FC Arsenal Emerys Wackelpudding

Unai Emery sollte den neuen FC Arsenal bauen. Doch die Probleme, die ihm Arsène Wenger hinterließ, konnte der baskische Trainer nicht beheben. Im Gegenteil. Besonders seine Abwehr ist historisch instabil.

David Luiz foult Watfords Roberto Pereyra
Getty Images

David Luiz foult Watfords Roberto Pereyra


Wenn später die Flutlichter in der Commerzbank-Arena angehen, wird Unai Emery wieder ganz in seinem Element sein und den für ihn zuständigen TV-Reporter mit einem rührend-höflichen "Good evening" in seine Analysen einführen. Der Donnerstagabend gehört ihm. Die Europa League ist seine Show.

Dreimal in Folge gewann der 47-Jährige mit dem FC Sevilla den Pokal. In der Vorsaison kam er mit dem FC Arsenal immerhin bis ins Finale in Baku (1:4 gegen Chelsea), und auch in dieser Spielzeit zählen die Londoner unabhängig vom Ausgang der Partie gegen die Eintracht am Abend (18.55 Uhr/im Liveticker bei SPIEGEL ONLINE, Stream: Dazn) zu den Topfavoriten in dem kleineren der zwei europäischen Wettbewerbe. Im Teilnehmerfeld verfügt kaum ein Klub über ein derart großes Offensivpotenzial.

Leider geht es aber für Emery und sein Team nach dem Spiel direkt zurück in den äußerst betrüblichen Ligaalltag. Rein tabellarisch sieht es dort zwar gar nicht mal so schlecht aus. Nur Liverpool (15 Punkte) und Meister Manchester City (10 Punkte) sind besser gestartet.

Beim Anhang hat das Vertrauen in Emery allerdings nach dem beschämend schwachen 2:2 beim Tabellenletzten Watford am Sonntag einen Tiefpunkt erreicht. Sein Arsenal zeigte an der Vicarage Road nicht nur im Detail, was es alles nicht kann - geschlossen verteidigen, fehlerfrei aus der Defensive aufbauen, oder einen 2:0-Vorsprung zur Pause zu verwalten. Es bewies auch, dass es an einer übergeordneten Idee fehlt. Was laut Emery Flexibilität sein soll, eine Symbiose aus Dominanz und Konterfußball, wirkt in der Praxis beliebig und jederzeit geeignet, die Belegschaft zu verwirren. "Wir waren zu ängstlich, um unser Spiel zu zeigen," sagte der Schweizer Granit Xhaka.

David Luiz hat die Abwehr noch verträumter gemacht

Besonders eklatant sind die Probleme in der Defensive. David Luiz, der neue Abwehrorganisator, hat die schon zuvor latent wackelpuddingartige Hintermannschaft nach seinem verdächtig preiswerten Neun-Millionen-Euro-Transfer von Chelsea noch eine Spur verträumter und zerstreuter gemacht. Ein geregeltes Pressing findet zudem seit Monaten nicht mehr statt. Unter dem Strich erinnert das Verhalten ohne Ball derzeit an die schlimmsten Momente in Arsène Wengers Spätwerk.

31 Schüsse ließ Arsenal auf das eigene Tor in Watford zu, für den Klub ein Rekordwert in der Premier League seit dem Beginn der Datenerhebung 2003/2004. Selbst beim berüchtigten 2:8 gegen Manchester United im August 2011 waren nur 25 Bälle in Richtung des Kastens geflogen. Insgesamt kamen die Liga-Gegner der Gunners in der laufenden Saison bereits zu 96 Abschlüssen. In den fünf großen europäischen Ligen kam bisher kein anderer Klub derart häufig unter Beschuss.

Auch Sokratis ist derzeit keine große Abwehrhilfe
REUTERS

Auch Sokratis ist derzeit keine große Abwehrhilfe

Die Defizite in der Rückwärtsbewegung lassen sich mit viel gutem Willen auf den personellen Umbruch im Kader, die mangelnde Erfahrung einiger jüngerer Spieler oder die eine oder andere Verletzung zurückführen. Rund um Highbury wächst jedoch die Sorge, dass dem im Sommer 2018 als international anerkannter Routinier eingesetzten Übungsleiter Emery schlichtweg die Kragenweite fehlen könnte, um den unter Wenger jahrelang unter den eigenen Möglichkeiten werkelnden Verein nachhaltig in Schwung zu bringen.

Insider berichten von quälend langen Videositzungen und Ansprachen, die in der antriebsschwachen Kabine nicht gerade das Blut zum Kochen bringen. Emerys Englisch ist stark akzentbehaftet und arm an Nuancen, im Vergleich mit den Klassenbesten Pep Guardiola und Jürgen Klopp fehlt es ihm auch in der Außendarstellung deutlich an Esprit und Charisma, um sein Erneuerungsprojekt glaubhaft zu verkaufen. Anders als Frank Lampard beim FC Chelsea und Ole Gunnar Solskjær bei Manchester United genießt er im Emirates-Stadion zudem nicht den Vertrauensbonus einer Vereinsikone.

Unai Emery
Reuters/Paul Childs

Unai Emery

Emery kann nur den Fußball seiner Mannschaft für sich sprechen lassen. Aber die Geschichte, die Arsenal gerade erzählt, will kein Fan hören. Es ist die einer Mannschaft, die unter Wengers Nachfolger endlich fußballerische Stringenz finden wollte, aber den eigenen Ansprüchen bisher keinen entscheidenden Schritt näherkommen konnte.

In ihrer derzeitigen Verfassung sind die "good evenings", die schönen Abende, höchstens auf Emerys Lieblingsbühne zu erwarten, an den Donnerstagen gegen minderbetuchte Gegner vom europäischen Festland.



insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Gerwien 19.09.2019
1. Hab´ich doch immer gesagt:
Özil ist von den Medien als türkischstämmiger Deutsch-Engländern hoch gehypte worden (weil das gerade en vogue war), war aber nie ein Spitzenfußballer. Hat man bei der WM 2018 gesehen. Pierre-Emerick Aubameyang aus Ghana wurde vom BVB ausgemustert. Wie Henrikh Mkhitaryan aus Eriwan schon 2016. Der Shkodran Mustafi aus Albanien hat -wenn man die Beurteilung der Abwehr von Arsenal hier liest- ebenfalls nicht reüssiert. Dass Sokratis Papastathopoulos aus Kalamata nun in de Abwehr dort versagt, wundert mich. Der war doch ein ganz stabiler Spieler. Arsenal hat in seinem Kader gerade noch 2 Spieler mit englischen Wurzeln Dann wundert mich gar nichts mehr. Söldnertruppen waren, wenn es hart auf hart geht, schon im alten Rom nie gut und verliessen dann zumeist als Verlierer das Schlachtfeld. Wenn sie nicht schon vorher türmten.
bogibo 19.09.2019
2. @Gerwien
Was ist das denn für ein sinnfreier Kommentar? Ihrer Logik nach dürften die stärksten Mannschaften nur Spieler haben, die 100m um das jeweilige Stadion aufgewachsen sind um den Status "Söldnertruppe" nicht zu erhalten. City und Liverpool strotzen auch nicht gerade vor englischen Spielern und sind top! Arsenal hat schon lange nicht mehr die besten Talente/ Spieler gekauft und keine erkennbare Spielphilosophie entwickelt. Schwächen wurden mit "Pflasterkäufen" behandelt anstatt in gute Lösungen zu investieren. Das geht schon seit Jahren so und nun gibt es halt die Quittung seit einigen Spielzeiten.
Abel Frühstück 19.09.2019
3.
Zitat von GerwienÖzil ist von den Medien als türkischstämmiger Deutsch-Engländern hoch gehypte worden (weil das gerade en vogue war), war aber nie ein Spitzenfußballer. Hat man bei der WM 2018 gesehen. Pierre-Emerick Aubameyang aus Ghana wurde vom BVB ausgemustert. Wie Henrikh Mkhitaryan aus Eriwan schon 2016. Der Shkodran Mustafi aus Albanien hat -wenn man die Beurteilung der Abwehr von Arsenal hier liest- ebenfalls nicht reüssiert. Dass Sokratis Papastathopoulos aus Kalamata nun in de Abwehr dort versagt, wundert mich. Der war doch ein ganz stabiler Spieler. Arsenal hat in seinem Kader gerade noch 2 Spieler mit englischen Wurzeln Dann wundert mich gar nichts mehr. Söldnertruppen waren, wenn es hart auf hart geht, schon im alten Rom nie gut und verliessen dann zumeist als Verlierer das Schlachtfeld. Wenn sie nicht schon vorher türmten.
Aubameyang und Mkhitaryan "vom BVB ausgemustert"?!? Alles klar. Beide Spieler wollten nach ihren jeweils besten Saisons schicht weg aus Dortmund, weil die PL (und das große Geld) lockte. Gerade Mkhitaryan hatte zuletzt beim BVB endlich gezeigt, was er kann (im passenden Mannschaftsgefüge nämlich).
ardiles 19.09.2019
4. Özil war bei der WM besser wie ...
... Kroos Müller Was Kroos für ein Fußball spielt hat er in Paris gestern gezeigt Müller ist seit mehreren Jahren nur noch Durchschnitt Real wäre ohne Kroos auch wieder 3 x CL-Sieger geworden FCB ohne Müller genau so Meister Wenn jemand gehypt wird dann doch eher diese beiden Herren, nicht Özil
conscastenstine 20.09.2019
5. @1 Söldner
Sehr richtig! Nicht unerwähnt bleiben sollte an dieser Stelle die Schweizer Garde. Auch diese saumselige Söldnertruppe hat noch keinen Ernstkampf gewonnen. Wasser auf Ihre Mühlen, Gerwien!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.