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DFB-Sieg gegen Portugal Kaltstart ins Turnier

Die DFB-Elf hat ihr Auftaktmatch gegen Portugal zwar gewonnen. Aber die Mannschaft hat sich dabei schwer getan. Vor allem in der Offensive gibt es noch viel Luft nach oben. Dagegen scheint sich die Abwehr schon jetzt gefunden zu haben.

Die deutsche Nationalmannschaft hat in der EM-Vorbereitung das Formel-1-Spektakel von Monte Carlo besucht, ein Ereignis, das offenbar Eindruck hinterlassen hat. Bundestrainer Joachim Löw fühlte sich jedenfalls nach dem Turnierauftakt gegen Portugal bemüßigt, einen Vergleich aus dem Motorsport heranzuziehen. "Ein Start in eine EM ist wie ein Formel-1-Rennen ohne jedes Warm-up", suchte er eine Erklärung für den mühsamen 1:0 (0:0)-Erfolg über die Südeuropäer.

Um bei dem Bild zu bleiben: Bis zur Pole-Position ist es für die Löw-Elf noch eine lange Strecke.

Es war ein verdienter und gleichermaßen glücklicher Sieg, den das DFB-Team am Samstagabend in Lemberg (Lwiw) einfuhr. Verdient, weil die Mannschaft vor allem kämpferisch überzeugte und zudem mehr Spielanteile hatte als der Gegner. Glücklich aber auch, weil die Portugiesen speziell in der Schlussphase beste Torchancen ungenutzt ließen.

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DFB-Sieg gegen Portugal: Defensive gut, Offensive mangelhaft

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Die Spieler wussten anschließend genau, dass ihre Leistung vom Samstag noch viel Platz nach oben hat. Für Lukas Podolski war das Siegtor durch Mario Gomez in der 72. Minute "wie aus dem Nichts gefallen", und Torwart Manuel Neuer, der den Erfolg mit mehreren starken Paraden in der Endphase sicherte, stellte lakonisch fest: "Wir hatten heute kaum Tormöglichkeiten."

Hummels war der Matchwinner

Tatsächlich war dieser Erfolg vor allem ein Sieg der deutschen Defensive. Obwohl Cristiano Ronaldo und Co. zu Torgelegenheiten kamen, stand der Deckungsverbund von Löws Elf sicher. "In der Abwehr waren alle sehr präsent, wir haben so gut wie keine Bälle in den Rücken gespielt bekommen", lobte der Bundestrainer. Ein Lob, das sich vor allem einer verdientermaßen abholen durfte: Der überraschend aufgebotene Dortmunder Mats Hummels zeigte eine sehr starke Vorstellung als Abwehrchef, spielte mit viel Übersicht und Souveränität. Dieses 15. Länderspiel war bisher sein bestes.

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DFB-Einzelkritik: Sensation Boateng, Schwachstelle Schweinsteiger

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Für ihn hatte Löw kurzfristig den lange verletzten Per Mertesacker auf die Ersatzbank verbannt - mit dem Argument, die Spielpraxis spreche für den Dortmunder. Die Enttäuschung war Mertesacker anschließend anzumerken. Nicht nur, dass er selbst fest mit einem Einsatz gerechnet hatte - nach Hummels' Leistung wird Löw es schwer begründen können, am Mittwoch gegen die Niederlande (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wieder auf den BVB-Verteidiger zu verzichten.

Und noch ein anderer zuletzt gescholtener Abwehrspieler überzeugte: Jérôme Boateng, nach seiner Hotel-Affäre in der Vorwoche mit Kritik und Häme bedacht, spielte ein großes Match gegen Ronaldo. Seine Rettungstat im eigenen Strafraum gegen den Real-Star Mitte der zweiten Hälfte hat das Zeug, zur Kult-Aktion zu werden. "Er hat Ronaldo fast aus dem Spiel genommen. Das war bestimmt nicht einfach für ihn, nach allem, was zuletzt über ihn geschrieben wurde", sagte Podolski.

Schweinsteiger kommt nicht in Schwung

Die Enttäuschungen des Abends fanden weiter vorne im Team statt. Die Offensivleistung der Mannschaft war, gemessen an ihren Möglichkeiten und Ansprüchen, bestenfalls mäßig. Gomez machte zwar das Siegtor und damit letztlich alles richtig. Zuvor hatte er jedoch fast keinen Zweikampf gewonnen, war bis auf einen Kopfball gleich zu Beginn so gut wie verschwunden.

Auch Mesut Özil blieb unter seinen Möglichkeiten. Der Real-Star gab selbst zu, dass er "viel besser spielen kann als heute". Dass er dennoch anschließend von der Uefa zum "Man of the Match" gekürt wurde, ist eher der Denkfaulheit der Jury zu verdanken als der zuvor gezeigten Leistung auf dem Spielfeld. Er war aber immer noch effektiver als sein Hintermann im Mittelfeld, Bastian Schweinsteiger.

Der Bayern-Profi kommt nicht in Fahrt. Auch gegen Portugal sorgte er für leichte Ballverluste, verschleppte das Tempo und ließ die Wucht, die ihn im Spiel nach vorne oft so ausgezeichnet hat, vermissen. Dass Löw dennoch nach dem Match sagte, das Mittelfeld habe die Partie "im Griff gehabt", ist eher dem nimmermüden Einsatz von Sami Khedira zu verdanken, der so manches Loch wieder zustopfte.

Der drückend warme Abend von Lemberg war ein Kaltstart. Gegen die Niederlande, die "jetzt schon mit dem Rücken zur Wand stehen" (Löw), wird die Mannschaft ein paar mehr Umdrehungen brauchen.

Deutschland - Portugal 1:0 (0:0)
1:0 Gomez (73.)
Deutschland: Neuer - Boateng, Hummels, Badstuber, Lahm - Khedira, Schweinsteiger - T. Müller (90.+4 L. Bender), Özil (87. Kroos), Podolski - Gomez - 80. Klose)
Portugal: Rui Patricio - João Pereira, Bruno Alves, Pepe, Fábio Coentrão - Veloso - Raul Meireles (80. Varela), Moutinho - Nani, Cristiano Ronaldo - Hélder Postiga (70. Oliveira)
Schiedsrichter: Lannoy (Frankreich)
Zuschauer (in Lemberg/Lwiw): 34.915
Gelbe Karten: Boateng, Badstuber - Fábio Coentrão, Hélder Postiga

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