Frankfurter Sieg bei Inter Mailand Die guten Europäer

Eintracht Frankfurt und die Europa League, das passt einfach. Viel wird dabei über die Fans und die Offensive der Eintracht gesprochen, doch beim Sieg in Mailand überragte vor allem die Defensive.
Aus Mailand berichtet Marco Fuchs
Frankfurts Siegtorschütze Luka Jovic (v.) jubelt

Frankfurts Siegtorschütze Luka Jovic (v.) jubelt

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Als der Schlusspfiff endlich ertönte, war keine Kraft mehr da zum Jubeln. Die Eintracht-Spieler lagen sauber verteilt auf dem Rasen des Giuseppe-Meazza-Stadions, nur der eben noch von Waden- und Bauchmuskelkrämpfen geschüttelte Sebastian Rode reckte die Fäuste gen Himmel. Zu viel Kraft hatten die vielen Konter gekostet, zu denen sich die Eintracht wieder und wieder aufgerafft hatte. Zum Erfolg führte keiner von ihnen. So blieb es im Spiel gegen Inter beim 1:0 für die Eintracht durch das frühe Tor von Luka Jovic in der fünften Minute - der Treffer, der nach dem torlosen Remis im Hinspiel für die Viertelfinalqualifikation der Eintracht sorgte.

Erst als der etatmäßige Coach Adi Hütter unter großem Jubel auf seinen Vertreter Christian Peintinger traf, nahm die Party auf dem Rasen Fahrt auf. Hütter musste die Partie auf der Tribüne verfolgen, weil er im Hinspiel am Spielfeld eine Wasserflasche umgetreten hatte und daraufhin des Innenraums verwiesen wurde. Sein Co-Trainer Peintinger vertrat ihn an der Außenlinie und auch bei der Pressekonferenz. "Für mich persönlich war es ein aufregendes Ereignis, unsere Mannschaft vor so einer tollen Kulisse coachen zu dürfen. Es war ein überragendes Gefühl, am Ende noch mal mit den Fans zu feiern", sagte Peintinger.

Offiziell 13.500 Fans hatten die Eintracht nach Mailand begleitet - mehr waren noch nie bei einem Auswärtsspiel der Frankfurter dabei. Und diese alte Betonschüssel mit den markanten Türmen und den scheußlichen Toiletten war genau der richtige Ort, um die Geschichte der SGE-Lustreisen in dieser Spielzeit fortzuschreiben. Vor knapp 22 Jahren sicherte sich hier Schalke 04 den Pokal im Vorgängerwettbewerb - das vielleicht letzte Bundesligateam, das den Wettbewerb jenseits der -Champions League-Fleischtöpfe so mit Leben erfüllt hatte. Aus der viel beschworenen Mehrfachbelastung hat die Eintracht eine mehrfache Freude gemacht.

Die Defensive macht den Unterschied

"Vor dieser Leistung kann man nur den Hut ziehen. Wie die Mannschaft heute aufgetreten ist, mit welchem Willen sie das Ding gewinnen wollte", sagte Sportdirektor Bruno Hübner. Und in der Tat: Wie Jovic und sein Sturmpartner Sébastien Haller nach hinten arbeiteten, mit welcher Wucht Filip Kostic (meiste Ballaktionen, 71 Prozent gewonnene Zweikämpfe, zehn Flanken) agierte - beeindruckend.

Dabei sorgte die fehlende Vollendung der mitunter großartig herausgespielten Kontern in schöner Regelmäßigkeit für tausendfaches Aufstöhnen. Höhepunkte waren die schlecht ausgespielte 4:2-Situation von Kostic (77. Minute) und der Kopfball von Jovic in die Arme von Samir Handanovic, als er sich aus wenigen Metern die Ecke aussuchen konnte und doch in der Nachspielzeit das 2:0 verpasste.

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Doch Fundament des Erfolges war nicht der Glanz der Offensiven, sondern der Beton der Defensiven. "Wir standen hinten gut", sagte Makoto Hasebe und sorgte damit für die Untertreibung des Abends. Hasebe, Evan N'Dicka und Martin Hinteregger ließen unterstützt von Rode fast nur Schüsse von außerhalb des Strafraums zu. Kevin Trapp, im Hinspiel noch viel geforderter Held samt pariertem Strafstoß, hatte bei seinen Interviews in fließendem Italienisch mehr zu tun als bei den Angriffsaktionen von Inter.

Kritik an Inter-Trainer Spalletti

Deren Trainer Luciano Spalletti musste sich bei der Pressekonferenz nicht nur die bis ins Stadioninnere dringenden Jubelgesängen der Eintracht-Fans anhören, sondern auch harsche Fragen der italienischen Journalisten. Vom sonst hoch gelobten Flügelspiel war nichts zu sehen, auch das frühe Umstellen auf Dreierkette brachte nichts. Die Aufstellung des lange verletzten Keita Baldé sei "übereilt" gewesen, gestand Spalletti ein, ansonsten habe sein Team insgesamt "zu wenig Ordnung gehabt und zu viele falsche Entscheidungen getroffen."

Doch auch seine ganz eigene Entscheidung, Leistungsträger Marcelo Brozovic überhaupt nicht einzusetzen und stattdessen mit Davide Merola und Sebastiano Esposito einen 18- und einen 16-Jährigen einzuwechseln, sorgte für Murren. Die Europa League abschenken, nur um am Sonntag beim Derby Milano gegen Tabellennachbar Milan besser auszusehen? Während Spalleti eifrig dementierte, verschwand das Gesicht seines Pressesprechers immer tiefer in den Händen.

Doch auch bei der Eintracht gab es zum Ende dieses sportlich herausragenden Abends samt der erstmaligen europäischen Viertelfinalqualifikation seit 1995 noch Unstimmigkeiten: Nachdem in der zweiten Hälfte im Eintracht-Block hinter dem Tor von Handanovic immer wieder Bengalos gezündet wurden, landeten einige davon im von Fans der Nerazzurri besetzten Unterrang. Bitter für Eintracht Frankfurt, schließlich steht der Verein nach diversen Vergehen dieser Art unter Beobachtung der Uefa.

Schlimmstenfalls könnte die nächste Auswärtsfahrt dieser aufregenden Europa-League-Saison für Eintracht Frankfurt so enden, wie sie in Marseille begonnen hatte: ohne Auswärtsfans.

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