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14. Mai 2018, 10:31 Uhr

Braunschweigs Abstieg aus der Zweiten Liga

"Es fühlt sich wie ein Filmriss an"

Vor einem Jahr verpasste Braunschweig in der Relegation den Aufstieg in die Bundesliga. Nun muss die Eintracht in die 3. Liga. Trainer Torsten Lieberknecht wurde zur tragischen Figur.

Als Torsten Lieberknecht Trainer der Profimannschaft von Eintracht Braunschweig wurde, drohte der Klub die Qualifikation für die 3. Liga zu verpassen. Die Eintracht war damals Zwölfter der Regionalliga Nord, nur die zehn besten Teams würden in der neugegründeten Liga mitspielen. Lieberknecht, damals 34 Jahre alt, führte das Team mit sieben Punkten aus drei Spielen auf Rang zehn, gerade so. Das ist fast auf den Tag genau zehn Jahre her.

In dieser Dekade führte Lieberknecht die Eintracht in die zweite Liga und 2013 sogar in die Bundesliga; er blieb auch nach der Rückkehr in Liga zwei bei dem Klub, Offerten anderer Vereine zum Trotz. Unter anderem soll Werder Bremen angefragt haben, mehrfach. Doch Lieberknecht hielt seiner Eintracht die Treue. Er liebe den Verein, sagte er einmal. Man nahm ihm das ab.

Es kann gut sein, dass das Kapitel Lieberknecht in Braunschweig nun beendet wird. Nicht, weil der 44-Jährige ein Angebot aus der ersten Liga annimmt, sondern weil er gehen muss. Denn seit Sonntag steht fest: Die Eintracht ist aus der 2. Bundesliga abgestiegen.

Nach dem 2:6 (2:4)-Debakel bei Holstein Kiel und dem Abrutschen auf den direkten Abstiegsplatz 17 herrschte bei Spielern, Fans und Anhängern Fassungslosigkeit. Erst vor rund einem Jahr hatte der Klub in der Relegation knapp den Aufstieg in die Bundesliga verpasst.

Für das Team von Lieberknecht war es das siebte sieglose Spiel am Stück - der Abstieg hatte sich zuletzt deutlich abgezeichnet. Dem desolaten BTSV half nicht einmal die Rotation von Gegner Kiel, der sich mit sieben Wechseln bereits für die Relegation um den Aufstieg gegen den VfL Wolfsburg am 17. und 21. Mai schonte.

"Es ist ein schwerer Tag, mehr kann ich jetzt noch nicht dazu sagen, weil die Gefühlswelt noch komplett leer ist", sagte Lieberknecht nach dem Spiel. Es sei die "schwärzeste Stunde" seiner zehnjährigen Amtszeit. "Es fühlt sich wie ein Filmriss an", sagte Sportdirektor Marc Arnold: "Die Enttäuschung ist riesig". Für die Eintracht war es der fünfte Abstieg nach 1987, 1993, 2003 und 2007.

Besonders bitter aus Braunschweiger Sicht: Während die Eintracht künftig in Zwickau und Großaspach antreten muss, sind die niedersächsischen Rivalen Hannover und Wolfsburg weit enteilt, dabei standen sich die drei Klubs sportlich vor einem Jahr noch so nah. Zwei Törchen sorgten in der Relegation dafür, dass in der abgelaufenen Spielzeit der VfL und nicht Braunschweig in der Bundesliga antreten durfte. Dabei war die Lieberknecht-Elf damals sogar Herbstmeister gewesen und holte am Ende 66 Punkte, das würde in dieser Saison zur Zweitligameisterschaft genügen. Aufgestiegen ist damals aber Hannover.

Mit dem Abpfiff in Kiel brachen die Braunschweiger Profis in Tränen aus, und mit ihnen ihr Trainer. Lieberknecht ging zu seinen Spielern, nahm sie in den Arm, dann stand der Gang in die Fankurve an. "Mich den Fans zu stellen, war der schlimmste Moment in meinem Leben", sagte Verteidiger Ken Reichel. Wie auch seine Teamkollegen gab er sein Trikot bei den Anhängern ab. Lieberknecht selbst wurde von Fans getröstet.

"Das ist wirtschaftlich eine Katastrophe. Wir haben uns zwar darauf vorbereitet, das macht es etwas besser - nicht viel besser", sagte Braunschweigs Präsident Sebastian Ebel.

Wie es nun weitergeht, darüber wollte bei der Eintracht vorerst niemand sprechen. "Es ist schwer, jetzt daran zu denken. Fans und Spieler, alle sind enttäuscht. Jetzt müssen wir uns beruhigen und dann vernünftig zusammensetzen", sagte Lieberknecht. Sein Vertrag läuft bis 2020. Sollte er ihn erfüllen, wäre er 17 Jahre im Verein gewesen, erst als Spieler, dann als Trainer. Doch selbst die längsten Beziehungen können einmal enden. Da mag die Liebe noch so groß sein.

mon/dpa/sid

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