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Dresdner Randale in Dortmund "Ich schäme mich"

Die Polizei spricht von massiver Gewalt gegen Beamte, das DFB-Pokalspiel stand kurz vor dem Abbruch. Anhänger von Dynamo Dresden haben in Dortmund schwer randaliert, mehrere Menschen wurden verletzt. Die Dresdner Spieler verurteilen jetzt die eigenen Fans: "Das kann einfach nicht angehen."
Von Felix Meininghaus

Eine halbe Stunde nach dem Abpfiff sorgt Gästetrainer Ralf Loose für ein Bonmot. Das Pokalspiel zwischen Borussia Dortmund und Dynamo Dresden ist gerade zu Ende, die Pressekonferenz läuft, und eigentlich hätten die Zuhörer über Looses Äußerung schmunzeln können - wären die Geschehnisse um das Dortmunder Stadion nicht so bedrückend gewesen: "Wir sind hier friedlich und brav ausgeschieden", gab Loose zu Protokoll; er sagte diese Worte ohne jeden ironischen Zwischenton.

Sicher, der ehemalige Spieler von Borussia Dortmund fühlt sich beim sächsischen Zweitligisten ganz allein für den sportlichen Bereich zuständig, und für das Geschehen auf dem Rasen traf die Einschätzung des 48-Jährigen auch zu. 2:0 (1:0) hatte der Meister aus dem Revier nach Toren von Lewandowski (30. Minute) und Nationalspieler Mario Götze (65. Minute) das Zweitrundenspiel im DFB-Pokal für sich entschieden.

Doch im Fokus standen die schlimmen Begleiterscheinungen der Begegnung. Sie wäre als Fußballfest in Erinnerung geblieben, hätten sich nicht zahlreiche Chaoten in den Vordergrund gedrängt. 73.100 Zuschauer hatten sich im Dortmunder Stadion eingefunden, für die zweite Runde des Pokals bedeutet das eine Rekordkulisse. Bis zu 10.000 Anhänger - so die Schätzungen - hatten Dynamo zum Auftritt im Westen begleitet. Wer sich vor dem Anpfiff auf den Straßen und in den Kneipen Dortmunds umschaute, konnte sich davon überzeugen, dass der überwiegende Teil in friedlicher Mission angereist war.

Polizei spricht von "massiver Gewalt" gegen ihre Einsatzkräfte

Doch eine Horde unverbesserlicher Chaoten machte sich daran, das schöne Gesamtbild nachhaltig zu trüben. Die Polizei hatte auf die zu befürchtenden Krawalle mit massiver Präsenz reagiert, und das war gut so. Bereits vor dem Spiel kam es zu heftigen Ausschreitungen. Wie der Sprecher der Dortmunder Polizei, Kim Ben Freigang, berichtete, gingen Dynamo-Fans auf Polizisten los. Freigang sprach von "massiver Gewalt" gegen die Einsatzkräfte. Der Mob versuchte sogar, das Stadion zu stürmen. In der Arena verwüsteten die Anhänger den Cateringbereich. Sieben Personen wurden festgenommen, 15 Personen leicht verletzt. Die Beamten seien mit Flaschen beworfen und mit Pyrotechnik traktiert worden.

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Pokal-Randale: Krawallnacht in Dortmund

Foto: Lars Baron/ Bongarts/Getty Images

Rund um das Dortmunder Stadion herrschte Chaos, und weil die Mannschaftsbusse nicht durchkamen, entschied sich Schiedsrichter Peter Gagelmann, den ursprünglich für 20.30 Uhr festgelegten Spielbeginn um 15 Minuten zu verschieben. Auch während der 90 Minuten kehrte keine Ruhe ein. Dreimal musste der Unparteiische die Partie unterbrechen, weil Gegenstände auf das Spielfeld flogen oder Feuerwerkskörper gezündet wurden. In der 79. Minute stand die Partie kurz vor dem Abbruch.

Nach dem Schlusspfiff kam es im Dresdner Fanblock zu weiteren Ausschreitungen. Teilweise überrannten die Hooligans die Ordnungskräfte, die zur Blocktrennung eingesetzt waren und schlugen auf Dortmunder Fans ein. Eltern verließen fluchtartig mit ihren Kindern das Stadion. Alle, denen die sächsische Landeshauptstadt und ihr Fußballclub ans Herz gewachsen ist, können einem nach einem solchen Auftritt leidtun, weil alle Bemühungen, Dynamo im Establishment zu etablieren, durch die Aktionen der Durchgedrehten konterkariert werden.

Millionenpublikum als zusätzlicher Anreiz für die Ultras

Einige hundert Chaoten sorgen dafür, dass Dynamos Imagewerte im Keller bleiben. Sie nutzen die Bühne einer Live-Übertragung vor Millionenpublikum, um ihr eigenes Ultra-Image in der Szene aufzupolieren. "Seit ich hier bin, haben wir schon erhebliche Verbesserungen erzielt", sagt Trainer Loose: "Wir sind aber noch lange nicht da, wo wir hinwollen."

Sein Dortmunder Kollege Jürgen Klopp betont, er werde sein "positives Gesamtbild" vom Traditionsclub nicht verändern, "aber so macht es keinen Spaß. Der nächste Schritt wird sein, das Spiel abzubrechen und alle nach Hause zu schicken. Es sind Ferien, viele Kinder sind im Stadion, da geht so etwas einfach nicht". Er liebe die emotionale Stimmung im Stadion, sagte Dortmunds Trainer, "aber in dem Moment, wo die Sicherheit gefährdet ist, hört der Spaß komplett auf".

So lag ein düsterer Schatten über einem Pokalabend, der so stimmungsvoll hätte sein können. Die Übergriffe der Dresdner Fans, die auch nach dem Spiel in der Dortmunder Innenstadt randalierten, werden wohl noch die Sportgerichtsbarkeit beschäftigen. Zumindest, wenn es nach dem Willen von Michael Zorc geht. Er hoffe, "dass diese Vorkommnisse entsprechend geahndet werden", so Dortmunds Sportdirektor: "Tut mir leid, aber für so etwas habe ich überhaupt kein Verständnis."

Dresdens Spieler distanzierten sich von dem Mob. Cristian Fiel ging während des Spiels mehrfach in die Kurve und versuchte, die Fans zur Vernunft zu bringen. "Das hätte ich mir sparen können. Die waren nicht zu beruhigen", sagte er nach dem Spiel. Sein Teamkollege Robert Koch wurde noch deutlicher: "Was einige Chaoten hier wieder abgeliefert haben, kann einfach nicht angehen. Die sind unverbesserlich. Heute schäme ich mich dafür, muss ich ehrlich sagen."