Dresdens Fanprojektleiter "Unsere Fans stehen unter Schock"

Torsten Rudolph ist derzeit nicht zu beneiden: Der Leiter des Dresdner Fanprojekts ist nach den Ausschreitungen am Wochenende um das Bild der Dresden-Fans besorgt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über fehlende Fördergelder, Rechtsradikalismus und das morgige Derby in Leipzig.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rudolph, am Wochenende kam es rund um das Spiel zwischen Dynamo Dresden II und Lok Leipzig zu Ausschreitungen. 600 Dresdner Krawallmacher lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei, die die Gästefans schützen musste. Morgen wird die Rivalität zwischen Leipziger und Dresdner Fußballfans anlässlich des Spiels Sachsen Leipzig II und Dynamo wieder aufleben. Wird es wieder zu Ausschreitungen kommen?

Rudolph: Ich denke, es wird relativ ruhig bleiben. Nach den Vorfällen vom Wochenende steht ein Teil unserer Fanszene unter Schock, es wird viel diskutiert. Es werden etwa 2000 Dresden-Anhänger zu diesem Pokalspiel fahren, ich erwarte überwiegend friedliche Teilnehmer. Natürlich kann ich da nur für unsere Fans sprechen und für nichts garantieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnte die Situation dermaßen eskalieren?

Rudolph: Durch die massive Mobilmachung in beiden Fanlagern bereits im Vorfeld des Spiels konnte die Tradition der Gewalt rund um dieses Derby fortgesetzt werden. Hier sollte es nicht um Fußball, sondern um exzessiv ausgelebte Gewalt gehen. Eine Verlegung der Partie auf Samstag mit gleichzeitigem Tausch des Heimrechts hätte vielleicht für Entspannung sorgen können.

SPIEGEL ONLINE: Die Polizei lehnte diesen Vorschlag allerdings mit dem Argument ab, dass es dann zeitgleich bei beiden Spielen zu Ausschreitungen gekommen wäre.

Rudolph: Da habe ich eine andere Einschätzung. Trotzdem möchte ich die Polizei loben. Die Beamten haben am Wochenende einen guten Job gemacht und schlimmere Ausschreitungen verhindert.

SPIEGEL ONLINE: Es gab aber nur wenige Festnahmen und somit auch kaum eine Grundlage zur Erteilung von Stadionverboten. Viele der Gewalttäter vom Wochenende werden also weiter in der Kurve stehen.

Rudolph: Da hätten die Sicherheitsbehörden ruhig etwas konsequenter sein können. Wie sollen wir Jugendlichen Grenzen aufzeigen, wenn der Rechtsstaat auf angemessene Bestrafung verzichtet? Allerdings waren an den Straßenschlachten Personen beteiligt, die ich noch nie im Stadion gesehen habe.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem scheint der Verein eine magische Anziehungskraft auf Gewalttäter und Rechtsradikale auszuüben. Am Samstag empfingen mehr als 1000 Fans in der Kurve die Gäste mit "Juden Berlin"-Rufen.

Rudolph: Ich will das gar nicht verharmlosen. Diese Rufe haben ganz klar antisemitische Hintergründe. Ich glaube aber, dass einem Großteil der Fans gar nicht bewusst ist, was sie da rufen. Das ist wie bei einer La-Ola-Welle: Einer fängt an, viele machen mit. Wir haben im Bereich Rechtsradikalismus keine größeren Probleme als andere Vereine.

SPIEGEL ONLINE: Da habe ich am Wochenende vor Ort ein anderes Bild bekommen.

Rudolph: Natürlich ist der Club an so einem Tag auch Treffpunkt für Rechtsradikale. Unsere Antirassismuskampagne trägt trotz dieser negativen Ausreißer wie gegen Berlin oder Leipzig die ersten Früchte.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie die Probleme künftig in den Griff bekommen. Mit mehr Stadionverboten?

Rudolph: Repressionen taugen als Mittel wenig, das haben wir schon in den 90ernneunziger Jahren am Beispiel Dynamo gesehen. Damals wurden viele Verbote ausgesprochen, trotzdem hat es immer wieder geknallt. Wir müssen den friedlichen Fans den Rücken stärken. Sie müssen sich trauen, gegen Schläger und Rechtsradikale die Stimme zu erheben.

SPIEGEL ONLINE: Bekommen Sie dabei Unterstützung vom Verein?

Rudolph: Ja, aber es könnte besser sein. Der Club muss noch glaubwürdiger vermitteln, dass er keine Rechtsradikalen in der Kurve duldet. Doch der Verein ist chronisch unterbesetzt. Die Geschäftsstellenleiterin beispielsweise ist gleichzeitig die Sicherheitsbeauftragte. Solche Personalunionen sind aufgrund des doppelten Arbeitsaufwands natürlich nicht optimal.

SPIEGEL ONLINE: Sachsens Innenministerium prüft, ob man Fußballvereine künftig an den Kosten für die Polizeieinsätze am Spieltag beteiligen kann.

Rudolph: Davon halte ich gar nichts. Gewalt ist ein gesellschaftliches Problem, der Fußball nur die Bühne. Das ist genauso kontraproduktiv, wie Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden zu lassen. Damit schürt man den Frust der ohnehin Frustrierten und die Gewalt eskaliert weiter. Zudem bestraft man die friedlichen Anhänger und entzieht uns die Arbeitsgrundlage.

SPIEGEL ONLINE: Das Land Sachsen plant trotz zahlreicher Ausschreitungen, dem Dresdner Fanprojekt die Fördermittel zu streichen.

Rudolph: Da fehlen mir die Worte. Wenn es wirklich so weit kommt, löst das eine Kettenreaktion ungeahnten Ausmaßes aus, da dann auch der DFB seine Fördergelder streicht. So würden uns von derzeit 110.000 Euro dann nur noch die 50.000 Euro von der Kommune übrig bleiben. Die Stadt Dresden ist allerdings ein großer Fürsprecher unseres Projektes. Wir können nur hoffen, dass sich die Stadtväter gegenüber den Landesvertretern durchsetzen. Die langfristig angelegte präventive Arbeit wäre damit beendet, bevor es erste Erfolge gibt.

SPIEGEL ONLINE: Der Polizeieinsatz hat nach Ihren Schätzungen eine Million Euro gekostet. Geld, das Sie gut für Ihr Projekt gebrauchen könnten.

Rudolph: Sachsens Politiker müssen endlich erkennen, dass Verantwortung weiter geht, als in Polizeieinsätze zu investieren. Jeder Euro, den das Land für Fansozialarbeit gibt, wird vom DFB verdoppelt. Ein ähnlich vorbildliches Modell der Sozialarbeitsförderung ist mir in Deutschland nicht bekannt.

SPIEGEL ONLINE: Klaus Reichenbach, Präsident des Sächsischen Fußball-Verbandes hat kritisiert, dass ihr Projekt zu wenige Erfolge erzielt.

Rudolph: Über diese Aussage bin ich entsetzt. Herrn Reichenbach fehlt offenbar der Einblick in unsere Arbeit. Beim Verband herrscht viel Aktionismus, aber wir bekommen weder finanzielle noch inhaltliche Unterstützung. Jeder kocht sein Süppchen, es fehlt ein Gesamtkonzept. Stattdessen wird öffentlich kritisiert. Manchmal habe ich das Gefühl, das Land und der Verband hätten gerne von uns eine Garantie für hundertprozentige Sicherheit. Aber so geht es nicht. Es wird keine heile Welt von heute auf morgen im sächsischen Fußball geben.

Das Interview führte Mike Glindmeier

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