Elfmeter-Versager Bundesliga-Legionäre zerstören Schweizer Traum

Ausgerechnet im Land ihrer Arbeitgeber versagten gestandenen Bundesliga-Profis die Nerven. Beim Schweizer Elfmeterverschießen gegen die Ukraine blamierten sich gleich drei Legionäre. Der WM-Neuling trifft nun im Viertelfinale als krasser Außenseiter auf Italien.

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Köln - Ludovic Magnin stand der Schock ins Gesicht geschrieben. "Wir sind frustriert, traurig und enttäuscht. Aber in ein paar Tagen werden wir stolz auf das sein, was wir hier erreicht haben", sagte der Schweizer Mittelfeldspieler nach der 0:3-Niederlage im Elfmeterschießen gegen die Ukraine. Der Mann vom VfB Stuttgart war einer von fünf Bundesliga-Spielern, die der Schweizer Nationaltrainer Köbi Kuhn im Achtelfinale von Beginn an auf den Rasen schickte. Am Ende war Magnin neben dem Hamburger Raphael Wicky einer von zwei Legionären, die sich nicht am Elfmeterpunkt blamierten.

Dabei hatte das erste Elfmeterschießen dieser WM nach 120 torlosen Minuten für die Schweiz perfekt begonnen. Als Andrej Schewtschenko mit seinem Versuch an Pascal Zuberbühler scheiterte, schien der erste Viertelfinal-Einzug für die Schweiz nach 1954 zum Greifen nahe. Was sich allerdings in den folgenden Minuten in der Kölner WM-Arena abspielte, wird als Blamage in die Geschichtsbücher eingehen.

Während die Ukrainer unbeeindruckt vom Versagen ihres Superstars Schewtschenko sicher Elfmeter nach Elfmeter verwandelten, setzte bei den Schweizer Bundesliga-Legionären kollektives Nervenflattern ein. Erst schoss der Stuttgarter Marco Streller Torwart Alexander Schowkowski in die Arme, dann knallte der Leverkusener Tranquillo Barnetta den zweiten Versuch der Eidgenossen an die Latte. Ausgerechnet in seinem Heimstadion vergab dann der Kölner Ricardo Cabanas die letzte Hoffnung auf ein Weiterkommen.

"Wir sind heute angetreten, um zu gewinnen. Aber wenn man noch nicht einmal im Elfmeterschießen ein Tor macht, muss man akzeptieren, dass man nicht weiterkommt", sagte Kuhn nach dem Spiel. "Insgesamt denke ich, dass wir ein gutes Turnier gespielt haben und es auch verdient gehabt hätten, in die nächste Runde einzuziehen", so Kuhn. 

Den Schweizern bleibt am Ende nur ein trauriger Rekord: Zum ersten Mal in der WM Geschichte schied ein Team ohne einen einzigen Gegentreffer im Spielverlauf aus. Dass Pascal Zuberbühler auch gegen die Ukraine in 120 Minuten nicht hinter sich greifen musste, war eine logische Konsequenz des ukrainischen Spielsystems. Es schien so, als hätte Trainer Oleg Blochin, der Europa in den 70er Jahren mit seinem Angriffsfußball begeisterte, seinem Team Ausflüge über die Mittellinie strikt untersagt.

Die Zermürbungstaktik des einstigen Offensiv-Strategen ging auf. Elf Schweizer arbeiteten sich im ersten Durchgang an den beiden Vierer-Abwehrketten der Ukrainer ab. Jeweils ein Lattentreffer nach einer Standardsituation stand am Ende bei beiden Teams auf der übersichtlichen Chancenliste. In der zweiten Hälfte reduzierten dann auch die Eidgenossen ihre Angriffsbemühungen auf ein Minimum. Beide Mannschaften waren nur noch darauf bedacht, den Gegner nicht in Strafraumnähe kommen zu lassen und kämpften bereits im Mittelfeld um jeden Zentimeter.

So erlebten die 45.000 Zuschauer in Köln eines der schlechtesten Spiele des Turniers. Die meisten Fans, die nur für diese Partie eine Karte ergattern konnten und sich wochenlang auf das Duell zwischen dem Ersten der Gruppe G und dem Zweiten der Gruppe H gefreut haben, dürften den Losgott in den ersten 120 Minuten verflucht haben. Ein Teil der Anhänger, die beide Teams nach 90 Minuten gnadenlos auspfiffen, wandelte während der Partie seinen Frust in Zynismus um: Lautstark wurde der Kölner Publikumsliebling Lukas Podolski gefeiert, wobei bezweifelt werden darf, dass die Sturmhoffnung der DFB-Elf das Spiel hätte beflügeln können.

"Die Mannschaften waren gleichwertig und hatten gleich viele Chancen auf den Sieg. Wir hatten mehr Glück im Elfmeterschießen, das war russisches Roulette", lautete Blochins Fazit. Stürmer Schewtschenko, der eine enttäuschende Leistung zeigte, sprach gar von "einem fantastischen Tag für uns und für die ganze Nation. Wir haben sehr lange gebangt, aber am Ende steht ein wunderschöner Sieg."

Im ersten Viertelfinale ihrer Geschichte trifft die Ukraine am Freitag um 21 Uhr (Liveticker SPIEGEL ONLINE) in Hamburg auf Italien, das sich erst in der fünften Minute der Nachspielzeit durch einen glücklichen Elfmeter gegen Außenseiter Australien durchsetzen konnte. Gegen das defensivstarke Team von Marcello Lippi droht eine erneute Abwehrschlacht.

Das Spiel gegen die Schweiz hat gezeigt, dass man als Gegner der Ukraine vor allem mit einer Eigenschaft ausgestattet sein muss: Geduld. Nur wenn es den Italienern gelingt, den Abwehrverbund der Ukraine zu überwinden, ist der Einzug ins Halbfinale möglich. Lippi sollte in den verbleibenden Übungseinheiten unbedingt Elfmeterschießen auf den Trainingsplan setzen. Zumindest einen Risikofaktor kann der Italiener im Fall eines Elfmeterschießens gegen die Ukraine ausklammern: In seiner Mannschaft befinden sich keine Bundesliga-Legionäre.

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