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Fotostrecke: Der Blick geht nach oben

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Drittligist RB Leipzig Fußball-Party beim Retortenclub

Ein reines Werbeprodukt, ein Fußball-Club aus der Retorte: So kritisch sehen viele den Drittligisten RB Leipzig. Doch ein Stadionbesuch zeigt, warum so viele Menschen aus der Region mit Begeisterung zu den Spielen des Vereins strömen.

Es ist Dienstagabend, kurz vor neun, als einige Leipziger Fans in Block 12 einen befremdlichen Gesang anstimmen: "Dritte Liga ist schön, Zeit für uns zu gehen!" Zeit zu gehen? Kann man am 3. September einen Zweitliga-Aufstieg besingen - wenn gerade einmal sieben von 38 Spieltagen gespielt sind?

Man kann. Zumindest wenn man Fan von RB Leipzig ist, jenem von Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz gegründeten Gebilde, das den Arbeitsauftrag hat, möglichst schnell möglichst weit nach oben zu klettern. Weniger aus sportlichen Gründen, sondern vor allem, um die Werbung für die österreichische Energy-Brause besser postieren zu können.

Vergangene Saison wurde der Club mit 14 Punkten Vorsprung Erster der vierte Liga, nun soll der nächste Schritt auf dem Durchmarsch in die Bundesliga gelingen. Dafür stellt der Konzern in den kommenden zehn Jahren 100 Millionen Euro zur Verfügung. Ohne RB wären im Sommer die Zweit- und Drittplatzierten Jena oder Zwickau aufgestiegen, Vereine mit jeder Menge Pokale im Trophäenschrank, aber ohne Mateschitz-Millionen.

Gegner nennen RB "das Produkt"

Bei den Anhängern solcher Traditionsvereine ist RB verhasst - bundesweit. "Ihr macht unseren Sport kaputt", schleudern Fans anderer Vereine den RB-Sympathisanten entgegen, den Club selbst nennen sie voller Verachtung "das Produkt".

Anders sieht es in Leipzig selbst aus, dort stößt das "Produkt" auf mehr Anklang als erwartet - auch dank geschickter Freikartenaktionen und einer fanfreundlichen Preispolitik: Die Wurst kostet zwei Euro, der große Becher Bier 2,50 Euro, einen Sitzplatz mit bester Sicht gibt es für 15 Euro. Vergangene Saison kamen im Schnitt 7563 Zuschauer, eine Klasse höher sind es bislang schon 12.000. Und in Leipzigs Fußballszene zweifelt kaum einer daran, dass die 44.000-Mann-Arena in der ersten Liga ausverkauft wäre.

Wer sich vornimmt, die Szenerie einmal vorurteilsfrei zu betrachten, sieht Menschen, die auch zu Hannover 96 oder Fortuna Düsseldorf gehen könnten, kein "Baseball-Publikum", wie oft gemutmaßt wird. Sondern Rentner mit Fanschal, Jugendliche mit 0,33-Liter-Flaschen Cola-Bier und später, vorm Stadion, auch ultra-affine Fans, die sich nicht in den bislang zehn offiziellen Fanclubs organisieren wollen, die der RB-Fanbeauftragte und ehemalige Nationalspieler Ingo Hertzsch verwaltet.

Mateschitz hat eine Lücke gefunden

Auch in der ersten Halbzeit gegen Holstein Kiel, in der RB ausgesprochen schwach spielt, unterstützt die gut gefüllte Fankurve die Mannschaft. Nach dem zwischenzeitlichen 2:1 dreht sie völlig durch, die Dezibelzahlen würden den Fans der Traditionsclubs imponieren. Diese würden auch registrieren, dass hier kein PR-Overkill stattfindet, im Gegensatz zu manchem Traditionsverein präsentiert hier kein Sponsor die Eckbälle. Doch sie werden und wollen es nicht verstehen, wie Tausende Menschen einem Ensemble die Treue schwören ("Du bist mein Verein, wirst es immer sein"), den es vor vier Jahren noch gar nicht gab.

Die Liebe zu einem Fußballverein hat oft mit den Geschichten zu tun, die der Vater oder der große Bruder von früher erzählt. Fußball stiftet Identität, das hat der Soziologe Albrecht Scherr am selben Tag den 100 Vertretern von 51 deutschen Fanprojekten erklärt, die zeitgleich in Leipzig waren. Auch bei ihnen ist RB nicht beliebt. Doch die meisten von ihnen kommen auch nicht aus Städten, in denen Fußball seit Jahren bestenfalls in der vierte Liga stattfindet und in denen regelmäßig Gewalt und Neonazismus bei den angestammten Vereinen die Schlagzeilen bestimmen.

"Ich will einfach guten Fußball sehen und danach sicher nach Hause kommen", sagt einer, der bei den RB-Treffern kurz jubelte, beim Kieler Führungstreffer aber nicht sonderlich demoralisiert wirkte. "Das kann ich bei RB, und das konnte ich in den vergangenen Jahren in Leipzig nicht."

Für Mateschitz mag die gefundene Lücke in Leipzig nur eine Marktlücke sein, doch für die nach Fußball dürstende Stadt hat sich trotzdem ein Wunsch erfüllt.

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