Neonazis im Stadion Die To-do-Liste gegen rechts

Die Trauerfeier für einen Neonazi beim Chemnitzer FC zeigte, wie groß das Problem mit rechten Fußballfans ist. Wie bekommen es die Vereine in den Griff? Ein Beispiel liefert ausgerechnet Dynamo Dresden.

Fans von Dynamo Desden
imago/ photoarena/ Eisenhuth

Fans von Dynamo Desden

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Es gab Zeiten, da hat sich Uwe Leuthold bei seinem Lieblingsverein geekelt. Wenn er im Block des Rudolf-Harbig-Stadions zwischen den treuesten, aber auch härtesten Anhängern von Dynamo Dresden stand, und von dort aus Affenlaute auf das Spielfeld gebrüllt wurden, sobald ein dunkelhäutiger Spieler des Gegners an den Ball kam. Oder wenn wieder dieser Gesang ertönte: "Eine U-Bahn bauen wir, von Jerusalem bis nach Auschwitz, eine U-Bahn bauen wir." Leuthold hat sich dann geschämt. Aber es war irgendwie auch normal - damals in Dresden, in den Neunziger- und Nullerjahren.

Am Samstag empfängt der sächsische Zweitligaklub den Ostrivalen 1. FC Magdeburg. Es werden dann wieder harte Kerle im K-Block des Rudolf-Harbig-Stadions stehen. Es wird vielleicht auch ein paar TV-Bilder geben, die sich Funktionäre im professionellen Fußball nicht mehr wünschen. Pyrotechnik, Schmähplakate gegen den DFB. Aber Uwe Leuthold, ein jahrelanger Dynamofan und Buchautor über den Klub ("SG Dynamo Dresden. Fußballfiebel") hat trotzdem ein gutes Gefühl. Er weiß ja: Es wird keine U-Bahn mehr verbal nach Auschwitz gebaut, und auch Affen werden nicht zu hören sein.

Typisch Ostklub ist ein Reflex

"Das habe ich ewig nicht mehr bei uns im Stadion erlebt", sagt der 43-Jährige. Leuthold wird demnächst ein zweites Buch über den Klub veröffentlichen. Und er schreibt den Dynamo-Blog "spuckelch.de", auf dem er sich mit der eigenen Fanszene auseinandersetzt. "Dass ein bekannter Neonazi im Stadion geehrt wird wie jetzt in Chemnitz, das würde bei uns jedenfalls nicht passieren", sagt Leuthold.

Die Trauerfeier für den bekennenden Rassisten Thomas Haller im Stadion des Regionalligisten Chemnitzer FC vor einer Woche war ein Skandal. Seither geraten rechte Fußballfans wieder in den Fokus.

"Typisch Chemnitz", hieß es dann, wo im vergangenen Spätsommer bereits CFC-Hooligans an den gewaltsamen, rechtsmotivierten Demonstrationen beteiligt waren. "Typisch Ostklub", war auch ein Reflex. Nur wenige Tage zuvor hatte die "Süddeutsche Zeitung" eine Recherche darüber veröffentlicht, wie rechtsextreme Hooligans die Fankurve von Energie Cottbus in ihrer Gewalt haben.

Es handelt sich hier nicht um Fußball, bei dem zufällig ein paar Rechte anwesend sind, sondern der Sport wird systematisch als Ersatzspielfeld für die Verbreitung der rechtsradikalen Ideologie ausgewählt. Durch ihr Engagement im Sport würden die Rechtsextremen versuchen, "nicht nur die Sympathie der örtlichen Bevölkerung zu gewinnen, sondern ihre Weltanschauung als eine ganz normale Meinung zu präsentieren", heißt es im sächsischen Verfassungsschutzbericht von 2017. "Unter den Sportarten zeigt sich eine erhebliche Dominanz des Fußballs."

Das Problem muss erst einmal als Problem erkannt werden

Was aber kann man als Fußballverein tun, wenn man ein Problem mit rechten Fans hat? Wie kriegt man das Problem in den Griff? "Indem man zunächst überhaupt mal die Sache als Problem versteht, dann eine eigene Haltung dagegen entwickelt, sie kommuniziert und - am wichtigsten - den positiven Teil der eigenen Fanszene mit einer strategischen Fanarbeit stärkt", sagt Robert Claus, ein Hooligan-Forscher, der auch Klubs berät.

Claus hat beobachtet, dass dieser Maßnahmenkatalog zum Beispiel bei Borussia Dortmund und auch Werder Bremen erfolgreich angewandt wurde. Aber er nennt noch ein weiteres Beispiel, das zunächst überrascht: "In kleinen Schritten zwar, aber doch merklich, kommen sie auch bei Dynamo Dresden voran", sagt er.

Die Sachsen sind ein Klub mit einer gewissen Fanhistorie - die vor allem nach der Wende durch Gewalt und Rechtsextremismus geprägt war:

  • 1991 schloss die Uefa Dynamo für zwei Jahre von Europapokalspielen aus, nachdem im März das Spiel gegen Roter Stern Belgrad abgebrochen werden musste. Dresdner Fans hatten Steine auf das Spielfeld geworfen, auch Reichskriegsfahnen waren zu sehen und rassistische Sprechchöre zu hören gewesen.
  • Mit dem Abstieg des achtmaligen DDR-Meisters und Uefa-Pokal-Halbfinalisten von 1989 in die Unterklassigkeit und dem Schrumpfen der Zuschauerzahlen wurden die radikalen Köpfe immer sichtbarer.

"In den Neunzigerjahren waren Sieg-Heil-Rufe im Stadion noch Alltag", sagt Marek Lange. Lange war viele Jahre selbst aktiver Fan bei Dynamo. Seit 2012 ist er Fanbetreuer der Dresdner und soll mithelfen, dass so etwas wie 2011, als beim Drittligaspiel gegen Hansa Rostock ein antisemitisches Plakat im Dynamoblock gezeigt wurde und auch "Hansa Rostock, Juden, Juden, Juden" gebrüllt worden sein soll, nicht mehr passiert.

Pyrotechnik von Dresdner Fans
imago/ Sven Simon

Pyrotechnik von Dresdner Fans

Lange ist niemand, der sich Illusionen hingibt. Er weiß, dass die AfD bei der Bundestagswahl 2017 in Dresden mit 22,5 Prozent nur knapp hinter der CDU (23,5) zur zweitstärksten Partei gewählt wurde. Er weiß auch, dass Dresden zum Pegida-Kernland gehört - und dass sich das alles eben auch im Stadion von Dynamo und dem Umfeld des Klubs wiederfindet:

  • Bei den Demonstrationen gegen Flüchtlinge 2015 sah man mancherorts das Dynamo-Logo.
  • Zudem sollen Hooligans aus dem Dynamo-Fanumfeld an den Krawallen von Lille bei der EM 2016 beteiligt gewesen sein, als vor einem Spiel der deutschen Nationalelf ukrainische Fans angegriffen wurden. Es gibt ein Foto von ihnen mit Reichskriegsflagge und "Dresden Ost"-Schal.
  • Auch beim Länderspiel gegen Tschechien in Prag im September 2017, als aus dem deutschen Block Sieg-Heil-Rufe zu hören waren, soll sich hinter einer "Deutschland-Dynamo"-Zaunfahne eine Gruppe von Neonazis versammelt haben, die aus dem Umfeld der Dynamo-Fangruppierung "Faust des Ostens" (FdO) stammen.
  • Diese wurde bereits wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung angeklagt. FdO-Mitglieder sollen auch am Angriff auf den linksalternativen Leipziger Stadtteil Connewitz im Januar 2016 beteiligt gewesen sein.

Keine Insel der Glückseligen

"Es ist hier nicht die Insel der Glückseligen", sagt Lange. "Wir sind nicht St. Pauli oder Babelsberg. Es gibt bei uns Fans, die eine rechte Meinung haben, aber peu à peu verändert sich etwas." Dabei muss man unterscheiden, was im Dresdner Stadion passiert, wo der Verein und eine größere Zahl von gemäßigten Fans Einfluss hat, und was außerhalb. Und man muss zwingend rechtsradikale Auswüchse und anderweitige Aktionen auseinanderhalten, mit denen Dynamoanhänger in der jüngeren Vergangenheit auffällig geworden sind. Wie das Abbrennen von Pyrotechnik, oder der Fanmarsch in Tarnfarbenmontur mit einem "Krieg dem DFB"-Plakat in Karlsruhe 2017.

Macht man das, dann erkennt man die Fortschritte im Umgang mit rechts bei Dynamo Dresden. Dass der Verein und seine Anhänger aktiv gegen Rassismus und Diskriminierung eintreten, wurde 2008 in die erstmals verfasste Fancharta aufgenommen. Das Problem als Problem erkennen - der erste Punkt auf der Antirassismus-To-do-Liste für Vereine.

Fans im Dynamo-Stadion
REUTERS

Fans im Dynamo-Stadion

Nummer zwei lautet: Haltung entwickeln und kommunizieren. "Wir wollen unseren Fans zeigen, dass wir für eine offene, tolerante, demokratische Gesellschaft sind", sagt Lange. Dafür beteiligt sich der Verein seit 2010 einmal im Jahr an einer Menschenkette in der Innenstadt. Es ist eine Gegenveranstaltung zu den Neonazimärschen anlässlich der Erinnerung an die Zerstörung der Stadt durch alliierte Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg am 13. Februar.

Eine Faninitiative verändert den Diskurs bei Dynamo

2015, in der Hochphase der Flüchtlingskrise, lud der Klub Geflüchtete zu einem Heimspiel ein. Das Banner "Rassismus ist kein Fangesang" gibt es zu verschiedenen Anlässen seit 2007 im Stadion. Der Spruch prangt heute auf allen Dauer- und Tageskarten. Seit 2011 läuft die Profimannschaft einmal im Jahr mit einem Sondertrikot auf: "Love Dynamo - Hate Racism".

Es ist der Slogan der antidiskriminierenden Faninitiative "1953international", die sich 2006 nach einem rassistischen Vorfall im Dynamo-Stadion gründete und seither den Diskurs in der Anhängerschaft mit verändert hat. "1953international ist für uns ein wichtiger Partner. Sie legen den Finger immer wieder in die Wunde", sagt Lange. Den positiven Teil der Fanszene stärken, Punkt drei.

Das geht jedoch nur mit einer professionellen Fanbetreuung. In Dresden arbeiten drei Hauptamtliche, beim Chemnitzer FC war es dagegen nur eine Nichthauptamtliche, die der Verein allein ließ in einem schwierigen soziokulturellen Umfeld.

Alemannia Aachen als abschreckendes Beispiel

Die aktive Fanszene in Dresden aber ist kein statisches Gebilde. Sie verändert sich ständig. Und in ihr werden Themen wie Antirassismus immer wieder neu verhandelt. Ende 2000 gründeten sich die "Ultras Dynamo". Sie wuchsen zur vorherrschenden Gruppierung in Dresden heran. "Damit hat sich etwas verschoben", sagt Lange. Ein Insider berichtet dem SPIEGEL, dass innerhalb der Ultras Dynamo rechte, linke und unpolitische Mitglieder nebeneinander existieren. Dass es sich dabei um ein sensibles Machtgeflecht handelt, das auch wieder verrückt werden kann.

Fans und Mannschaft 2017
DPA

Fans und Mannschaft 2017

Es herrscht das Gesetz der Selbstregulierung, und das passiert über einen simplen gemeinsamen Nenner: Politik hat auf der Tribüne nichts verloren. Allein um das Wohl des Vereins soll es gehen. Wer sich daran nicht hält, fliegt raus. Die "Faust des Ostens" etwa wurde vor einiger Zeit aus dem K-Block, wo die Ultras stehen, gedrängt, heißt es.

Fußball ist natürlich nie unpolitisch. Aber auch Lange betont den Verzicht auf Politik jenseits von Antidiskriminierungsmaßnahmen. Denn bei einem offen ausgetragenen Konflikt könnte es Dynamo so ergehen wie Alemannia Aachen. Dort standen sich rechte und linke Fangruppen rivalisierend gegenüber, und schließlich haben die Rechten die Linken 2013 aus dem Stadion gedrängt.

Das Berücksichtigen der Fragilität der Szene gehört zur strategischen Fanarbeit - sowie Ausdauer. "Unser Weg soll glaubwürdig sein. Wir wollen keine Symbolpolitik betreiben", sagt Marek Lange. Es dauere seine Zeit, bis sich die Kultur der Kurve verändert - und es gebe immer wieder Rückschläge.

40.500 Euro Geldstrafe nach Übergriffen und einem Hitler-Gruß

Am Freitag verurteilte der DFB Dynamo Dresden zu einer Geldstrafe in Höhe von 40.500 Euro. Während des Spiels gegen St. Pauli im Dezember 2018 gab es Tumulte und einen verletzten Ordner. Ein Banner mit diskriminierenden Inhalten wurde gezeigt - und von einem Dynamofan sogar der Hitler-Gruß. "Wir machen drei Schritte vor und zweieinhalb zurück. Aber am Ende sind wir trotzdem einen halben Schritt vorangekommen. So kommen wir kontinuierlich nach vorn", sagt Lange.

Im sächsischen Verfassungsschutzbericht von 2017 taucht Dynamo Dresden nicht auf - der Chemnitzer FC schon.

Dynamofan und Blogger Uwe Leuthold nimmt die Bemühungen seines Vereins trotz solcher Rückschläge wahr. Den Angriff auf Rechtsaußen verfolgt er weiter kritisch mit dem Wissen, "dass sich der Rassismus nicht von heute auf morgen aus den Köpfen kriegen lässt".

Aber dann überrascht Leuthold auch manchmal noch sein eigener Klub. Als der dunkelhäutige Dynamo-Spieler Erich Berko im vergangenen Herbst bei einer Partie in Regensburg von Fans rassistisch beleidigt wurde, hing im Heimspiel danach ein Plakat im Dresdner K-Block. Darauf zu lesen war: "Erich Berko - einer von uns."



insgesamt 11 Beiträge
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aidan 16.03.2019
1. Dynamo geläutert??
Ich weiß nicht, wie Sie zu dieser Einschätzung kommen, die Sie hier verbreiten. Beim letzten 2.Liga-Spiel von Dynamo Dresden beim SV Darmstadt 98 waren eindeutige Schriftbänder zu sehen und Sprechchöre zu hören mit rechtsradikalem Inhalt. Oder war das etwa nur, weil der SV 98 in der Szene meist als "linker Verein" angesehen wird?
giremii 16.03.2019
2. Handeln statt Beichten
Wenn Rechsextrimismus genau so bestraft würden wie z.b. ladendiebstahl, dann hätten wir sicherlich eine andere Entwicklung. Wenn die Handlungen keine Konsequenzen nach sich ziehen, hmmm....
martsen 16.03.2019
3. @ #1
Können Sie sagen, was auf den Spruchbändern zu sehen war oder wie der Wortlaut der Rufe waren? Ich konnte auf die schnelle nichts rechtsextremes finden.
kh.groenewald 16.03.2019
4. martsen,
rechtsextreme können noch soviel suchen, da es in deren Ideologie nichts rechtsextremes existiert. Siehe AfD.
martsen 16.03.2019
5. kh.groenewald
Danke. ich war mir über meine politische Ausrichtung noch nicht so im Klarem. Ich fragte nach einem Beleg für eine Ausage - die Antwort darauf ist, dass ich rechts bin, wenn ich selber keinen finde.
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