Russland. Dass die Niederlande nun bereits zum zweiten Mal binnen sechs Monaten einen 0:2-Rückstand gegen Deutschland drehen, beweist: Taktisch auf den Gegner zu reagieren, bleibt Löws Schwachstelle. So manches bleibt eben trotz Umbruch beim Alten.



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loddar1961 25.03.2019
1. Höchst bedenklich
Wir - mein Sohn und ich - haben gestern offenbar ein anderes Spiel gesehen als Reporter und viele schreibende Experten. Die deutsche Nationalmannschaft hatte im Grund schon in der 1. Hälfte das Glück auf ihrer Seite, dass die Holländer in 2 Konter gelaufen sind, die - das muss man anerkennen - präzise und konsequent zu Ende gespielt wurden. Das verdeckte aber allenfalls, dass es keinen Plan gab in der Offensive spielerisch die Holländer zu einem Fehler zu zwingen, die Abwehr auszuhebeln. Es kann doch nicht sein, dass sich die NM allein aufs Kontern verlässt, und wenn sich der Gegner auf die Sturmflitzer stürzt und sie aus dem Spiel nimmt, geht gar nichts? Wieso spielt die NM eigentlich ohne Sturmtank? Das Leiden bei den Länderspielen begann nämlich genau dann, als Klose seine Karriere beendete. Er war nämlich derjenige, der 2014 Götze und Müller die kreativen Freiheiten bescherte, die für den Erfolg verantwortlich waren - er war nämlich da, wo ein Mittelstürmer eben sein muss: mitten drin im Gewühl. Und. Diese Stürmer gibt es in D - nicht in großer Zahl, aber es gibt sie. Kruse, Bartels oder Volland könnten diesen Job erledigen und tun dies in der Liga Woche für Woche. Und weil Löw sich standhaft weigert überhaupt über einen echten Stürmer nachzudenken, wäre nach der fatalen WM ein Neuanfang ohne Löw ein Neuanfang gewesen, so bleibts ein Rumdoktern an Symptomen und es ist keine Heilung in Sicht.
SabineMeier 25.03.2019
2. Fussball
Nach allem Hin und Her habe ich Löw eine Niederlage gegönnt. Aber, was ich sah war ein herzerfrischender Fußball mit hervorragend herausgespielten Toren und kein , wie bis her, Altherrenfußball die auf Standarttoren aus waren. Weiter so und man kann sich nur freuen.!!!!
doppelnass 25.03.2019
3. Die Headline
Diese Headline hätte man auch für SPON nehmen können, statt für Löw. Herrje - Kann man nicht mal anerkennen, dass das gestern ein guter, vielversprechender Auftritt einer jungen Mannschaft war? Natürlich ist es für viele Schreiber ärgerlich, wenn anstatt einer schallenden Niederlage ein Sieg herausspringt. Was wäre Deutschland in die Krise gerutscht, hätte man gestern verloren! Wie viele gut laufende Artikel hätte man schreiben können - über Löw, über das Aussortieren der Weltmeister, über den schwachen Kroos, über Neuer und Ter Stegen. Und dazu, wie man einen Umbruch erfolgreich schafft - so wie die Holländer. Aber nun ist nichts mit Krise. Und da muss man auch als Redakteur mal einfach seinen Mann stehen. Hätten die Niederlande gestern Abend das Spiel und Ergebnis der deutschen gemacht, hätte es sicher geheißen: "Die sind halt schon viel weiter - die haben den Willen gezeigt, das Spiel zu gewinnen." So aber muss man das Haar in der Suppe suchen und nach 3 Artikeln wird es dann schon ein ganzes Büschel. Vielleicht mal so selbstkritisch sein, wie man mit Anderen kritisch ist. Die Krise kommt schon noch, spätestens beim nächsten, nicht gewonnenen Spiel. Oder wenn man gegen Estland nicht mindestens 5 Tore schießt. Dann kann man doch schreiben: "Es fehlt ein echter Torjäger, ein Knipser, ein Klose."
dobbeldau 25.03.2019
4. Wieso Spielglück? Tolles Spiel!
Diese Aussage kann ich nicht nachvollziehen. Wo hatten wir Glück. Die Chancen des Gegners haben beidseits ausgezeichnete Torhüter gehalten, das ist sein Job, dafür trainiert Er jahraus, jahrein. Das dritte Tor war ein feiner Spielzug, der Ball wurde weder abgelenkt, noch sprang er vom Pfosten ins Tor oder hoppelte über die Linie. Eine sehr starke erste Halbzeit der DFB-Mannschaft. Eine sehr starke 2. Halbzeit der Oranje mit dem besseren Ende für uns. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Nonvaio01 25.03.2019
5. man o man
was heisst kein plan B?, Die einwechslungen haben doch funktioniert. natuerlich muss man im interview von Glueck sprechen, denken Sie im ernst ein Trainer stellt sich hin und sagte "es war der Plan erst in der 89min zu gewinnen) Wie ich im Ticker gestern schon lesen konnte war man beim Spon einfach nur sauer das Reus und Guendogan nicht von anfang an spielten. So war es dann auch im Ticker....ein Toller BVB spielzug, auch wenn schulz nicht beim BVB spielt......der satz hat es doch ganz deutlich gemacht. Auch in diesem Artikel wieder.... Es spielt die NM, nicht der FCB/Bremen/Hoffe oder Herta......das einge spieler besser harmonieren ist normal. Gnarby und Sane haben noch nie zusammen gespielt und es passt super. Ich hab nun nicht geschaut, aber es sah mir fast nach der confed 11 aus...;-) die hat auch begeistert....
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