Edinson Cavani von Manchester United Der Toröffner und sein Urteil

Als er kam, wurde er als Panikkauf bezeichnet. Doch Kritik an seinem sportlichen Können hat Stürmer Edinson Cavani verstummen lassen. Dafür geriet er in den Mittelpunkt einer Rassismusdebatte.
Edinson Cavani (v.) in seinem bislang besten Spiel für United, im November bei Southampton

Edinson Cavani (v.) in seinem bislang besten Spiel für United, im November bei Southampton

Foto:

Mike Hewitt / Getty Images

Ole Gunnar Solskjær schaute sich im Stadion um und begann zu grinsen, als er beschrieb, was seinen Stürmer Edinson Cavani in den kommenden 90 Minuten erwarten würde. Cavani werde nun »echten englischen Fußball« erleben, sagte der Trainer von Manchester United. Er sagte das bei Temperaturen um den Gefrierpunkt im Stadion von Burnley, einer Industriestadt im Norden, deren Fußballmannschaft bekannt ist für ihre destruktive, harte Spielweise.

Das war am vergangenen Dienstag gewesen. Manchester gewann das Spiel 1:0 und vollbrachte damit etwas, auf das die Fans des Rekordmeisters lange hatten warten müssen: United wurde Tabellenführer der Premier League. Letztmals war das zu einem so fortgeschrittenen Zeitpunkt in einer Saison gelungen, als der Trainer Sir Alex Ferguson hieß, 2012/2013, der Spielzeit, in der United letztmals Meister wurde. Am Nachmittag (17.30 Uhr, TV: Sky) könnte der Klub die Tabellenspitze ausbauen – aber auch verlieren. Im direkten Duell gegen Verfolger FC Liverpool.

Gegen Burnley traf Cavani nicht, für den Erfolg der Mannschaft war er trotzdem wichtig. Er hat sich seit seinem Wechsel zu den Red Devils zu Saisonbeginn zu einem entscheidenden Puzzlestück in der Offensive entwickelt. Und er wurde zugleich ein Teil der in England schwelenden Debatte über Rassismus im Fußball.

Cavani, 33, kam am letzten Tag der Transferperiode zu United, er wurde als Panikkauf  bezeichnet: alt und doch teuer, ohne Spielpraxis zudem, weil er zuvor bei Paris Saint-Germain lange Zeit hatte zuschauen müssen. Sein letztes Tor hatte er im Februar 2020 erzielt.

Cavani im Jahr 2017 im PSG-Trikot: Für die Franzosen erzielte er in 301 Einsätzen 200 Treffer

Cavani im Jahr 2017 im PSG-Trikot: Für die Franzosen erzielte er in 301 Einsätzen 200 Treffer

Foto: JB Autissier / imago/PanoramiC

Kritik an seinem sportlichen Können ließ er spätestens verstummen, als er Ende November bei Southampton beim Stand von 0:2 eingewechselt wurde und United mit zwei Treffern und einer Vorlage noch zum Sieg führte. Ein Instagram-Posting nach dem Spiel wurde dann der Auslöser einer viel gewichtigeren Form der Kritik.

»Gracias, negrito«, hatte Cavani geschrieben, offenbar an einen Freund gerichtet. »Danke dir, kleiner Schwarzer«. Der englische Verband FA eröffnete ein Ermittlungsverfahren, an dessen Ende Cavani mit einer Sperre über drei Pflichtspiele samt Geldstrafe über 100.000 Pfund  belegt wurde.

Aus Südamerika wurde wiederum die Bestrafung kritisiert. Die FA, so der Vorwurf, habe bei ihrem Urteil linguistische Eigenheiten des Kontinents ignoriert ; »negrito« sei dort ein gängiger Kosename und nicht rassistisch intendiert.

Nur: Man kann etwas als Nettigkeit oder gar Kompliment meinen und dabei trotzdem rassistisch sein. Und wer einen Kosenamen aufgrund biologischer Merkmale vergibt, verleiht diesen eine unpassend hohe Bedeutung.

Die FA gibt kein gutes Bild ab

Gleichwohl gibt die FA in der Causa Cavani kein gutes Bild ab. Cavanis authentisch wirkende Reue  wurde offenbar nicht strafmildernd bewertet. Derselbe Verband hatte 2019 davon abgesehen, Wayne Hennessey von Crystal Palace mit einer Strafe zu belegen, nachdem dieser auf einem Foto dem Anschein nach einen Hitlergruß machte. Die FA ließ sich von Hennessey überzeugen, dieser wisse gar nicht, was ein Hitlergruß sei. Während Hennessey ungestraft blieb, musste Cavani drei Spiele zuschauen.

Gegen Burnley durfte er erstmals wieder spielen und den echten englischen Fußball erleben. Und mit der Härte auf dem Platz kam Cavani klar. Vor allem aber verlieh er Uniteds Spiel im gegnerischen Strafraum eine Qualität, die ihm in der vergangenen Saison abgegangen war. Denn Cavanis größte Stärke sind seine Laufwege im Sechzehner.

Es gibt ein Muster, nach dem er sich bewegt, man kann das bei ihm immer wieder beobachten: Sobald seine Mannschaft auf einer Seite des Feldes nach vorne gelangt, schlendert er im Strafraum auf die andere Seite, er bringt damit große Distanz zwischen sich und den Ballführenden. Sobald sich eine Hereingabe andeutet, zündet Cavani; er sprintet los in Richtung des ersten Pfosten und bewirkt damit zwei Dinge:

  • Er bringt sich selbst in eine gute Schussposition – fast alle Cavani-Tore resultierten aus Ein-Kontakt-Abschlüssen aus recht kurzer Torentfernung.

  • Er hinterlässt einen Freiraum hinter sich. Denn der plötzliche Sprint zum ersten Pfosten bewirkt, dass in der Regel mindestens Cavanis Bewacher, manchmal gar ein zweiter Verteidiger, mit dem Stürmer mitlaufen. Dieses Toröffnen kommt Cavanis Teamkollegen zugute, die auf Cavanis Sprint lauern, um dann in den Freiraum vorzustoßen.

In Paris profitierten Neymar und Kylian Mbappé davon, in Manchester sind es Anthony Martial, Bruno Fernandes und Marcus Rashford. 13-mal schoss United in Burnley aufs Tor. An mehr als der Hälfte war Cavani beteiligt, entweder als Schütze oder Vorlagengeber, oder durch sein Räumeöffnen.

Die Partie in Burnley war zugleich erst das dritte Spiel, in dem er über 90 Minuten auflaufen durfte. 15 Einsätze stehen für Cavani zu Buche, dabei kam er auf 682 Minuten, in denen er vier Tore erzielte und zwei Vorlagen gab. Dass er nicht öfter spielte, dürfte daran liegen, dass er mit den Jahren Tempo eingebüßt zu haben scheint, gerade über größere Distanzen. Auch das Arbeitspensum, das Cavani immer ausgezeichnet hatte, scheint etwas geschrumpft. Beides wäre am Nachmittag eigentlich besonders wichtig.

Das Spiel, auf das Englands Fußball gewartet hat

Dann bekommt Englands Fußball ein Spiel, auf das er in dieser Konstellation lange hat warten müssen. United tritt an beim FC Liverpool, es ist das Duell der beiden erfolgreichsten Klubs der englischen Geschichte und zugleich das Aufeinandertreffen zweier Erzrivalen. Das Besondere an der Partie ist diesmal die Tabellensituation: Liverpool ist Zweiter, United Erster. Das hat es so in England nur selten gegeben .

Dass Meister Liverpool auch nach fast der Hälfte der Saison um den Titel mitspielen würde, war klar. Aber United? Man kann das eine Überraschung nennen.

Spieldaten  legen nahe, dass Uniteds Tabellenführung auch manch glücklichem Umstand zu verdanken ist. Dass die Konkurrenz aus Liverpool und Manchester City den Red Devils in den kommenden Wochen enteilen könnten. Und dass das einzig wirklich nachhaltige Plus die Offensive ist. Tatsächlich schießt die Mannschaft im Schnitt mehr Tore als im Vorjahr. Aber da fehlte ihr auch noch ein echter Mittelstürmer im Team.