Dynamo Kiew Superstars mit Minderwertigkeitskomplex

In den Siebzigern galten die Fußballer von Dynamo Kiew als "Wundermannschaft aus dem Osten". Zwei deutsche Filmemacherinnen haben sich jetzt auf die Suche nach den Stars von einst gemacht.

Von Jörg Schallenberg


Kiews ewiger Trainer: Waleri Lobanowski
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Kiews ewiger Trainer: Waleri Lobanowski

München - Es reicht schon eine einzige Szene, um die ganze Faszination dieser Mannschaft zu spüren: Da bekommt der Linksaußen mit der Nummer 11 und den langen blonden Haaren den Ball noch in der eigenen Hälfte zugespielt, trabt ein paar Schritte, zieht dann mit einem unglaublichen, doch scheinbar mühelosen Antritt an Schwarzenbeck vorbei, stoppt in Höhe des Strafraums, sieht, dass niemand mitgelaufen ist, trickst Katsche Schwarzenbeck noch einmal aus, düpiert zwei weitere Verteidiger mit kurzen Haken und schießt an Maier vorbei ins lange Eck. Es ist das Supercup-Finalhinspiel 1975 zwischen Bayern München und Dynamo Kiew, und der Mann mit der Nummer elf heißt Oleg Blochin.

Mitte der siebziger Jahre galt Blochin als bester Linksaußen der Welt. Zugleich war er der Star im Kollektiv von Dynamo Kiew, dem "Roten Orchester", das mit seinem offensiven und technisch überragenden Spiel zu jener Zeit zu den absoluten Spitzenteams in Europa zählte. Alexandra Gramatke und Barbara Metzlaff haben sich mit ihrem Dokumentarfilm "Dynamo Kiew - Legende einer Fußballmannschaft" auf die Suche nach den Spielern von einst begeben, die damals in der Sowjetunion und heute noch in der Ukraine als Helden verehrt werden. Besonders viel haben die Filmemacherinnen dafür nicht in der Welt herumreisen müssen. Zwar arbeitet Blochin heute als Trainer des Erstligisten Ionikos Nikea in Griechenland, aber seine Mannschaftskameraden wie Torwart Jewgenij Rudakow, Verteidiger Stefan Reschko und Mittelfeldspieler Wiktor Matwienko wohnen alle noch in Kiew - in den Wohnungen, die sie damals von der Partei als Belohnung für ihre Leistungen erhielten.

Auch sonst verharren die "Sputniks", wie die Dynamo-Spieler einst von der westlichen Presse genannt wurden, noch sehr in der alten Welt. Sie kicken gemeinsam in einer Veteranen-Elf, arbeiten in den Berufen, die ihnen die Partei nach Karriereende verschafft hat, sei es als Trainer oder, wie Reschko, als Polizeioffizier (Dynamo war der Polizeisportverein). Heute noch schwärmen sie davon, wie wichtig es war, für ihr Land und für die Ehre zu spielen.

Es scheint, als sei die Zeit so an ihnen vorbei gerauscht wie einst Blochin an Schwarzenbeck. Dynamo Kiew firmiert heute als Aktiengesellschaft, spielt in der Champions League und gilt als modernster und erfolgreichster Club Osteuropas. Der Trainer ist immer noch derselbe - Walerij Lobanowski, den man im Film als gut aussehenden, grinsenden und energischen Mittdreißiger so gar nicht in Verbindung bringen kann mit jenem Fleischklops, dessen starrer, ungesunder Gesichtsausdruck uns heute von der Mattscheibe entgegenblickt.

Dass Lobanowski zu keinem Interview bereit war, ist sicher eine der größten Schwächen des Films. So bleiben seine Konzepte und Methoden, die Dynamo zum Erfolg führten, weiter im Dunkeln, auch wenn Wiktor Matwienko noch heute über den "Koeffizienten der Nützlichkeit" staunt, den Lobanowski für jeden Spieler aus Laufwegen, Ballberührungen und Fehlpässen berechnete.

Aus Gramatkes und Metzlaffs biederen Dokumentation bleibt vor allem die merkwürdige Rolle der Dynamo-Spieler haften, die in ihrer Heimat als Superstars gefeiert wurden und säckeweise Fanpost bekamen, die in der ganzen Welt umherreisten und als Erste modern geschnittene Anzüge und lange Haare mit in die Sowjetunion brachten - und die doch, wie Jewgenij Rudakow freimütig zugibt, immer einen "Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Stars aus dem Westen" besaßen. Zu Beckenbauer oder Cruyff schauten sie auf, wie die Dynamo-Fans zu ihnen aufschauten. In den Westen ist trotz aller Angebote außer Blochin mit 40 Jahren als Spielertrainer zu Aris Saloniki aber niemand gewechselt - und das nicht nur aus Angst vor Konsequenzen für die Familie. Die "Sputniks" sind stolz darauf, was sie geleistet haben. Stefan Reschko sagt: "Die Erinnerung der Bevölkerung gilt mehr als alles andere. Die bleibt für immer."

"Dynamo Kiew - Legende einer Fußballmannschaft". Hamburg 2000. Buch und Regie: Alexandra Gramatke; Barbara Metzlaff. Länge: 60 Minuten.

Der Film wird im Herbst 2001 auf Arte ausgestrahlt, als Kaufvideo kann man ihn bei der Produktionsfirma "die thede", Fax: 040-8991135, bestellen.



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