Eintracht Frankfurt vor Europa-League-Viertelfinale Elf Adler sollt ihr sein

Die Eintracht ist das zweitbeste Team der Rückrunde, in der Europa League noch ungeschlagen und träumt dort vom Halbfinale. Ein Grund für den Erfolg ist Trainer Hütter - weil er aus Fehlern gelernt hat.

Eintracht Frankfurt hat in elf Rückrundenspielen 25 Punkte geholt - nur der FC Bayern ist besser (28 Punkte)
Ina Fassbender / DPA

Eintracht Frankfurt hat in elf Rückrundenspielen 25 Punkte geholt - nur der FC Bayern ist besser (28 Punkte)

Von Tobias Escher


Es ist das Symbol von Eintracht Frankfurt: Klub-Maskottchen Attila, ein Steinadler, ist bei Heimspielen im Stadion mit dabei. In Lissabon dürfte sich die Eintracht demnach wie zu Hause fühlen: Europa-League-Viertelfinalgegner Benfica hat ebenfalls einen Adler als Maskottchen. Durch das Estádio da Luz schweben jedoch gleich zwei Weißkopfseeadler.

Es dürfte der einzige Bereich sein, in dem die Portugiesen den Frankfurtern vor dem Hinspiel voraus sind (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: RTL). In der Bundesliga stehen sie auf einem Champions-League-Rang, in der Europa League sind sie noch ungeschlagen. Acht Siege und ein Torverhältnis von 24:8 haben sie international vorzuweisen. Ebenbürtig in einem Duell mit dem Europa-League-Finalisten der Jahre 2013 und 2014 - das hätte wohl kaum jemand erwartet vor drei Jahren, als die Eintracht noch gegen den Abstieg kämpfte.

Trainer Adi Hütter steht für diesen Erfolg. Nach einem mäßigen Start in die Saison fand der Österreicher das perfekte System für seine Mannschaft. Seine Frankfurter vereinen Stärken, die Kritiker des deutschen Fußballs in den vergangenen Jahren vermisst haben: Sie vermischen taktisches Geschick mit körperlicher Wucht.

Adi Hütter (im Hintergrund) wurde als aktiver Profi dreimal österreichischer Meister mit Austria Salzburg
Kai Pfaffenbach / REUTERS

Adi Hütter (im Hintergrund) wurde als aktiver Profi dreimal österreichischer Meister mit Austria Salzburg

Hütters Zeit in Frankfurt begann mit Niederlagen. 0:5 im Supercup gegen die Bayern, 1:2-Blamage im DFB-Pokal gegen Viertligist Ulm (als Titelverteidiger!), nur sieben Punkte aus den ersten fünf Bundesligaspielen - das Erbe des Pokalsieger-Trainers Niko Kovac schien zu groß für Hütter. Der hatte zwar Titel errungen in Österreich (RB Salzburg) und der Schweiz (Young Boys Bern), doch das geriet schnell in Vergessenheit.

Nach dieser Schwächephase warf Hütter vieles von dem um, was ihn und seine Teams in den vergangenen Jahren so stark gemacht hatte. Eigentlich besteht Hütter auf hohes Pressing, flaches Vertikalspiel und aggressives Gegenpressing. In Frankfurt ging er nach dem schwachen Saisonstart aber einen Schritt zurück, ließ seine Mannschaft tiefer agieren; nur leicht, aber spürbar. Vor allem aber änderte Hütter sein taktisches System. Hatte er in den ersten Wochen noch versucht, sein favorisiertes 4-4-2-System durchzudrücken, passte er sich nun der Mannschaft an.

In der Abwehr stellte Hütter auf eine Dreierkette um. Hier konnte Makoto Hasebe in seiner Lieblingsrolle als zentraler Verteidiger das Spiel gestalten. Auf den Außen bot das neue System Platz für Danny da Costa und Filip Kostic. Beide glänzen mit ihrer Dynamik und ihrem Vorwärtsdrang. Sie können ihre Geschwindigkeit vor allem ausspielen, wenn sie aus der Tiefe kommen. Als Außenstürmer fällt ihnen dies schwer; ein Grund, warum Kostic, einst abgestiegen mit dem HSV und dem VfB Stuttgart, erst in Frankfurt richtig zur Geltung kommt. Er hat hier den perfekten Platz gefunden als linker Verteidiger einer Fünferkette.

Der Teufelsdreier im Sturm ist die Waffe

Im Sturm hatte Hütter mit Sébastian Haller, Ante Rebic und Luka Jovic von Beginn an große Auswahl. Anfangs setzte Hütter wie viele seiner Trainerkollegen auf Rotation. Mittlerweile stellt er am liebsten alle drei Stürmer zusammen auf. Das entstehende 3-4-1-2-System ist unkonventionell, bietet aber Platz für die drei Angreifer.

Frankfurts Sturmdreieck (insgesamt 40 von Frankfurts 56 Ligatreffern erzielt) entwickelte sich im Lauf der Saison zur großen Waffe. Im Grunde ist Frankfurts Angriffsspiel recht simpel: Mit langen Bällen versuchen sie, die Geschwindigkeit ihrer Stürmer einzusetzen. In der Bundesliga weist Frankfurt die zweitniedrigste Passquote vor, nur die Abstiegskandidaten auf den Rängen 18 bis 14 spielen mehr lange Bälle als die Eintracht.

Stürmer nach SPIX, Stand: 28. Spieltag

Bereits in der Spieleröffnung versuchen sie, hinter die gegnerische Abwehr zu gelangen. Jovic (17 Bundesligasaison-Treffer) und Rebic (9) starten in die Tiefe, während Haller (14) die langen Bälle halten und weiterleiten soll. Weil auch Kostic und da Costa häufig nach vorne rücken, entfaltet die Eintracht eine unglaubliche Wucht im Angriffsspiel.

Wintertransfers schlagen ein

Die Wintertransfers waren eine wichtige Ergänzung für Hütters Strategie. Verteidiger Martin Hinteregger, aus Augsburg ausgeliehen, spielt präzise lange Bälle wie kaum ein zweiter Bundesliga-Verteidiger. Sebastian Rode, aus Dortmund ausgeliehen, zeigt zwischen den Strafräumen läuferische Topleistungen und erobert im Mittelfeld die zweiten Bälle.

Mittlerweile hat Hütter auch wieder das hohe Pressing eingeführt, das zu Saisonbeginn noch schwächelte. Hütters Team jagt den Gegner, indem sie mit fünf Mann in der gegnerischen Hälfte pressen. Die Spieler haben das System verinnerlicht.

Aus diesem Grund rotiert Hütter kaum. Da Costa kommt bereits auf 40 Saisoneinsätze, Rebic und Haller auf 38, der 35-jährige Hasebe auf 34. Er möchte, dass die Spieler die Abläufe perfektionieren, offensiv wie defensiv. Der Lohn: Die Spieler kennen die Laufwege ihrer Teamkollegen, im letzten Drittel spielt die Eintracht schnellen Ein-Kontakt-Fußball. Trotz der enormen Belastung bleibt die Eintracht von Verletzungen verschont, auch die Teamärzte und Physios scheinen am Limit zu arbeiten.

Die Eintracht möchte den Höhenflug unter Trainer Hütter in den letzten Spielen dieser Saison fortsetzen, und in Lissabon dürfte Heimspielatmosphäre herrschen. Tausende Fans treten die Reise mal wieder an. Sie wissen: Was ihre Mannschaft in dieser Saison leistet, ist besonders.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hieß es, Attila würde bei Heimspielen durch das Frankfurter Stadion fliegen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Der Adler verfolgt die Spiele mit seinem Falkner an einem Rückzugsort im Stadion. Wir haben die entsprechende Textstelle angepasst.



insgesamt 5 Beiträge
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EinzHeinz 11.04.2019
1. Der Autor war wohl noch nie bei einem Heimspiel der SGE.
Attila fliegt nicht durch das Stadion, im Gegensatz zu dem Adler von Benfica!
zakke_23 11.04.2019
2. Ein Fehler gleich im ersten Satz...
...denn Attilla fliegt keineswegs vor jedem Heimspiel durch das Stadion, er wird maximal auf dem Arm sitzend reingeführt. Einfach eine komplette Falschinformation.
peterherzi 11.04.2019
3. Der Autor
war aber bestimmt im Volksparkstadion oder im Millerntor.
widower+2 11.04.2019
4. Beruhigt Euch!
Das mit dem Adler mag Escher fehlerhaft geschildert haben, der Rest des Artikels ist aber wie immer bei Escher auf höchstem Niveau. Für mich ist er unbestritten DER Taktikexperte unter den deutschen Journalisten.
der_dr_Nickel 11.04.2019
5. Naja...
...das mit der geänderten taktischen Ausrichtung von A. Hütter ist richtig. Auch das er sein bevorzugte Spielweise entsprechend angepasst hat. Aber haben hier nicht auch die verletzten Spieler dazu beigetragen? Das Danny auf rechts den Alleinunterhalter geben muss liegt am Ausfall von Timothy Chandler. Das der Zen-Meister Masoko Hasebe statt auf der sechs in der Dreierkette seine Können unter Beweis stellt liegt am Ausfall vom Käpt'n (David Abraham). Und das Ante Rebic keine Auszeit bekommt (übrigens wie hat der eigentlich im Rückspiel gegen Mailand gespielt? Ach ja, war verletzt) an der Verletzung von Goncalo Paciencia (der langsam wieder in tritt kommt). Soviel zum "vom Verletzungspech verschont". In wie vielen Spielen haben eigentlich Ante Rebic, Sebastian Haller und Luka Jovic von Beginn auf dem Platz gestanden? Hmm, müsste ich jetzt echt nachgucken. Kann also nicht so oft gewesen sein. Gott-sei.Dank wurde hier nicht dieser dämliche Begriff der Büffelherde gebraucht. Was Adi Hütter (und seinem Team) sehr hoch anzurechnen ist, ist die Tatsache ein vorhandenes Spielergerüst und die Hierarchie nicht auseinander gerissen zu haben. Da habe ich unter der Verantwortung, sowohl von Jupp Heynkes als auch von Felix Magath, schon anderes erlebt. Daher ist Adi Hütter für mich eine Fortsetzung, im menschlichen Bereich, von Niko Kovac und seiner Art mit Spielern umzugehen. Da ist diese Petitesse mit dem nicht fliegenden Attila nicht der Rede wert. Werde heute allerdings mal genau hinschauen ob da nicht nur EIN Seeadler seine Runden dreht!
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