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28. Oktober 2007, 20:19 Uhr

Dresdner Krawalle

1500 Polizisten für 180 Minuten Fußball

Von , Dresden

Zwei Tage lang hielten gewalttätige Fußballfans die Sicherheitskräfte in Dresden in Atem - für ein Spiel der dritten und eines der fünften Liga. 1500 Polizisten waren im Einsatz, 229 Anhänger wurden in Gewahrsam genommen, Randale gab es trotzdem.

Plötzlich geht alles ganz schnell: Polizeisirenen heulen auf, hektisch laufen Beamte in schwarzen Uniformen und martialischer Schutzkleidung über die vierspurige Fahrbahn. Links und rechts stehen Straßenbahnen still. Nichts geht mehr. Kahlrasierte Jugendliche mit Hass in der Stimme und ausgestreckten Armen grölen: "Juden Berlin". Dann ertönt ein ohrenbetäubender Knall, Flaschen fliegen, Menschen rennen durcheinander, einige stürmen in das Bahnhofsgebäude. Wieder rückt die Polizei an, rennt direkt zwischen die rivalisierenden Gruppen. Mittendrin schütteln verstörte Bahngäste den Kopf, Eltern eilen mit ihren Kindern zurück in das Bahnhofsgebäude.

So sah es am Samstag um 16.30 Uhr am Dresdner Hauptbahnhof aus. 45 Minuten nach der Regionalliga-Partie zwischen Dynamo Dresden und dem 1. FC Union Berlin (0:1) wollten rund 250 Dynamo-Fans auf Biegen und Brechen eine Schlacht mit den verfeindeten Anhängern des Hauptstadtclubs anzetteln. 1500 Beamte aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und von der Bundespolizei, zwei Polizeihubschrauber sowie Dutzende Einsatzfahrzeuge, die als Blechbarriere zwischen den Fangruppen dienten, verhinderten ein Aufeinandertreffen.

Am Sonntag ging es weiter, jagten sich wieder Fans und Polizei. Den Anlass bot dieses Mal die Landesligapartie zwischen Dynamos zweiter Mannschaft und Lok Leipzig. Weil unterklassige Fußballspiele gerade in Leipzig und Dresden regelmäßig solche kostspieligen und brandgefährlichen Szenarien provozieren, stellt sich die Frage, ob es überhaupt noch vertretbar ist, solche Partien durchzuführen.

"Natürlich ist so ein Polizeiaufwand für ein Landesliga-Spiel unverhältnismäßig", sagte Markus Hendel, Sicherheitsbeauftragter von Dynamo Dresden, heute zu SPIEGEL ONLINE. Angesichts der dauerhaft prekären Lage war er allerdings vor allem erleichtert, dass die Polizei nur vergleichsweise wenige Ausschreitungen zuließ. "Wir müssen weiter viel präventive Fanarbeit leisten, um irgendwann wieder den Fokus auf den sportlichen Teil zu verlagern", so Hendel. Es wird ein sehr, sehr weiter Weg werden.

Denn bei den Dresdner Anhängern, die am Samstag am Bahnhof auf Randale aus waren, dürfte jegliche "präventive Fanarbeit" sinnlos sein. Sie sind nur enttäuscht darüber, dass an diesem Tag, wie einer sagt, "nichts geht". So löst sich der Dresdner Mob, in dem sich halstätowierte Rechtsradikale ebenso fanden wie kampfbereite Frauen im Jogginganzug und dick vermummte Teenies, frustriert auf. Schließlich hatte man mit den Berlinern noch einige Rechnungen offen. Die aus alten DDR-Zeiten beispielsweise - denn die alten Rivalitäten taugen als vorgeschobene Rechtfertigung für Gewalt unter Ostclubs immer noch. Selbst in der fünften Liga.

Vor dem heutigen Landesliga-Derby zwischen Dynamo II und Lok Leipzig (das Spiel endete 2:0) hatten sich die gewaltbereiten Fans beider Lager schon vorher angeheizt. Dresdner Anhänger beschmierten das Vereinsgraffiti am Leipziger Bruno-Plache-Stadion. Die Zahlen 28.10. und ein großes Kreuz sollten kein Zweifel daran lassen, was Leipziger Fans heute in Dresden erwartete. Die Leipziger wiederum verewigten sich an den historischen Flutlichtmasten sowie an den Cateringständen im Dresdner Stadion mit Lok-Schriftzügen. Seit Tagen kursierten im Internet zudem martialische Videos: Collagen von früheren Straßenschlachten wurden dabei mit Kampfansagen für den heutigen Tag angereichert.

Fernsehverbot im Stadion

Die Leipziger zeigten sich von ihrer geschmacklosesten Seite und entwarfen Plakate, auf denen die Stadt Dresden im Jahr 1945 in Kriegstrümmern zu sehen ist. Eine Siegesgöttin mit Lok-Fahne in der Hand posiert darüber. Der Slogan lautet: "Auf nach Dresden". In zahlreichen Diskussionsforen im Internet überschlugen sich daraufhin die Drohungen aus beiden Lagern. Vielleicht war das der Grund, dass der sächsische Fußballverband im Vorfeld beschloss, lieber keine Fernsehkameras für das Fünftliga-Derby ins Stadion zu lassen. Schließlich interessierten sich die Sender ja auch sonst nicht für solche Spiele. Nach einigen Protesten durfte zumindest der MDR drehen.

Was die Kollegen vor die Kamera bekamen, war ein munteres Landesliga-Spiel mit zwei Roten Karten. Die befürchteten Krawalle im Stadion blieben aus. Lediglich einige Dresdner Fans bewarfen die Polizisten im Innenraum immer wieder mit Feuerwerkskörpern. "Das ist natürlich nicht schön. Dennoch bin ich zufrieden, dass es im Stadion nicht zu größeren Ausschreitungen gekommen ist", so Hendel.

Nach dem Spiel eskalierte die Situation dann aber. Während die Lok-Fans in einem Spalier von Einsatzfahrzeugen und Beamten zum Dresdner Hauptbahnhof geleitet wurden, versuchten Dynamo-Hooligans immer wieder, die Gästefans zu attackieren. Kurz nach dem Schlusspfiff griffen rund 200 Dresdner unweit des Stadions eine Gruppe Beamten an, warfen Steine und feuerten mit Leuchtspur. "Wir wurden massiv bedrängt, haben die Situation aber schnell in den Griff bekommen", sagte ein Dresdner Polizeipressesprecher SPIEGEL ONLINE. Die Beamten drängten den Mob in Richtung Hauptbahnhof, wo sich die Krawalle fortsetzten.

Zug in letzter Minute gestoppt

Während die Leipziger auf einem eigens für sie abgesicherten Eingang Richtung Zug eskortiert wurden, gingen Dresdner Hooligans auf dem Bahnhofsvorplatz erneut auf die Beamten los. Nachdem die Polizeikräfte die Angreifer mit Schlagstöcken und Pfefferspray vom Vorplatz gedrängt hatten, versuchte eine Gruppe Dresdner quer über die Gleise in den Hauptbahnhof und damit zu den Lok-Fans zu gelangen. Auf der Suche nach dem Gegner begaben sie sich in Lebensgefahr: Ein einfahrbereiter Zug konnte im letzten Moment gestoppt werden. Nach einem weiteren Vorstoß der Polizei löste sich die rund 200 Mann starke Gruppe schließlich auf.

Die Bilanz des Krawall-Wochenendes: 229 Fans wurden von der Polizei in Gewahrsam genommen. Zehn Personen, darunter vier Polizisten, wurden verletzt.

"Für Toleranz und Integration" warb an diesem Spieltag der Deutsche Fußball-Bund und ließ Plastikbanner mit dem edlen Motto in den Stadien der oberen Ligen anbringen. Angesichts der programmierten Randale an Wochenenden wie diesem erscheinen solche frommen, in der Frankfurter Verbandszentrale erdachten, Appelle als Bekenntnis zur Hilflosigkeit.

Die nächsten Randalen beim unterklassigen Fußball sind bereits am kommenden Mittwoch zu befürchten. Dann trifft Dresdens Regionalligamannschaft im Sachsenpokal auf Sachsen Leipzigs zweite Mannschaft. Die Polizei kommt mit einem Großaufgebot. Die Randalierer auch. Es ist also wie immer.

Mitarbeit: Alasdair Thompson

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