Drogen-Test Haare von Daums Bruder?

Wegen der Koks-Affäre wird Christoph Daum womöglich vor Gericht gestellt. Zeugen sagen, er habe versucht, seine Haarprobe zu manipulieren.


Im klassischen Drama kommt es für die Helden manchmal dann besonders dick, wenn es ihnen gerade besonders gut geht ­ so gut wie Christoph Daum vor einem Jahr. Da war der Coach von Bayer 04 Leverkusen noch "Hoffnungsträger, Heilsbringer, Herr der Herrlichkeit", jubilierte ein Kenner des Sports. Daum sollte Bundestrainer werden und den lahmen deutschen Fußball pushen. Ein langfristiger Vertrag mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) hätte ihm nebst lukrativer Werbegelder vermutlich 30 Millionen Mark eingebracht ­ und höchste gesellschaftliche Anerkennung.

Christoph Daum
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Christoph Daum

Bald könnte die einstige Lichtgestalt nun aber öffentlich durch eine Schattenwelt gehen müssen, in der Dealer eine Rolle spielen, V-Männer und Knackis: In diesen Tagen will das Landgericht Koblenz darüber entscheiden, ob Daum als Angeklagter zu erscheinen hat. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm nicht nur vor, in 63 Fällen jeweils zwischen "drei und fünf Gramm Kokain" gekauft zu haben; sie behauptet auch, Daum habe seinen Lieferanten "angestiftet", ihm auf Vorrat 100 Gramm zu besorgen ­ was, würde es denn bewiesen, im Unterschied zum bloßen Konsum ein Verbrechen wäre. Mindeststrafe für Anstiftung im Regelfall: ein Jahr Gefängnis. Hauptbelastungspunkt: eine Haaranalyse aus dem renommierten Labor des Kölner Rechtsmediziners Herbert Käferstein. Die Kokainwerte ­ exorbitant hoch. Daum-Getreue ließen augenscheinlich vorbauen. So meldete kürzlich die "Süddeutsche Zeitung", eine von Daums Anwälten in Auftrag gegebene Expertise unterstelle Käferstein "atemraubende handwerkliche Mängel". Und "Sport-Bild" berichtet, "unter Eingeweihten" werde eine "irre Geschichte erzählt" ­ dass nämlich die bei Käferstein untersuchten Haare gar nicht von Daum stammten. Eine irre Geschichte gibt es tatsächlich: Daum selbst, so berichten frühere Vertraute, habe versucht, die Haarprobe zu manipulieren ­ und bis zum Schluss darauf gebaut, dass er damit durchkomme. Lange Zeit schon gingen in der Branche Gerüchte um, der Trainer nehme Koks. Bewiesen wurde nie etwas. Wegen seiner sportlichen Erfolge verpflichtete der DFB ­ Motto: "Keine Macht den Drogen" ­ am 2. Juli vergangenen Jahres Daum als kommenden Bundestrainer. Nur acht Tage später offenbarte laut Anklage ein 14-mal vorbestrafter Gastwirt im Eifeldörfchen Ahrbrück einem ihm bekannten Thekensteher, er benötige dringend eine Ration Stoff, weil eine größere Lieferung auf sich warten lasse. Was er nicht wusste: Der Gast war V-Mann der Kriminalpolizei Koblenz, Drogendezernat. Er brauche, soll also der Kneipier Hans-Josef Welter erzählt haben, 100 Gramm Kokain für seinen Kölner Kumpel Rüdiger Klemens. Und der brauche den Stoff für ­ Christoph Daum. Daum. Der Name elektrisierte die Kripo-Leute. Die Aussage ihres V-Manns reichte, um bei Rüdiger Klemens eine Telefonüberwachung zu schalten. Am 17. August, anderthalb Monate nach seiner Berufung zum Bundestrainer, hörten dann die amtlichen Lauscher den Namen Daum so zum ersten Mal. Ein Telefonat führten beide an jenem Tag Punkt 15.28 Uhr, ein zweites drei Minuten später. Daum bat Klemens, ihm "auch was von den Schlaftabletten zu besorgen". Dass Daum ein Doppelleben führte, mögen wenige gewusst und andere erahnt haben. Den meisten blieb es verborgen, auch den Verantwortlichen des Stromriesen RWE. Mit dem designierten Bundestrainer startete die Firma eine Kampagne, um die "strategische Neuausrichtung" des Unternehmens publik zu machen ­ Slogan: "Das Denken hat die Richtung geändert." Dafür, so die RWE-Werber, sei Daum "Gewährsmann und Symbolfigur". Fast zeitgleich flüsterte am Telefon ein Szenekenner, dem Daum müsse doch "jetzt der Arsch brennen" ­ weil in einschlägigen Kreisen über ihn getuschelt werde. Als die Münchner "Abendzeitung" Ende September vorigen Jahres aus heiterem Himmel über "Schnupf-Orgien" und "wilde Partys mit Prostituierten" berichtete, hakte sich Uli Hoeneß ein. Der Manager des FC Bayern München befand, Daum könne niemals Bundestrainer werden ­ falls das Gerücht über den "verschnupften Daum" ein Faktum sei. Nach außen gab Daum den Souveränen. Er erstattete gegen Hoeneß Strafanzeige wegen Verleumdung und übler Nachrede und erklärte: "Es war nie etwas, und es wird nie etwas sein." In seiner Zweitwelt hingegen wirkte er fast wie ein Paranoiker. Er glaubte, auf sein Büro im Leverkusener Stadion seien Mikrofone gerichtet, und er war überzeugt, dass seine Telefone abgehört würden. Deshalb habe er sich mit Daum, schnatterte Klemens über Leitung, "mittels Zettel und Kuli unterhalten". Während Klemens offenbar plante, bei einem Buchmacher gegen Daum als Bundestrainer zu wetten und so auf viel Geld spekulierte, setzten ihm Daum-Freunde zu. Einer forderte ihn auf, dem Christoph "unbedingt die Stange zu halten" ­ selbst wenn er "100 000 Meineide schwören" müsse. Genau in dieser Phase versuchte Daum, sich öffentlich zu entlasten. Es war geplant, auf einem Gipfeltreffen beim DFB den Widerstand von Hoeneß und anderen Bayern-Funktionären zu brechen. Daum wollte, als Beweis seiner angeblichen Unschuld, die Haaranalyse. Doch er schoss ein Eigentor. Am 20. Oktober stand der Kokswert fest: 72 Nanogramm pro Milligramm, "+/-13". Rekord im Käferstein-Institut. Als ihm Leverkusens Manager Reiner Calmund nächtens das Ergebnis präsentierte, brach Daum ein. Wie es in dieser Nacht weiterging, darüber will Calmund "nur als Zeuge vor Gericht" etwas sagen. Aber vor der Kripo gab er zu Protokoll, Daum habe zugegeben, "gelegentlich im privaten Kreis" gekokst zu haben ­ ein so hoher Wert aber könne nicht "stimmen". Dann habe er von "Fehlern und Manipulation" geredet ­ und er gestand, was jetzt in Insiderkreisen bekannt ist: Nicht seine Haare hätten untersucht werden sollen, sondern die "von meinem Bruder". Calmund ("Mir sind beide Thesen von Daum aus dieser Nacht bekannt") ließ die Geschehnisse jener Stunden "minutiös aufzeichnen und protokollieren". Auch Klemens hatte am Telefon über die Haarprobe geredet. "Der", also Daum, habe nicht vorgehabt, seine eigenen Haare abzugeben, erzählte er einem "Johannes". Und einer Bekannten erklärte Klemens, "der" habe ihn gebeten, "seine Haare dafür zu geben". Klemens fügte hinzu: "So'n Schmarrn." Sollte die Zeugenschilderung zutreffen, müsste beim Haar-Austausch etwas schief gegangen sein. Was das war und wie er den Tausch hätte bewerkstelligen wollen, wird wohl im Prozess zur Sprache kommen ­ falls die zuständige Strafkammer das Hauptverfahren eröffnet. Dass ihm die Käferstein-Untersuchung juristische Schwierigkeiten bereiten könnte, ist Daums eigene Schuld. Er deponierte das Papier daheim im Safe ­ wo es bei einer Durchsuchung gefunden wurde. Mediziner Käferstein hätte es wegen der ärztlichen Schweigepflicht nicht herausrücken dürfen. Daums Kölner Anwalt Rolf Stankewitz hüllt sich in Schweigen, "generell" nehme er zum Verfahren keine Stellung. Daums Bruder Eberhard mag "derzeit" nichts sagen, aber immerhin so viel: "Ich habe meinen Bruder sehr gern, ich würde für ihn alles tun." GEORG BÖNISCH



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