El Clásico Die Königlichen greifen nach der Macht

Der FC Barcelona war die Über-Mannschaft der vergangenen Jahre. Das Team gewann die Champions League, den Weltpokal und dreimal in Folge die spanische Meisterschaft. Doch es bahnt sich ein Machtwechsel an, Real Madrid ist stark wie selten zuvor. Am Samstag steigt das direkte Duell der beiden Erzrivalen.

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Es ist ruhig geworden um José Mourinho - und das passt so gar nicht zu dem Portugiesen. Der Trainer von Real Madrid lässt normalerweise keine Gelegenheit aus, um sich medienwirksam zu Wort zu melden. Nach Niederlagen gibt es für gewöhnlich vernichtende Kritik am Schiedsrichter. Nach Siegen Lob für seine Mannschaft - und sich selbst.

Doch auf laute Worte von Mourinho wartete man in den vergangenen Wochen vergebens. Hier wohldosierte Anerkennung für einen Spieler, dort eine realistische Einschätzung der Titelchancen Reals in dieser Saison, das war's. Der ehemalige Lautsprecher Mourinho ist leiser geworden. Man könnte denken, er bündelt seine Kräfte für das Spiel des Jahres: das Duell mit Erzrivale FC Barcelona, El Cláscio (Samstag 22 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Noch im Frühjahr, als die beiden Teams innerhalb weniger Tage viermal aufeinandertrafen, fuhr Mourinho die gegenteilige Taktik und heizte die Stimmung an, wann immer es ging. Noch im August hatte er im Supercup Barcelonas Co-Trainer Tito Vilanova mit dem Finger ins Auge gestochen. Nun sagt Mourinho: "Der Clásico ist nur ein weiteres Spiel für uns. Auch danach wird das Leben weitergehen."

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El Clásico: Harmonie bei Real, schlechter Start von Barcelona
Dabei hatte der 48-Jährige in seiner Zeit bei Madrid noch nie so viel Anlass herumzutönen wie jetzt. Denn Real spielt seit Wochen auf allerhöchstem Niveau, wohl keine andere Mannschaft in Europa ist im Moment so stark wie die "Königlichen". Auch Barça nicht.

"Wir sind besser als in der letzten Saison"

Der 3:0-Sieg bei Ajax Amsterdam in der Champions League war bereits der sechste Sieg im sechsten Gruppenspiel - ein neuer Vereinsrekord in der Königsklasse, dazu kommt das überragende Torverhältnis von 19:2. Es war zudem Reals 15. Pflichtspielsieg hintereinander. Damit stellte das Team einen 51 Jahre alten Vereinsrekord ein. Zuletzt hatten die Weltstars Alfredo di Stéfano, Ferenc Puskás und Francisco Gento in der Saison 1960/61 eine solche Siegesserie gefeiert. "Wir stehen besser und haben noch mehr Selbstvertrauen als vergangene Saison - wir sind einfach insgesamt besser geworden", sagte Mourinho nach dem Sieg in Amsterdam.

Deshalb sind vor dem Clásico die Favoritenrollen diesmal auch anders verteilt. Barcelona - zuletzt dreimal in Folge spanischer Meister, aktueller Champions-League- und Weltpokal-Sieger - gilt nicht nur den Wettanbietern als leichter Außenseiter. In der Primera División hat Real ein Spiel weniger ausgetragen, ist aber Tabellenführer und hat drei Punkte Vorsprung auf den zweitplatzierten Erzrivalen. Nach 15 Partien hat Barça bereits vier Unentschieden und eine Niederlage hinnehmen müssen.

Eine Krise ist das noch nicht, wohl aber der schlechteste Start unter Trainer Josep Guardiola. Der gibt sich zwar gelassen: "Nach den Erfolgen der vergangenen Jahre habe ich einen Rückschlag erwartet", sagt er, "aber ich habe als Spieler schon größere Rückstände aufgeholt." Doch auch der 40-Jährige weiß, dass seine Mannschaft nach dem nahezu perfekten Fußball der Vorsaison derzeit Probleme hat, vor allem auswärts. Auf fremdem Platz holte das Team nur neun von 18 Punkten, Lionel Messi traf im Camp Nou schon 16-mal, auswärts erst einmal.

Real ist auswärts (19 Punkte) sogar stärker als zu Hause (18). Dafür ist das Estadio Santiago Bernabéu ein Garant für hohe Siege: In sechs Heimpartien traf Madrid 28-mal, das ergibt einen Schnitt von sagenhaften 4,6 Toren pro Heimspiel. Gefährlichster Angreifer des Mourinho-Teams ist auch in dieser Saison Cristiano Ronaldo. Der Gewinner des "Goldenen Schuhs" als bester Torjäger Europas schoss bisher 17 Ligatreffer, bei seinem jetzigen Schnitt käme er am Saisonende auf 46 Tore.

Ungeahnte Harmonie bei Real, Streitigkeiten bei Barça

Dabei profitiert Ronaldo vor allem von seinen Mitspielern. Egal ob Mesut Özil, Kaká oder Àngel di Maria im offensiven Mittelfeld aufläuft: Das Kombinieren klappt nahezu perfekt, die Mannschaft wirkt eingespielt wie nie zuvor. Auch abseits des Platzes setzt Real auf Harmonie. Kein Superstar lässt in Interviews die Gelegenheit aus, die Kollegen zu loben. Der als Egoist verschriene Ronaldo lobte etwa als Özil "als großen Spieler, der mich besser macht. Er ist phantastisch".

Unbändige Spielfreude, Stars die sich als Kollektiv verstehen und ein Trainer der leisen Töne? Was noch vor wenigen Monaten wie die typische Beschreibung des FC Barcelona klang, hat sich nun der große Rivale angeeignet. Bei Barça hingegen kommt es immer häufiger zu Misstönen. Zuletzt wurde sogar über einen heftigen Streit zwischen Angreifer David Villa und Messi berichtet.

Wenn schon der stets zurückhaltende, fast schon schüchtern wirkende Messi in einen Streit verwickelt ist, scheinen die unangreifbar wirkenden Katalanen tatsächlich zu wackeln. Das scheint auch Mourinho so zu sehen, denn für eine kleine Drohung gab er seine Zurückhaltung dann doch auf: "Passt alle auf! Meine zweite Saison war immer die beste."

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