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EM-Gruppe D: Ribéry und Co. ohne Finesse

Foto: Thomas Eisenhuth/ dpa

Frankreichs Nationalmannschaft Der geschrumpfte Geheimfavorit

Mon dieu! Als möglicher Titelanwärter war Frankreich zur EM gereist. Doch beim mühsamen Remis gegen England zeigte sich die Equipe Tricolore ohne Glanz und Esprit. Die größte Enttäuschung für Trainer Blanc war ausgerechnet die hochkarätig besetzte Offensive. Zum Glück hat er noch Alternativen.

Die Fehleinschätzung des Abends kam von Laurent Blanc selbst. Der Trainer der französischen Nationalmannschaft trat nach dem Auftaktspiel seines Teams gegen England vor die Mikrofone und gab Interviews. Und, das muss man dem 46-Jährigen zugute halten, er gab viele Interviews. Da können schon einmal Worte fallen, die man anschließend nicht noch einmal aussprechen würde. Vielleicht hätte auch Blanc mit etwas mehr Abstand diesen einen Satz nicht gesagt, der die vorangegangenen 92 Minuten etwas eigenwillig beschreibt.

"Man hat beiden Teams angemerkt, dass sie gewinnen wollten, aber das Unentschieden geht in Ordnung", sagte Blanc nach dem 1:1 (1:1) . Ja, das Unentschieden ging in Ordnung. Beim bisher schwächsten Spiel des Turniers trotzten ersatzgeschwächte Engländer den favorisierten Franzosen verdient ein Remis ab.

Doch den Siegeswillen sah bei Frankreich nur Blanc. Die rund 50.000 Zuschauer in Donezk wurden dagegen Zeuge, wie schwer sich seine hochgehandelte Mannschaft damit tat, ihrem Ruf als wiedererstarkte Fußballnation gerecht zu werden. "Es war frustrierend. Es hat sich angefühlt, als wären sie mit 15 Mann auf dem Platz. Sie haben gespielt wie Chelsea gegen Barcelona", sagte Frankreichs Außenverteidiger Patrice Evra über den Gegner.

Eine souveräne EM-Qualifikation (sechs Siege, drei Remis, eine Niederlage), insgesamt 21 Spiele ungeschlagen: Als Geheimfavorit war Frankreich in Polen und der Ukraine angetreten. Doch nach dem ersten Gruppenspiel sind "Les Bleus" erst einmal nur ein ganz geheimer Geheimfavorit.

Ängstlich, gehemmt, schüchtern

Besonders die zweite Halbzeit muss Trainer Blanc Grund zur Sorge geben. Nachdem Samir Nasri (39. Minute) die überraschende Führung durch Joleon Lescott (30.) ausgeglichen hatte, schien Frankreich endlich im Spiel. "Paradoxerweise haben wir ein Gegentor gebraucht, um die Initiative zu ergreifen", sagte Blanc. Doch dann ließ Frankreich gegen einen limitierten Gegner 45 Minuten lang Fußball der ganz trostlosen Sorte folgen.

Keine Ideen, kein Tempo, keine Chancen - und vor allem auch kein spürbarer Wille, sie zu erzwingen. Irgendwann wirkte es, als versuche die Mannschaft nicht mehr, das Spiel zu gewinnen. Blanc sagte: "In der zweiten Halbzeit hätten wir ein zweites Tor erzielen müssen." Die größte Enttäuschung gegen harmlose Engländer war aber ausgerechnet die hochkarätig besetzte Angriffsreihe mit Top-Spielern wie Karim Benzema, Nasri und Franck Ribéry.

Das Trio kam mit der dichten englischen Abwehrreihe nicht zurecht, erhielt aus dem Zentrum, wo Yann M'Vila und Blaise Matuidi nach Verletzungen draußen blieben, aber auch kaum Unterstützung. Mit Ausnahme von Yohan Cabaye, der im Mittelfeld ein großes Pensum abspulte und mit ein, zwei Distanzschüssen Zeichen setzte, wirkte Frankreich seltsam gehemmt. "Wir haben zu ängstlich gespielt", räumte Blanc ein. "Wir waren ein wenig schüchtern am Anfang."

Blanc hat in der Offensive Alternativen

Durch das Unentschieden wartet Frankreich nun schon seit der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland auf einen Erfolg bei einer WM- oder EM-Endrunde. Damals besiegte das Team im Halbfinale Portugal 1:0. Wenn es nach übereifrigen Fernsehkommentatoren geht, die Mannschaften bereits nach dem ersten Gruppenspiel abschreiben oder in potentielle Titelkandidaten einteilen, dann schafft es Frankreich in Polen und der Ukraine nicht wie 2006 ins Endspiel.

Aber Blanc weiß: "Auftaktspiele sind schwer". Die kommenden beiden Gruppengegner Ukraine und Schweden gelten zudem als schlagbar. Ein Eindruck, der sich nach dem 2:1 (0:0)-Sieg des EM-Co-Gastgebers gegen die Skandinavier nicht geändert haben dürfte. Und Blanc hat Alternativen. Im Sturm wartet beispielsweise Olivier Giroud auf seinen ersten EM-Einsatz. Der Angreifer (21 Saisontore) vom französischen Meister Montpellier hat zwar erst sechs Länderspiele absolviert, erzielte beim 2:1-Sieg gegen Deutschland im Februar in Bremen aber seinen ersten Treffer.

Vielleicht wirkte auch deshalb beim französischen Team niemand ernsthaft besorgt. "Das 1:1 ist okay", sagte Blanc. Und Stürmer Benzema ist sich sicher: "Wir sind in der Spur." Ob er recht hat, zeigt sich am kommenden Freitag. Eine weitere Fehleinschätzung kann sich Frankreich nicht erlauben.

Frankreich - England 1:1 (1:1)
0:1 Lescott (30.)
1:1 Nasri (39.)
Frankreich: Lloris - Debuchy, Rami, Mexes, Evra - Diarra - Cabaye (84. Ben Arfa), Malouda (85. Martin) - Nasri, Ribéry - Benzema
England: Hart - Johnson, Terry, Lescott, Cole - Gerrard, Parker (78. Henderson) - Milner, Oxlade-Chamberlain (77. Defoe) - Young, Welbeck (90.+1 Walcott)
Schiedsrichter: Nicola Rizzoli (Schweiz)
Zuschauer: 50.000
Gelbe Karten: / - Oxlade-Chamberlain, Young

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