Einstellung des Verfahrens gegen Beckenbauer, Zwanziger und Schmidt Fifa und Ethik – das geht nicht zusammen

Der Fußball-Weltverband ist seit Jahren gezeichnet von Korruption und mangelndem Willen zur Aufklärung. Jüngstes Beispiel sind die nun eingestellten Verfahren gegen Beckenbauer, Zwanziger und Schmidt.
Das WM-Organisationskomitee 2006: Niersbach, Zwanziger, Beckenbauer und Schmidt

Das WM-Organisationskomitee 2006: Niersbach, Zwanziger, Beckenbauer und Schmidt

Foto: Kunz/ dpa

Die Ethikkommission der Fifa hat die Verfahren gegen die drei ehemaligen deutschen Topfunktionäre Franz Beckenbauer, Horst R. Schmidt und Theo Zwanziger wegen Verjährung eingestellt. Ermittelt wurde wegen der vom SPIEGEL im Oktober 2015 enthüllten Sommermärchen-Affäre. Zum Verbleib der ominösen 6,7 Millionen Euro wurden keine neuen Sachverhalte bekannt. Im Frühjahr 2020 hatte bereits das Schweizer Bundesstrafgericht die Verfahren gegen Schmidt, Zwanziger und Wolfgang Niersbach eingestellt. Die Schlüsselperson Beckenbauer musste sich damals wegen seines angeblich angegriffenen Gesundheitszustands gar nicht erst als Angeklagter verantworten.

Geradezu süffisant gehen die Fifa-Richter um den Griechen Vassilios Skouris jetzt auf Beckenbauer und seine öffentlichen Auftritte im vergangenen Jahr ein. Es gebe keinerlei unabhängige medizinische Gutachten zu seinem Gesundheitszustand, heißt es. Beckenbauers Interviews und andere Auftritte hätten keinesfalls den Eindruck eines schwer kranken Menschen vermittelt – im Gegenteil, er sei munter gewesen und habe sich an viele, Jahrzehnte zurückliegende Details recht gut erinnert. In der vielfältigen juristischen Aufarbeitung des Sommermärchen-Skandals allerdings hatte sich Beckenbauer an vieles nicht erinnern können und war gesundheitlich fast durchweg verhindert gewesen.

Fifa und Ethik – das geht traditionell nicht gut zusammen

Die Fifa-Ermittlungskammer hatte vor einem halben Jahr erklärt, Beckenbauer, Schmidt und Zwanziger hätten sich bei der getarnten Zahlung von insgesamt 6,7 Millionen Euro (rund zehn Millionen Schweizer Franken) an das Fifa-Exekutivmitglied Mohamed Bin Hammam der Korruption schuldig gemacht. Nun erklären die Fifa-Richter, im Falle Beckenbauer sei die Verjährung bereits 2012 eingetreten, bei Schmidt und Zwanziger im Jahr 2015, die Ermittlungen könnten nicht weiter verfolgt werden. Gegen Bin Hammam war gar nicht erst ermittelt worden.

Fifa und Ethik – das geht traditionell nicht gut zusammen. Die US-Justiz rollte die großen Strafverfahren gegen Dutzende hochrangige Fifa-Fürsten auf Grundlage von Gesetzen zur Bekämpfung organisierter Kriminalität auf. Auf allen Kontinenten laufen diverse Ermittlungen in zahlreichen Strafsachen gegen Funktionäre des Weltverbands und der Kontinentalverbände.

Eine Anekdote verdeutlicht die Skurrilität der Ermittlungen der Ethikkommission. Bin Hammam, seit 2011 wegen Korruption lebenslang gesperrt, war zwischenzeitlich von Fifa-Richter Skouris für tot erklärt worden.  Dabei ist Bin Hammam putzmunter und genießt daheim in Doha seine Reichtümer.

Zwanziger übte heftige Kritik an Untersuchungsberichten

»Der Haupttäter wurde wahrheitswidrig für tot erklärt. Ein unglaublicher Vorgang«, schrieb Theo Zwanziger vor wenigen Tagen an die Fifa-Ethiker. Der ehemalige DFB-Präsident war die treibende Kraft beim Versuch, den Sommermärchen-Skandal aufzuklären. Als Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees hat sich Zwanziger als bislang einziger deutscher Fußballfunktionär auch Verdienste dabei erworben, die mit der WM 2022 in Katar verbundene Kriminalität in der Fifa aufzuklären. Die Ethikkommission hat Zwanziger bislang nicht auf dessen jüngstes Schreiben geantwortet, in dem er auch mitgeteilt hat, in der Schweiz Strafanzeige gegen die beiden Ethikchefs Maria Claudia Rojas (Kolumbien) und Vassilos Skouris (Griechenland) gestellt zu haben – wegen Verleumdung.

Zwanziger hatte die der aktuellen Entscheidung zugrunde liegenden Berichte der von Rojas geleiteten Untersuchungskammer schon vor Wochen heftig kritisiert. »Die im Untersuchungsbericht erhobenen Vorwürfe, ich hätte eine Bestechungshandlung der Haupttäter Franz Beckenbauer, Mohammed Bin Hammam und Fedor Radmann unterstützt, sind unwahr, von keiner auch nur annähernd sachgerechten Beweiswürdigung getragen und damit willkürlich«, schrieb Zwanziger. »Diese Vorwürfe verletzen mich in meiner Ehre, denn ich habe in meinem ganzen Leben in vielen öffentlichen Ämtern mir nie etwas zuschulden kommen lassen.«

Die Kammer hatte auf eine Vernehmung von Bin Hammam vier Jahre lang verzichtet. Zwanziger schlussfolgert daraus: »Eine an der Wahrheit orientierte Aufklärung ist indes bei der Fifa auch offensichtlich nicht gewollt, da man ansonsten möglicherweise die WM in Katar in Gefahr bringen würde. Der Verdacht muss deshalb auf andere abgelenkt werden.«

Silber für Beckenbauer

Im Vergleich der drei Entscheide, die am Donnerstag veröffentlicht wurden, hat Zwanziger gewissermaßen die Goldmedaille erhalten. Der Fall des Aufklärers wurde auf 27 Seiten abgehandelt, Silber ging an Beckenbauer und dessen 20 Seiten, Bronze an den langjährigen DFB-Generalsekretär Schmidt. Im Entscheid zu Zwanziger heißt es, Skouris habe einen Fehler gemacht und als Verstorbenen nicht Bin Hammam, sondern den langjährigen Fifa-Vizepräsidenten Julio Grondona gemeint. Der Argentinier, der nach Aktenlage mehr als 100 Millionen Dollar aus dem Fifa-Imperium abgezweigt hat, war 2014 unmittelbar nach der WM verstorben, zehn Monate vor den spektakulären Anklagen der US-Justiz.

In den jüngsten Entscheiden werden Beckenbauer und Bin Hammam als die Haupttäter im Korruptionsschema Sommermärchen bezeichnet. Zitiert wird eine schriftliche Stellungnahme von Zwanziger aus dem September 2020. Demnach seien die Millionen an Bin Hammam im Jahr 2002 für die Wiederwahl von Blatter verwendet worden. Bin Hammam hatte damals, wie schon 1998, den Wahlkampf Blatters orchestriert.

Die Frage nach den 6,7 Millionen Euro bleibt offen

Das Duo war im Flieger des Emirs von Katar um die Welt gejettet. 2002 stand Blatter gewaltig unter Druck, nachdem ein Teil des Exekutivkomitees Strafanzeige gegen ihn gestellt hatte. Die Schweizer Justiz aber stellte das Verfahren bald ein.

Die Fifa hatte schon in jenen Jahren ein Programm an VIP-Reisen mit besten Tickets zu Weltmeisterschaften entwickelt – für Schweizer Staatsanwälte und Richter. Blatter gewann 2002 in Seoul die Wahl gegen den ebenfalls korrupten Issa Hayatou aus Kamerun.

Ob dies tatsächlich mit jenen 6,7 Millionen Euro aus Deutschland geschah, ist wenig wahrscheinlich. Erkenntnisse von Ermittlern deuten auf andere Auflösungen des Rätsels.

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