Viertelfinale Frankreich gegen Spanien Blau ist die Hoffnung

Geglänzt hat Frankreich bei dieser EM noch nicht. Im Viertelfinale wartet nun ausgerechnet Welt- und Europameister Spanien - eine scheinbar unlösbare Aufgabe. Doch Franck Ribéry und Co. haben einen Hoffnungswert: Bisher konnte der Favorit die "Bleus" in einem Pflichtspiel noch nie besiegen.

AFP

Aus Donezk berichtet


Bestimmt hat es Vicente del Bosque als eine nette Geste empfunden, dass ihn gleich bei der Ankunft auf dem neuen Flughafen von Donezk ukrainische Schulkinder begrüßten, die Spanisch sprachen. Irgendetwas musste ja getan werden, um den Welt- und Europameister auf den Kurzaufenthalt in der Donbass-Region einzustimmen. Doch del Bosque dürfte beim Ausstieg aus dem Flugzeug vor dem Viertelfinale zwischen Frankreich und Spanien in Donezk (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) noch an etwas anderes gedacht haben: Wie kommen meine Spieler mit der Hitze klar?

"Das könnte ein kleines Problem sein", glaubt sein Kollege Laurent Blanc. Wenn dessen Franzosen in der Partie einen kleinen Vorteil besitzen, dann den, dass sie im Trainingszentrum von Schachtjor Donezk untergebracht sind - und seit Tagen mit den hohen Temperaturen von teilweise über 30 Grad vertraut sind. Für die Spanier wird es eine Umstellung, zumal sie ihr Quartier im polnischen Gniewino, 70 Kilometer von Danzig entfernt, aufgeschlagen haben. Dort ist es wesentlich kühler.

Für die erwartete Hitzeschlacht ist Blanc bereit. Und er glaubt: "Kroatien hat gezeigt, wie man gegen Spanien spielt." Körperbetont, eng gestaffelt, gut organisiert. "Das Problem ist nur", so der 46-jährige Nationaltrainer, "dass wir nicht oft den Ball haben werden." Doch Furcht müsse deswegen niemand haben: "Wir spielen zwar gegen die beste Mannschaft der Welt mit vier oder fünf der besten Fußballer der Welt, aber wir haben die Koffer noch nicht gepackt, um am Sonntag abzureisen."

Frankreich in Pflichtspielen gegen Spanien ungeschlagen

Im bisherigen Turnierverlauf haben weder die Franzosen noch die Spanier überzeugt: Der Europameister von 2000 litt zeitweise unter einer erschreckenden Ideenarmut im Offensivspiel, der aktuelle Titelverteidiger ließ bei aller Spielkunst die Zielstrebigkeit vermissen - und noch immer ist nicht klar, ob Fernando Torres wirklich die Idealbesetzung im Sturm abgibt. Bisher hat er es nicht geschafft den verletzten David Villa gleichwertig zu ersetzen. Villa ist ein anderer Spielertyp. Er agiert flexibler, weicht auf die Flügel aus und holt sich Bälle aus dem Mittelfeld. Torres tut das meist nicht.

Für Frankreich soll der Geburtstag ihres ehemaligen Superstars Zinedine Zidane als gutes Omen vor der Partie gegen Spanien herhalten. Der französische Weltstar wird am Spieltag 40 Jahre alt und "Zizou" hat viele Duelle gegen die Spanier gewonnen: etwa bei der WM 2006 in Deutschland, als die Spanier im Achtelfinale 1:3 an Frankreich scheiterten. Überhaupt hat Spanien die "Equipe Tricolore" in sechs Pflichtspielen noch nie schlagen können - nur ein Remis in der Gruppenphase zur EM 1996 sprang bisher heraus. Zidane weiß aber trotzdem: "Im Moment ist es klar, dass Spanien der Favorit ist. Nicht nur in diesem Spiel, sondern für die gesamte EM."

Auch die französischen Medien blicken pessimistisch auf die Partie. Die Tageszeitung "Le Parisien" titelte: "Eine Heldentat oder gar nichts." Und der "Figaro" verkündet: "Roter Alarm für Frankreichs Mannschaft." Das Blatt prophezeit den "Bleus" eine harte Prüfung: "Laufen und Leiden". "Le Monde" schreibt über das bevorstehende Spiel "Mission impossible".

Ganz so eindeutig sehen es die Spanier nicht: Coach del Bosque kann sich noch gut an die WM 2006 in Deutschland erinnern. Man habe vor sechs Jahren die eigentlich bereits überalterte Mannschaft der Franzosen unterschätzt. Das sei das Problem bei der Niederlage gewesen, bei der schon Iker Casillas, Sergio Ramos, Cesc Fàbregas, Xabi Alonso, Xavi oder Fernando Torres auf dem Platz standen. Und deshalb gibt er zur Warnung aus: "Frankreich hat im Mittelfeld eine enorme Qualität. Ben Arfa oder Malouda, Nasri, Ribéry, Ménez, vorne Benzema. Das ist eine starke Mannschaft, die weiß, wie man Titel gewinnt."

"Es geht darum, dass der Mannschaftsgedanke stimmt"

Doch die Spieler Frankreichs wissen ihrerseits, wie man alles zerstören kann. Bei der WM 2010 sorgten sie mit ihrem Spieler-Streik für Aufsehen. Auch bei dieser EM gibt es interne Unstimmigkeiten. Hatem Ben Arfa drohte direkt nach dem Schweden-Spiel (0:2) mit seiner Abreise, Samir Nasri und Alou Diarra zofften sich in der Kabine.

"Alle haben sich wieder beruhigt. Ich habe den Spielern gesagt, sie sollen ihre Hochspannung auf dem Platz entladen", versicherte Blanc nun, der den gesperrten Philippe Mexès durch den Arsenal-Verteidiger Laurent Koscielny ersetzen wird. Auch der Debatte um seinen noch torlosen Top-Stürmer Karim Benzema möchte der Teamchef die Schärfe nehmen. Insgesamt 17-mal versuchte sich Benzema in der Vorrunde laut Sportdatenanbieter opta im Torabschluss, ein Treffer sprang dabei nicht heraus.

"Es geht nicht darum, dass es das Spiel von Karim wird. Es geht darum, dass der Mannschaftsgedanke dieses Mal stimmt", so Blanc. Vom Weiterkommen hat er gar nicht mehr gesprochen.

Spanien - Frankreich 20.45 Uhr (in Donezk)
(voraussichtliche Aufstellungen)
Spanien: Casillas - Arbeloa, Piqué, Sergio Ramos, Jordi Alba - Busquets, Xabi Alonso - Silva, Xavi, Iniesta - Fernando Torres
Frankreich: Lloris - Debuchy, Rami, Koscielny, Clichy - Cabaye, A. Diarra - Ménez, Nasri, Ribéry - Benzema
Schiedsrichter: Rizzoli (Italien)



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