Trainer-Legende Ede Geyer "Der Osten ist vom großen Fußball Lichtjahre entfernt"

Eduard "Ede" Geyer war Trainer in Cottbus und in Dresden. Nun treffen beide Teams aufeinander, in der dritten Liga. Im Interview verrät Geyer, wem er die Daumen drückt - und beklagt den Zustand des Ostfußballs.

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Ein Interview von


Zur Person
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    Eduard "Ede" Geyer, 71 Jahre alt, ist ein ehemaliger Fußball-Profi und heutiger -Trainer. Er coachte unter anderem die DDR-Nationalmannschaft, Dynamo Dresden und Energie Cottbus. Mit Cottbus stieg er 2000 in die erste Bundesliga auf - und erreichte 1997 das DFB-Pokalfinale.
SPIEGEL ONLINE: Herr Geyer, kürzlich haben Sie bei der Lausitzer Rundschau angerufen, um über die Lage bei ihrem Ex-Klub Energie Cottbus zu sprechen. Was war da los?

Geyer: Ich verfolge die Situation in Cottbus sehr intensiv. Obwohl es da momentan um alles geht, kommen manchmal nur 6000 Zuschauer zu den Heimspielen. Deshalb habe ich in der Redaktion angerufen und gesagt, dass sie Leute mobilisieren sollen. Die Cottbusser müssen sich jetzt zusammenschließen, damit der Verein Erfolg hat. Das musste ich einfach loswerden.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren zehn Jahre lang Trainer bei Energie, führten das Team bis in die Bundesliga. Nun droht der Abstieg in die Regionalliga. Können Sie sich an eine ähnlich bedrohliche Situation in der Geschichte des Klubs erinnern?

Geyer: Wir haben in der Bundesliga und in der zweiten Liga auch immer gegen den Abstieg gespielt. Aber damals wussten wir ja, wo wir im Falle eines Misserfolgs landen. Wenn Cottbus jetzt absteigt, dann landen sie ja erstmal in der, tja...

SPIEGEL ONLINE: ...Regionalliga...

Geyer: Eigentlich im Nichts.

SPIEGEL ONLINE: Was würde passieren?

Geyer: Man hat in der dritten Liga schon Probleme, das Geld aufzutreiben. Wie soll man da in der Regionalliga eine ordentliche Mannschaft aufbauen? Das ist unheimlich schwer. Man sieht es bei anderen Mannschaften, etwa Jena, wie schwierig es ist, aus dieser Liga aufzusteigen.

SPIEGEL ONLINE: Cheftrainer bei Energie ist Vasile Miriuta. Sie kennen ihn noch als Spieler. Was ist er für ein Typ?

Geyer: Einen wie ihn gibt es ja fast gar nicht mehr. Miriuta war ein Spielführer, ein Regisseur. Er ist sehr ehrgeizig. Als Spieler hat er weniger dazwischengehauen, er war eher der Stratege und das war auch gut für uns. Um ihn herum haben wir Spieler gruppiert, die für ihn die Drecksarbeit machen mussten. Aber mit dem Ball fiel ihm alles leicht.

SPIEGEL ONLINE: Kann er Cottbus retten?

Geyer: Er hat bislang keine schlechte Arbeit gemacht, aber die Mannschaft hat zu oft unentschieden gespielt. Wenn man ihn an der Seitenlinie sieht, ist er sehr engagiert und will am liebsten mitspielen. Ich hoffe, dass er die Mannschaft erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Am kommenden Samstag trifft Cottbus auf Dynamo Dresden (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), auch dort waren Sie schon Trainer. Dresden steht derzeit an der Tabellenspitze, der Aufstieg in Liga zwei ist ihnen kaum mehr zu nehmen. Wie gefällt Ihnen der Dynamo-Fußball?

Geyer: Ich wohne in Dresden und wenn ich nicht gerade unterwegs bin, gehe ich zu jedem Spiel. Insgesamt ist die Saison bisher sehr gut verlaufen. Aber ich hätte mir gewünscht, dass sie mit dem komfortablem Vorsprung in der zweiten Saisonhälfte stabiler spielen. Man hätte sich jetzt eine Menge Selbstbewusstsein für die zweite Liga holen können. Das ist etwas ärgerlich, auch für die 25.000 Fans, die dort regelmäßig hingehen. Die wollen Dresden doch siegen sehen!

SPIEGEL ONLINE: Mit Dresden, Cottbus, Hansa Rostock, dem Halleschen FC, dem Chemnitzer FC, dem 1. FC Magdeburg und Rot-Weiß Erfurt spielt die halbe ehemalige DDR-Oberliga in der dritten Liga. Sind Sie traurig, dass die großen Duelle des Ostfußballs mittlerweile so weit unten stattfinden?

Geyer: Natürlich. Die Zukunft haben wir uns zur Wendezeit ein bisschen anders vorgestellt. Dresden und Rostock haben es zwar in die Bundesliga geschafft, aber es gab viele Scharlatane aus dem Westen, die keinen guten Einfluss genommen haben und einige Klubs finanziell ruiniert haben. Eine andere Wahrheit ist jedoch auch, dass die Klubs viele Fehler gemacht haben. Dresden ist zwischenzeitlich bis in die vierte Liga abgestiegen. Dabei hat der Klub früher im Europapokal der Landesmeister mitgemischt. Gegen Bayern, Lissabon, Liverpool. Doch der Osten ist vom großen Fußball zurzeit Lichtjahre entfernt.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt ein Gegenbeispiel: RB Leipzig. Dort hat man keine Geldprobleme und ist erfolgreich. Der Klub steht vor dem Aufstieg in die erste Liga. Sind Sie froh, dass es diesen Klub gibt?

Geyer: Was heißt froh? Die haben dort gute Arbeit gemacht. Und was ich gut finde: Sie haben einen relativ kleinen Personenkreis, der entscheidet. Nicht so ein aufgeblähtes Konstrukt mit Hunderten von Vorständen. Auch mit Geld kannst du Fehler machen. Leipzig hat die Gesetze des DFB eingehalten, deshalb ist das auch akzeptabel.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Effekt könnte ein Leipziger Aufstieg haben?

Geyer: Wenn sie ganz oben spielen, werden sie viele Zuschauer anlocken, vielleicht auch aus der Region Dresden und Umgebung. Die Leute wollen hier ja auch mal wieder Dortmund, Gladbach oder Bayern sehen.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie nicht, dass genau das für die anderen Vereine schlecht sein könnte?

Geyer: Ja, das kann so sein. Aber ich denke, dass gerade Dresden aufgrund der großen Fan-Euphorie auch weiterhin ein volles Stadion hat. Die Leute lieben Dynamo. Aber einige Menschen aus der Stadt werden sich schon ab und zu fragen, ob sie nicht doch mal nach Leipzig fahren, um die Bayern oder den BVB zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist es für den Ostfußball, einen Erstligaklub zu haben?

Geyer: Für die Jugend, für die Vorbildwirkung, ist das sehr, sehr wichtig. Um die Wendezeit hatten wir einige Vorzeigevereine. Jetzt haben wir da wenig.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben es Ostklubs so schwer im deutschen Fußball?

Geyer: Wenn du im Erfolg Fehler machst, dann spielst du bald gegen den Abstieg. Auf lange Sicht konnten wir den Standard einfach nicht halten. Wir hatten zu wenige Sponsoren und Investoren, um die Mannschaften zu entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Fiese Frage: Dresden oder Cottbus, für wen sind Sie am Samstag?

Geyer: Ich bin zwar mehr Dresdner, weil ich hier lebe, aber ganz klar: Ich drücke Cottbus die Daumen. Ich war 23 Jahre bei Dynamo, zehn Jahre in Cottbus, beide Vereine liegen mir am Herzen. Aber ich glaube, dass Dresden sicher aufsteigen wird. Und Cottbus braucht die Punkte unbedingt. Die Dresdner sollen mir das aber bitte nicht verübeln.

Energie Cottbus vs. Dynamo Dresden - der Ost-Klassiker
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    In der dritten Liga kommt es am Samstag um 14 Uhr zu einem dramatischen Ost-Klassiker: Dynamo Dresden, mit neun Punkten Vorsprung Spitzenreiter der Tabelle, muss bei Energie Cottbus antreten. Die Cottbusser stehen auf dem 16. Rang und haben lediglich einen Punkt Vorsprung auf einen Abstiegsplatz.



insgesamt 25 Beiträge
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paulhaupt 01.04.2016
1. Geld regiert die Welt
Der jämmerliche Zustand des Ost-Fußballs illustriert eindrucksvoll, das Fußball in Deutschland eine rein kommerzielle Veranstaltung ist. Ich finde als solche sollte er auch behandelt werden.
Androupolis 01.04.2016
2.
Kommerzialisierung ist eine Sache. Nachwuchsarbeit eine andere. Und wenn ich mir so die aktuelle Nationalmannschaft anschaue, dann kommt bis auf Kroos und Boateng kein Nationalspieler aus dem Osten. Und gute Jugendspieler setzen sich überall durch. Die Probleme sind sicherlich tiefgreifender als nur die Kommerzialisierung.
juergenfinger 01.04.2016
3. Volkssport
Als unverbesserlicher Nostalgiker und Fan von Bernie Klodt, Adi Preissler, August Gottschalk und Erich Schanko (wg.meiner "Frisur") möchte ich lieber Hansa Rostock gegen Kaiserslautern statt Chemie Leverkusen gegen SAP Hoffenheim sehen. Selbst Oberhausen würde bei einem bevorstehenden Duell gegen Real Madrid köpfer stehen als das gelangweilte VW Wolfsburg. Leider haben die Ostvereine mit egomanen Präsidenten vieles selbst verschuldet, aber wenn ich ich schon kräftig Soli zahle möchte ich den Osten auch oben mitspielen sehen - in jeder Hinsicht.
phboerker 01.04.2016
4. @2
Boateng aus dem Osten? Als geborener West-Berliner betrachte ich mich als Norddeutschen. Da Boateng im Wedding aufgewachsen ist, habe ich meine Schwierigkeiten damit, ihn als "aus dem Osten" anzusehen...
Everybodys darling 01.04.2016
5. Da fehlt einer
Wie immer hat man bei der Aufzählung der Ostclubs den FC Erzgebirge Aue vergessen. Aue ist zwar ne kleine Stadt, aber immerhin Zweiter der 3.Liga!!
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