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31. Oktober 2019, 10:15 Uhr

Eintracht-Sieg bei St. Pauli

Kraftlos ins Topspiel

Aus dem Millerntorstadion berichtet

Eintracht Frankfurt hat gegen St. Pauli zwar die nächste Pokalrunde erreicht, baute in der zweiten Hälfte aber stark ab. Die Mannschaft hat mit der hohen Belastung zu kämpfen - und jetzt kommen die Bayern.

Es war eine der wenigen Kontersituationen, die Eintracht Frankfurt beim FC St. Pauli tatsächlich hatte. Aber Erik Durm musste seinen Lauf in der 80. Minute auf dem linken Flügel abbrechen. Er drehte ab, breitete die Arme aus, verzweifelt. Wohin nur mit dem Ball? Schließlich war nur ein Querpass möglich, ohne Raumgewinn. Und dann hatte die Eintracht Glück, dass Hamburgs Marvin Knoll den Frankfurter Dominik Kohr mit einem Foul stoppte. Freistoß statt Gegenangriff.

Die Aktion war Ausdruck der Ideenlosigkeit der Gäste in Hälfte zwei, der fehlenden Präsenz in der Offensive. Die Gäste bewegten sich nicht mehr gut, erlaubten sich nach der Pause viele Konzentrationsschwächen, also ungenaue Zuspiele und Ballverluste.

Der Eintracht fehlt es schon in dieser frühen Phase der Saison an Kraft. Der 2:1 (2:1)-Sieg in der zweiten Pokalrunde beim FC St. Pauli war bereits das 20. Frankfurter Pflichtspiel, das sind klar die meisten aller Bundesligisten. Die hohe Belastung sei derzeit zu sehen, sagte Sportdirektor Bruno Hübner: "Insgesamt merkt man der Mannschaft an, dass wir im Moment alle drei Tage spielen." Sebastian Rode sprach von einem "enormen Pensum".

Kostic fehlt - kaum Gefahr über außen

Gerade jetzt aber stehen wichtige, anstrengende Wochen an, mit entscheidenden Spielen in der Europa League - und dem Bundesligaheimspiel gegen die Bayern schon am Samstag (15.30 Uhr ZDF und Sky, SPIEGEL-Liveticker). Für Angst sorgt ein Besuch der Münchner derzeit zwar nicht mehr. Eine gute Leistung und topfitte Spieler wird die Eintracht dennoch brauchen. Und die Partie bei St. Pauli zeigte hier eben Defizite, aufgrund von Rotation und Verletzungen.

Das war besonders auf den Außenpositionen zu beobachten. Dort liefen Timothy Chandler und Erik Durm anstelle von Filip Kostic (Knieprobleme) und Danny da Costa (Bank) auf - und strahlten deutlich weniger Gefahr aus. Da Costa selbst fand gar nicht ins Spiel, als er zur zweiten Hälfte eingewechselt wurde. Er bekam früh einen Schlag ab und wirkte fortan gehemmt.

Im Sturm fehlte weiterhin André Silva, dafür kehrte Bas Dost zurück. Und er brauchte nur 16 Minuten, um zu zeigen, wie wichtig er für diese Mannschaft ist. Dann hatte er bereits die beiden Tore erzielt, die letztlich zum Sieg reichen sollten. Erst traf er wuchtig per Kopf (4. Minute), dann elegant mit einem Lupfer (16.).

"Keine Entlastung mehr"

Mit seiner Torgefahr, seiner Effektivität und seiner körperlichen Stärke ist er als Zielspieler extrem bedeutend für Frankfurt. Aber auch Dost war anzumerken, dass er so kurz nach seinen Adduktorenproblemen längst noch nicht bei hundert Prozent ist. Auch er baute in der zweiten Hälfte stark ab, verlor viele Bälle.

So gab Frankfurt nach der Pause keinen Torschuss ab und verlor die Kontrolle über die Partie. "Wir haben keine Entlastung mehr nach vorne gehabt. Wir haben überhaupt keinen Tiefgang gehabt", sagte Hütter. Rode führte diese Probleme direkt auf die geringe Regenerationszeit zurück. Bälle in der Spitze halten, Läufe in die Tiefe - "das fehlt dann ein bisschen", sagte er.

Noch vor der Pause war sein Team so dominant aufgetreten, dass ihr gelungen war, was nur wenige Mannschaften bei einem Flutlichtspiel am Millerntorstadion schaffen: Sie drehten die Lautstärke auf den Tribünen deutlich herab. Marvin Knoll sorgte mit seinem Distanzschuss an den Innenpfosten zwar mal für einen Aufschrei (24.). Letztlich erwachten die Heimfans aber erst mit dem Anschlusstreffer per Handelfmeter durch Waldemar Sobota wieder (42.).

"Bayern in jedem Spiel Favorit"

Aber auch als durch den knappen Spielstand, die Nachlässigkeiten der Frankfurter und den beherzten Auftritt St. Paulis eine packende, Millerntor-typische Atmosphäre entstand, ließ die Eintracht kaum Torgefahr zu. Das Team war extrem auf Stabilität bedacht und verlor diese selbst in der eigenen langen Schwächephase nur selten.

Auch die Bayern dürften damit Probleme bekommen. Der Rekordmeister erlebt ebenfalls hohe Belastung, hat defensiv große Verletzungssorgen und enttäuschte beim knappen Sieg gegen Zweitligist Bochum einmal mehr. Team und Verantwortliche hadern, suchen nach dem eigenen Selbstverständnis. Trotzdem bleibt der Respekt in Frankfurt groß: Die Bayern seien "in jedem Spiel schwer zu bespielen", sagte der Ex-Münchner Rode: "Das wird am Samstag auch schwer, egal in welcher Verfassung die sind."

Für Dost ist der FCB "in jedem Spiel Favorit". Aber: "Wir zu Hause - das hat man schon gesehen - sind richtig stark." Besonders wichtig wird es für Frankfurt sein, dass Dost nach seinen 88 Minuten in Hamburg auch am Samstag einsatzbereit ist. Dass Hinteregger, der wie Chandler zur Pause angeschlagen raus musste, keine Schmerzen mehr hat. Dass vielleicht auch Kostic oder Silva zurückkehren. Und dass die Mannschaft insgesamt wieder mehr Kraft hat.

Wieder mal bleiben für all das aber nur wenige Tage.

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