Dynamo Dresden in Quarantäne "Es werden Kollateralschäden in Kauf genommen"

Nach positiven Coronatests muss Zweitligist Dynamo Dresden 14 Tage in Quarantäne. Im Interview spricht Mittelfeldspieler Marco Hartmann über nicht berücksichtigte Ängste der Spieler und den Vorwurf der Sabotage.
Ein Interview von Jörn Meyn
Dynamo Dresden ist Tabellenletzter der Zweiten Liga, hat aber nur einen Punkt Rückstand auf den Relegationsplatz 16

Dynamo Dresden ist Tabellenletzter der Zweiten Liga, hat aber nur einen Punkt Rückstand auf den Relegationsplatz 16

Foto: Steffen Kuttner/ imago images

SPIEGEL: Herr Hartmann, wie fühlt man sich, wenn man erfährt, dass in der eigenen Mannschaft, mit der man eben noch im Vollkontakt trainiert hat, zwei Corona-Infizierte waren?

Hartmann: Ich habe mich gefragt: Was ist, wenn du dich selbst angesteckt hast? Wir haben am Tag vor den positiven Tests Standardsituationen trainiert. Dabei hatten sehr viele von unseren Spielern über eine halbe Stunde lang sehr intensiven Kontakt. Zweikämpfe, Kopfballduelle, alles auf sehr engem Raum. Vorher hatte ich immer den Eindruck, dass das Hygiene-Konzept gut ausgearbeitet ist. Dass schon alles gut gehen wird. Plötzlich aber waren wir selbst betroffen. Das hat mich sehr beschäftigt.

Foto: Gabor Krieg/ imago images/Picture Point LE

Marco Hartmann, 32 Jahre alt, spielt seit 2013 für Dynamo Dresden. Bis zum Sommer war der Mittelfeldspieler Kapitän der Sachsen. Nachdem am Samstag zwei Dresdner Profis positiv auf den Covid-19-Erreger getestet wurden, mussten Hartmann und der Rest der Mannschaft für 14 Tage in Quarantäne. Der zweifache Familienvater kritisiert, dass die Spieler bei der Entscheidung über die Fortsetzung der Saison nicht einbezogen wurden. Und er wehrt sich gegen die Vorwurf der Manipulation. Hartmann hat neben seiner Profikarriere Mathematik und Sport auf Lehramt studiert.

SPIEGEL: Das Dresdner Gesundheitsamt hat entschieden, das gesamte Team in Quarantäne zu schicken und nicht nur die beiden infizierten Spieler. Das hat die DFL unter Druck gesetzt.

Hartmann: Ich befürworte die Entscheidung. Niemand weiß, ob sich noch jemand infiziert hat. Wir müssen eine mögliche interne Infektionskette durchbrechen, und dafür brauchen wir eben die 14 Tage, weil die Inkubationszeit so lang sein kann.

SPIEGEL: Am Montag wurde Ihr Team erneut getestet, alle Ergebnisse waren negativ.

Hartmann: Ja, aber das bedeutet nicht, dass sich nicht doch jemand bei den anderen beiden Infizierten angesteckt hat. Ich habe mich erkundigt. Im Durchschnitt braucht es fünf bis sieben Tage, bis ein Test wirklich anschlägt. Also war nicht der Test am Montag entscheidend, es wird erst der nächste sein. Erst dann werden wir wissen, ob es noch mehr von uns getroffen hat.

SPIEGEL: Sie sind vor wenigen Wochen zum zweiten Mal Vater geworden. Erschwert das für Sie die aktuelle Situation?

Hartmann: Ja. Ich habe ein Säugling zu Hause, dazu eine Frau im Wochenbett. Deshalb habe ich Ängste. Die allgemeine Studienlage scheint zwar so zu sein, als gehörten beide nicht zu einer Risikogruppe. Aber trotzdem beeinflusst das meinen Blick auf das alles. Ich frage mich: Wer übernimmt eigentlich die Verantwortung, wenn doch etwas passiert und nur ein einziger Spieler einen schweren Krankheitsverlauf haben sollte?

SPIEGEL: Dynamo Dresden ist aktuell Tabellenletzter in der Zweiten Liga. Es gibt den Vorwurf, dass Ihnen deshalb ein Saisonabbruch ganz gelegen käme.

Hartmann: Ich ärgere mich darüber, dass ich mich zum Umgang des Profifußballs mit dem Coronavirus nicht schon vor zwei Wochen kritisch geäußert habe. Eine derartige Betrachtung schockiert mich. So etwas zu denken, ist einfach nur Wahnsinn. Ich bin Sportler. Ich steige lieber mit erhobenem Haupte ab, als mit irgendeiner Aktion einen Abbruch zu forcieren. Und mal ehrlich: Die Saison wird doch nicht abgebrochen, weil Dynamo Dresden in Quarantäne muss. Dafür ist unsere Lobby zu klein und dafür geht es gerade insgesamt für den Fußball um zu viel.

SPIEGEL: Können Sie versichern, dass hier nicht der Fortgang der Saison sabotiert werden soll?

Hartmann: Ja, zu 100 Prozent. Die Entscheidung des Gesundheitsamts war notwendig. Wir haben offengelegt, wie die letzten Tage vor den positiven Tests bei uns verlaufen sind. Und das mussten wir, denn es geht hier ja nicht nur um eine Fußballsaison, sondern um Verantwortung: für Spieler und deren Familien.

SPIEGEL: Wurden die Spieler genug in die Entscheidung über die Fortsetzung der Saison einbezogen?

Hartmann: Meines Wissens nach wurden wir gar nicht einbezogen. Womöglich hätte es sonst viele Fragen gegeben. Das Hygiene-Konzept an sich versprüht einen Hauch von Sicherheit. Und trotzdem sind wir Spieler mit unseren Ängsten und Fragen alleingelassen worden. Verstehen Sie mich nicht falsch: Nicht jeder Spieler hat Bedenken. Es gibt auch viele, die sich sicher fühlen und die sich freuen, dass sie wieder spielen können. Aber man hätte eine Möglichkeit finden müssen für die Spieler, die sagen: Ich habe Angst. Das hätten nicht die Vereine allein machen sollen, es hätte von der DFL kommen müssen. Aber um das zu erreichen, sind wir Spieler in Deutschland leider nicht gut genug organisiert.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass es eine Vielzahl von Spielern gibt, die sich nicht öffentlich äußert, aber Bedenken hat?

Hartmann: Bedenken haben sicher einige. Aber man betrachtet das alles auch als Ganzes. Wenn ich nur meine eigene Situation mit meiner Familie sehen würde, hätte ich gesagt: Lasst uns diese Saison abbrechen. Aber es geht ja auch um Existenzen von Vereinen, es geht um Angestellte. Das muss man alles mit einbeziehen. Trotzdem sage ich: Man hätte uns Bedenken nehmen können, wenn man viel mehr mit uns Spielern geredet hätte. Und damit meine ich nicht die Vereine. Bei Dynamo hat man sehr transparent kommuniziert und sich sehr intensiv um uns gekümmert.

SPIEGEL: Unter der Woche wurde berichtet, dass ein Teil der Dynamo-Spieler aufgrund der Angst vor Corona streiken wollte. Der Klub hat das dementiert.

Hartmann: Einige Journalisten, die das behaupten, sollten ihre Quellen oder Fantasien noch mal ganz genau hinterfragen. Richtig ist: Es wurde innerhalb des Teams kontrovers diskutiert. Aber es gab keinen einzigen Spieler, der gesagt hat: Ich streike, ich mache das nicht mehr mit. Wir wollen weitermachen, wir wollen sportlich in der Zweiten Liga bleiben. Es gab nie nur im Ansatz den Gedanken zu streiken. 

Marco Hartmann nach dem bisher letzten Spiel von Dynamo in dieser Saison. Am 8. März schlug Dresden im Sachsen-Derby Aue mit 2:1

Marco Hartmann nach dem bisher letzten Spiel von Dynamo in dieser Saison. Am 8. März schlug Dresden im Sachsen-Derby Aue mit 2:1

Foto: Dennis Hetzschold/ imago images

SPIEGEL: Jens Lehmann, der neue Aufsichtsrat der Hertha BSC KGaA, hat in einem Interview gesagt, dass infizierte Spieler damit klarkommen müssten, solange die Symptome nicht so schlimm sind. Wie sehen Sie das?

Hartmann: Das ist nicht mein Denkmuster. Es gibt einfach auch junge Menschen, bei denen die Krankheit einen schweren Verlauf nimmt. Ich bin kein Alarmist: Ich würde in den nächsten Wochen auch meinen Sohn wieder in die Kita geben, obwohl ich mich damit einem gewissen Infektionsrisiko aussetzen würde. Trotzdem darf man die Risiken doch nicht so runterreden. Es gibt die Befürchtung, dass bei einer Infektion Vernarbungen der Lunge entstehen. Das könnte für Sportler die Karriere beeinträchtigen.

SPIEGEL: Es wird neben der Ansteckungsgefahr auch über ein deutlich erhöhtes Verletzungsrisiko bei den Spielern debattiert, das durch die lange Spielpause und das unzureichende Mannschaftstraining entstehen könnte. Machen Sie sich darüber Gedanken?

Hartmann: Ja. Als feststand, dass die Saison fortgesetzt wird, hatte ich gehofft, dass wir nicht am 16. Mai starten, sondern erst eine Woche später. Allein schon deshalb, um mehr Zeit für Mannschaftstraining zu haben und einigermaßen vorbereitet zu sein auf intensive sechs Wochen mit vielen Spielen. Aber der Druck, am 30. Juni fertig zu sein mit dieser Saison, ist so hoch, dass einfach Kollateralschäden in Kauf genommen werden. Wenn man sich diesen Druck nehmen und bis in den Juli hinein spielen würde, dann wäre ein Zeitpuffer da, um einen fairen Wettbewerb zu ermöglichen. Auch dann noch, wenn weitere Teams in Quarantäne gehen müssten.

SPIEGEL: Haben Sie das Gefühl, nach den 14 Tagen in Quarantäne noch eine faire Chance im Kampf um den Klassenerhalt zu besitzen?

Hartmann: Bis jetzt ist noch keine Entscheidung getroffen, wann wir wieder einsteigen müssen. Meiner Meinung nach bräuchten wir nach der Quarantäne zwei Wochen, um den Trainingsrückstand aufzuholen. Ich weiß, dass es besondere Umstände sind in dieser Zeit und dass es nicht mehr gleiche Bedingungen für alle geben kann. Aber ich finde, man sollte es zumindest so fair wie möglich gestalten.

SPIEGEL: Die DFL hat vorgeschlagen, dass bei einem Saisonabbruch trotzdem die beiden Letztplatzierten absteigen. Darüber ist eine Debatte unter den Klubs entbrannt. Wie beurteilen Sie das?

Hartmann: Wir haben eine schlechte Hinrunde gespielt, haben uns dann in der Rückrunde aber wieder Stück für Stück herangekämpft. Und jetzt stellen wir uns mal vor, dass wir zwei Wochen in Quarantäne sind und danach wird die Saison abgebrochen. Dann wären wir abgestiegen, ohne dass wir noch eine Möglichkeit bekommen hätten, das zu verhindern. Das wäre einfach nicht fair.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass diese Saison zu Ende gespielt wird?

Hartmann: Ich hoffe, dass die positive Entwicklung der letzten Wochen in Deutschland anhält. Dass wir weiter Stück für Stück öffnen können und die Fallzahlen unten bleiben. Wenn das so kommt, dann wird auch diese Saison zu Ende gespielt werden. Ich würde mir das jedenfalls wünschen.