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09. Juni 2012, 09:58 Uhr

Ex-DFB-Spieler Friedrich

"Deutschland geht als Top-Favorit ins Turnier"

Bei der EM in Polen und der Ukraine fehlt Arne Friedrich im deutschen Kader - zum ersten Mal seit acht Jahren verpasst er ein großes Turnier. Im Interview spricht der ehemalige Bundesliga-Profi über die Chancen der DFB-Elf, große Erwartungen und das Rezept gegen Cristiano Ronaldo.

SPIEGEL ONLINE: Herr Friedrich, am Abend steigt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit der Partie gegen Portugal in die Europameisterschaft ein. Sie sind erstmals seit 2004 nicht bei einem großen Turnier dabei. Enttäuscht?

Friedrich: Das ist überhaupt kein Problem. Es war ja meine freie Entscheidung, nach Amerika zu gehen. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, weiterhin in Europa zu spielen und deshalb war auch ganz klar, dass ich nicht mehr für die Nationalmannschaft auflaufe. Es kommt deshalb kein Wehmut bei mir auf.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch Kontakt zur Nationalmannschaft?

Friedrich: Ich habe vor einigen Tagen mit Philipp Lahm telefoniert. Ich bin auch in Kontakt mit Jogi Löw und Olli Bierhoff, habe ihnen per SMS alles Gute gewünscht.

SPIEGEL ONLINE: Was trauen Sie Deutschland bei der EM zu?

Friedrich: Sie gehen natürlich als Top-Favorit ins Turnier, zusammen mit Spanien. Das ist eine Bürde, eine Last, die sie tragen werden. Alle gehen davon aus, dass Deutschland jetzt den Titel holt, und das ist aus meiner Sicht ziemlich gefährlich.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Friedrich: Natürlich ist der nächste Schritt, einen Titel zu holen. Die vergangenen Jahre waren wir ja jeweils kurz davor, sind Zweiter und Dritter gewesen. Aber es ist natürlich auch eine Extraportion Druck dabei.

SPIEGEL ONLINE: Für wie stark halten Sie die deutschen Gruppengegner Portugal, Niederlande und Dänemark?

Friedrich: Ich schätze Portugal nicht ganz so stark ein und denke, dass es ein Schlüssel ist, Ronaldo auszuschalten. Für mich ist Holland ganz klar der stärkste Gegner.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist vor einem Auftaktspiel die Stimmung in der deutschen Kabine?

Friedrich: Eine gewisse Spannung ist da, weil keiner weiß, wo er zu diesem Zeitpunkt wirklich steht. Aber ich finde, Spannung ist auch etwas sehr Positives. Das spornt an.

SPIEGEL ONLINE: Was sagt Joachim Löw vor dem ersten Spiel?

Friedrich: Er sagt nicht immer das Gleiche und das ist ja auch gut. Denn wenn ein Trainer immer das Gleiche erzählt, hört man irgendwann nicht mehr hin. Jogi versucht einen bestmöglich auf den Gegner vorzubereiten, auch individuell. Und er hat eine sehr gute Fähigkeit, Spieler zu motivieren.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es von den älteren und erfahrenen Spielern wie Klose, Lahm oder Schweinsteiger, die zuletzt bei der WM neben Ihnen zum Mannschaftsrat gehörten, auch noch mal einige Worte, bevor es raus auf den Rasen geht?

Friedrich: Auf jeden Fall. Wir haben immer mal wieder das Zepter übernommen, die Jungs angesprochen. Das gehört dazu, dafür ist man Kapitän oder im Mannschaftsrat. Ich glaube, jeder, der schon mehrere Turniere gespielt hat, und da sind ja einige dabei, hat die Erfahrung, auch mal den Mund aufzumachen. Das ist auch die Pflicht. Genauso auf dem Platz: Wenn es nicht läuft, muss man auch mal jemanden in den Hintern treten und ihn aufwecken.

SPIEGEL ONLINE: Beim letzten Duell mit Portugal bei der EM 2008 lief es gut für die deutsche Elf. Sie hatten beim 3:2-Sieg im Viertelfinale Superstar Cristiano Ronaldo im Griff. Welche Tipps können Sie den deutschen Verteidigern geben, damit er wieder nicht zum Zug kommt?

Friedrich: Ronaldo ist weltklasse. Das Wichtigste ist, dass man ihn gleich bei der Ballannahme stört, damit er nicht mit Tempo auf einen zukommen kann. Dann sollte man ihm eine Seite anbieten, auf die er gehen kann, den Lauf mit aufnehmen und am besten dabei noch von einem Spieler aus dem Mittelfeld unterstützt werden, um ihn zu doppeln.

Das Interview führte Heiko Oldörp

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