Einzug ins Halbfinale Deutschland bezwingt Top-Favoriten Portugal

Die letzten sieben Minuten waren grausam, Portugal versuchte alles - doch am Ende verteidigte Deutschland die Führung. Die Nationalmannschaft besiegt den Favoriten und zieht ins EM-Halbfinale ein: dank einer enormen Leistungssteigerung und eines überragenden Bastian Schweinsteiger.

Von Jörg Schallenberg


Deutschland hat in einem packenden Viertelfinalkrimi Portugal aus der EM gekickt. Bis zur letzten Minute musste die Mannschaft rackern. Mit Trainer Joachim Löw auf der Tribüne, gesperrt nach dem Österreich-Spiel, wurde die Mannschaft an diesem Abend von Hans-Dieter Flick koordiniert - und sein Debut geriet zum Triumph. Mit 3:2 (2:1) besiegte die deutsche Elf am Ende den Top-Favoriten Portugal.

Vor allem ein Spieler fiel auf: Bastian Schweinsteiger im Mittelfeld. Der Bayern-Star, der nach einer Sperre wieder in das Team zurückgekehrt war, erzielte selbst nach 22 Minuten das 1:0 und legte Miroslav Klose und Michael Ballack jeweils per Freistoß die Kopfball-Treffer zum 2:0 (27.) und 3:1 (62.) auf. Nach der Partie jubelte er: "Ich bin überglücklich. Das ist sensationell."

Nuno Gomes hatte kurz vor der Pause für Portugal auf 1:2 verkürzt. Helder Postiga erzielte in der 87. Minute das 2:3. Durch den Sieg zieht Deutschland ins Halbfinale ein und trifft am Mittwoch (20.45, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auf Kroatien oder die Türkei.

Deutschland startete gegenüber den Spielen der Vorrunde mit einer veränderten Aufstellung. Für den verletzten Torsten Frings kam Simon Rolfes ins Spiel, der im defensiven Mittelfeld gemeinsam mit dem ebenfalls erstmals von Beginn an aufgebotenen Thomas Hitzlsperger eine gute Partie lieferte. Kapitän Ballack rückte weiter nach vorne. Im Sturm musste Mario Gomez nach seinen bislang enttäuschenden Leistungen auf die Bank, Klose wurde als einzige Spitze von Schweinsteiger und Lukas Podolski unterstützt.

Beide Mannschaften begannen die Partie sehr konzentriert und standen in der Defensive gut geordnet. Die deutsche Elf war zunächst feldüberlegen, doch eine Torchance sprang nicht heraus. Auf der Gegenseite schoss Simao nach 14 Minuten erstmals aus spitzem Winkel aufs deutsche Tor - und genau in die Arme von Jens Lehmann. Vier Minuten später setzte Ballack einen Kopfball über das portugiesische Tor.

In der 20. Minute dann die Riesenmöglichkeit für Portugal: Der rechte Außenverteidiger José Bosingwa überlief Podolski und flankte scharf nach innen, wo Joao Moutinho den Ball freistehend am Fünfmeterraum nur mit dem Knie erwischte und über die Querlatte setzte. Diese Schrecksekunde wirkte wie ein Signal - auf die deutsche Mannschaft.

Fast im Gegenzug revanchierte sich Podolski bei Bosingwa, den er im Sprint auf der linken Seite abschüttelte und den Ball vors Tor zog - genau auf den Fuß des herangesprinteten Schweinsteiger, der zum 1:0 ins Eck traf. Löw, der die Partie hinter dem Plexiglas in einer VIP-Loge verfolgen musste, jubelte begeistert.

Nur wenige Minuten später war es erneut der enorm bewegliche und ständig seine Position wechselnde Schweinsteiger, der einen Freistoß von halblinks in den Strafraum drehte - dieses Mal exakt auf den Kopf von Klose, der freistehend keine Mühe hatte, zum 2:0 zu treffen. Die portugiesischen Verteidiger waren sich offenbar uneinig, ob sie ihre Gegenspieler abseits stellen wollten oder nicht.

Ohnehin barg die Abseitsfalle der Portugiesen einige Risiken. In der 33. Minute spielte Schweinsteiger bei einem Konter Hitzlsperger frei - doch Schiedsrichter Peter Fröjdfeldt aus Schweden entschied zu Unrecht auf Abseits.

Die Portugiesen taten sich schwer - und kamen etwas überraschend in der 40. Minute zum Anschlusstreffer. Per Mertesacker verschätzte sich bei einem Steilpass auf Cristiano Ronaldo völlig. Dessen Schuss konnte Torhüter Jens Lehmann glänzend abwehren, doch den Abpraller verwertete Portugals Mittelstürmer Nuno Gomes zum 1:2-Anschlusstreffer.

Kurz vor der Pause prüfte Ballack aus spitzem Winkel von links Keeper Ricardo, im Gegenzug schnippelte Ronaldo aus ähnlicher Position knapp am deutschen Tor vorbei.

Zu Beginn der zweiten Hälfte verstärkten die Portugiesen den Druck und bereiteten der deutschen Defensive mit ihren schnellen Angriffszügen und Dribblings einige Probleme. Philipp Lahm und Arne Friedrich sahen kurz nacheinander die Gelbe Karte. In der 57. Minute setzte Innenverteidiger Pepe einen Kopfball aus wenigen Metern über das Tor, nachdem Deco einen Eckball gefährlich verlängert hatte.

Nach gut einer Stunde foulte Pepe an der linken Seitenlinie Klose schwer. Den Freistoß zog Schweinsteiger auf Ballack, der per Kopf zum 3:1 (62.) traf - der Treffer wirkte wie eine Kopie des 2:0 durch Klose. Ballack hatte allerdings seinen Gegenpieler Paulo Ferreira leicht weggedrückt, der Schiedsrichter sah aber keine Regelwidrigkeit.

Portugals Trainer Luiz Felipe Scolari beschwerte sich lautstark über diese Entscheidung, sagte aber später: "Deutschland war in den entscheidenden Szenen einfach die bessere Mannschaft."

Die Portugiesen fanden nach dem 1:3 wenig Mittel, um sich gefährlich in Szene zu setzen, zumal Lehmann im deutschen Tor bei Flanken und Schüssen sehr sicher wirkte. Auf der Gegenseite hatte Podolski Pech, als er in der 79. Minute einen abgewehrten Ball aus mehr als 25 Metern direkt nahm und mit perfekter Schusstechnik knapp am Tor vorbeihämmerte.

Dass es am Ende noch einmal knapp wurde, lag erneut an Abstimmungsproblemen in der deutschen Innenverteidigung. Nachdem Ballack eine Flanke von Nani nicht verhindern konnte, kam Postiga genau zwischen Mertesacker und Christoph Metzelder frei zum Kopfball und traf zum 2:3 (87.).

Noch einmal musste die deutsche Mannschaft zittern - bis Schiedsrichter Fröjdfeldt nach vier Minuten Nachspielzeit endlich abpfiff. Niemand war nach dem Schlusspfiff erleichterter als Löw, der sich in seiner Loge sogar eine Zigarette zur Beruhigung ansteckte: "Es war hinter der Glasscheibe ganz schlimm. Ich war weit weg. Man sieht einiges von oben sehr gut, aber die Distanz war nervend."

Sein Vertreter Flick blieb dagegen auch nach dem Spiel ruhig: "Für mich war gar nicht viel anders. Wir hatten alles vorher besprochen." Er lobte ausdrücklich die Einstellung der Mannschaft: "Heute waren wir heiß und hungrig."



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.