Daniel Raecke

Europas Fußball vor der Spaltung Ein kaputtes System

Daniel Raecke
Ein Kommentar von Daniel Raecke
Die Pläne zur Gründung einer neuen Super League schaffen nicht den Wettbewerb im Fußball ab. Der ist schon abgeschafft. Sie beenden nur die Fiktion, im Profifußball könne jeder jeden schlagen.
Ex-Bayern-Spieler Thiago nach dem gewonnenen Champions League-Finale 2020: Der Wettbewerb, der vermeintlich abgeschafft wird, existiert schon jetzt nicht mehr

Ex-Bayern-Spieler Thiago nach dem gewonnenen Champions League-Finale 2020: Der Wettbewerb, der vermeintlich abgeschafft wird, existiert schon jetzt nicht mehr

Foto: Michael Regan - UEFA / Getty Images

Was halten Sie von folgendem Vorschlag für die Organisation des Fußballs:

  • Es gibt nationale Ligen, deren Erlöse so verteilt werden, dass die reichsten Klubs das meiste Geld bekommen, immer wieder, sodass die Unterschiede immer größer werden und die Meister de facto immer schon vor der Saison feststehen.

  • Dazu gibt es Europapokalwettbewerbe, an denen diese reichsten Klubs garantiert immer teilnehmen, sodass sie noch mal mehr Geld bekommen als alle anderen. Diese Wettbewerbe heißen »League«, sind aber keine Liga, sondern eine Gruppenphase, in der die besten und reichsten Klubs davor geschützt sind, gegeneinander zu spielen.

  • Als Rahmenorganisation führt das alles ein Verband, dessen Strukturen extrem korruptionsanfällig sind – und zwar in Trinidad und Tobago genauso wie in Deutschland. Ein Verband, der das größte Ereignis der Fußballwelt in ein winziges Land verlegt, das klimatisch so ungeeignet dafür ist, dass der gesamte Spielplan des Weltfußballs dafür auf den Kopf gestellt werden muss.

Klingt alles gar nicht so toll?

Das ist aber genau das System, das jetzt landauf, landab verteidigt wird gegen die neuen Pläne einer europäischen Super League aus 12 bis 20 Topklubs, die vermeintlich die Seele des Fußballs zerstörten.

Die geplante Super League ist natürlich alles andere als demokratisch und dient nur dazu, dass die ohnehin schon reichsten Klubs der Welt einfach ihr eigenes Ding machen können. Aber was genau empört eigentlich alle Welt daran so sehr?

Der Wettbewerb, der vermeintlich abgeschafft wird, existiert schon jetzt nicht mehr. Real Madrid kann aus der neuen Liga nicht absteigen? Boo-hoo. Real Madrid kann auch aus der spanischen Liga nicht absteigen. Real Madrid kann nicht einmal die Champions-League-Qualifikation verpassen. Genauso wenig wie Bayern München aus der Bundesliga absteigen kann.

Der Wettbewerb ist im europäischen Profifußball bereits seit Jahren faktisch außer Kraft gesetzt. Einerseits durch die Umsatzunterschiede, andererseits aber auch durch Instrumente wie die 50+1-Regel oder das Financial-Fair-Play-System der Uefa. Beide behindern Wettbewerb und sichern die Topklubs gegen Konkurrenz ab, die durch Investitionen erwachsen könnte. Was sie nicht verhindern: dass in der Bundesliga schon jetzt fast ein Viertel aller Vereine ausschließlich Konzernspielzeuge sind.

Ein Passionsspiel, das jedes Jahr aufs Neue aufgeführt wird, nur dass man so tut, als wüsste man nicht, wie es am Ende für Jesus ausgeht.

Was die neue Super League abschaffen würde, wäre nicht der Wettbewerb (der könnte je nach Regularien innerhalb dieser neuen Liga sogar spannender sein als bisher), sondern die Fiktion des Wettbewerbs.

Das Versprechen, es theoretisch schaffen zu können, ersetzt wie der amerikanische Traum, es vom Tellerwäscher zum Millionär bringen zu können, eine Welt, in der dieser Aufstieg tatsächlich möglich wäre (so, als wäre der amerikanische Traum real, weil es keine Gesetze gibt, die verbieten, dass Tellerwäscher Millionäre werden). Fußballfans und -medien sind aber seit Jahren so konditioniert, dass sie jede Reform der Verhältnisse bis aufs Blut bekämpfen und dabei indirekt ein System verteidigen, an dem es nichts zu verteidigen gibt.

Sie lassen sich mit einem Pokal abspeisen, der »seine eigenen Gesetze« habe, was etwa so wie die Behauptung ist, die Erdanziehung sei immer mittwochs außer Kraft gesetzt.

Sie verklären die Dominanz des FC Bayern in Deutschland, die sich doch aus der Tatsache, dass der Klub fast doppelt so viel Geld ausgeben kann wie selbst die Nummer zwei im Land, lückenlos erklären lässt, lieber mit Folklore wie »dem Bayern-Gen« oder der »Mia-san-mia-Mentalität«. Dieser Quatsch lenkt aber nur von der Unhaltbarkeit der Zustände im Profifußball ab.

Die Super League ist keine Perversion dieser Zustände, sondern ihre logische Konsequenz. Es gibt viele gute Gründe, sie nicht anzusehen. Sie ist aber ganz sicher nicht schlimmer als die WM in Katar oder das Passionsspiel, das als Kampf um die Meisterschaft in der Bundesliga jedes Jahr aufs Neue aufgeführt wird – nur dass man hier so tut, als wüsste man nicht, wie es am Ende für Jesus ausgeht.

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