EM 2012 Griechische Emotion schlägt russische Lethargie

Damit hätte wohl niemand gerechnet: Griechenland steht nach dem Sieg gegen Russland im Viertelfinale der EM. Der Europameister von 2004 spielte mit Emotion und Leidenschaft - und sieht sich von allen Seiten benachteiligt. Torschütze Karagounis hofft nach seiner Gelbsperre auf Milde von der Uefa.

AFP

Aus Warschau berichtet


Es war Mitternacht, die ersten großen Helden, die diese Europameisterschaft hervorgebracht hatte, warteten längst im Bus auf die Abfahrt, da stiegen immer noch kleine Rauchwölkchen über dem Grüppchen griechischer Journalisten auf. Griechenlands Trainer Fernando Santos zog an seiner Zigarette und mochte gar nicht aufhören, das 1:0 seiner Mannschaft über Russland und den damit verbundenden sensationellen Viertelfinaleinzug von allen Seiten gründlich auszuleuchten.

Und natürlich dachte der portugiesische Coach auch schon ans Viertelfinale, in dem Griechenland ausgerechnet auf Deutschland treffen könnte, wenn die Mannschaft von Joachim Löw am Sonntagabend (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) nicht gegen Dänemark verliert.

Und weil Santos ein reflektierter Mann ist, ging er auch auf Fragen nach der politischen Dimension eines solchen Duells ein. Die krisengebeutelten Griechen fühlen sich ja mächtig gegängelt von Angela Merkel. Santos Stimme wurde scharf: "Was uns inspiriert, ist die Geschichte Griechenlands, die Werte der Demokratie kommen hierher, jeder muss dieses Land respektieren", sagte der Trainer, als jemand die unerbittliche Haltung der Bundeskanzlerin gegenüber dem Schuldenstaat erwähnte.

Karagounis trifft - und fehlt im Viertelfinale

Man könnte nun einwenden, solcherlei Ausschweifungen hätten nichts mit Fußball zu tun, doch die griechische Europameisterschaftsmission ist beseelt von einem tieferen Sinn. Alle Spieler sprachen spätestens im dritten Satz ihrer Spielanalysen von den Gefühlen der Leute in der Heimat. "Diese Nacht ist sehr, sehr wichtig für die Menschen, die unter großen Problemen leiden", sagte Georgios Karagounis, der in der Nachspielzeit der ersten Hälfte den einzigen Treffer dieses Duells gegen Russland erzielt hatte. Der Kapitän empfand den überraschenden Erfolg als "reine Magie" und war selbst zum tragischen Helden geworden.

Karagounis hatte sein 120. Länderspiel absolviert, der 35-Jährige hat jetzt genauso oft für das Nationalteam gespielt wie Rekordnationalspieler Theodoros Zagorakis, und er hatte mit seinem Tor den ersten Sieg einer griechischen Mannschaft bei einer Europameisterschaft seit dem sensationellen Final-Triumph von 2004 ermöglicht. Aber nach einem Sturz im Strafraum, den der in vielen Situationen recht seltsam agierende Schiedsrichter Jonas Eriksson aus Schweden für eine Schwalbe hielt, sah Karagounis seine zweite Gelbe Karte des Turniers und ist im Viertelfinale gesperrt. Er hofft nun auf nachträgliche Milde: "Vielleicht schaut sich die Uefa die Szene noch mal an. Das ist einfach nur schade und nicht fair."

Russland ohne Leidenschaft, Wille und Erfolgshunger

Doch die Entscheidung passt ins Selbstbild der Griechen, die sich nicht nur politisch und wirtschaftlich in der Opferrolle wähnen: "Alle Schiedsrichter waren gegen uns", sagte Kostas Kastouranis, zwei reguläre Tore habe man seinem Team in der Vorrunde gestohlen, dazu die Gelben Karten (auch José Holebas ist im Viertelfinale gesperrt) und der unberechtigte Platzverweis für Sokratis im Eröffnungsspiel. Das griechische Gefühl sich gegen alle Ungerechtigkeiten dieser Welt zu stemmen zu müssen, verbindet diese Mannschaft mit dem Volk und scheint gewaltige Kräfte freizusetzen. Den temperamentlosen Russen fehlte eine solche Energiequelle.

Dick Advocaat behauptete selbst nach dieser sportlichen Katastrophe noch, dass seine Mannschaft "sehr gut" gewesen sei, und rein spielerisch mag diese These sogar zutreffen. Aber den Russen, als Gruppenerster ins Spiel gestartet, fehlten nach dem Gegentor kurz vor der Pause Leidenschaft, Wille und Erfolgshunger, um die Partie noch einmal zu drehen. Trotz Punktgleichheit und besserer Tordifferenz schied Russland aus - das komplizierte Uefa-Regelwerk macht es möglich. Auf der Ebene der Emotionen waren die Griechen den Russen hoch überlegen.

Ein paar Fernschüsse gaben die Russen ab, ein gefährlicher Kopfball von Alan Dsagojew kurz vor Schluss, hätte sie beinahe noch gerettet. Irgendetwas lief grundlegend falsch bei den Russen, die ja heimlich auf den Titel gehofft hatten. Doch die Kraft der Geschichte war an diesem Abend auf der Seite der Griechen.

Griechenland - Russland 1:0 (1:0)
1:0 Karagounis (45.+2)
Griechenland: Sifakis - Torosidis, Sokratis, K. Papadopoulos, Tzavellas - Katsouranis, Maniatis - Salpingidis (83. Ninis), Karagounis (67. Makos), Samaras - Gekas (64. Holebas)
Russland: Malafejew - Anjukow (81. Ismailow), A. Beresuzki, Ignaschewitsch, Schirkow - Schirokow, Denissow, Gluschakow (72. Pogrebnjak) - Dsagojew, Arschawin - Kerschakow (46. Pawljutschenko)
Schiedsrichter: Eriksson (Schweden)
Zuschauer (in Warschau): 55.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Karagounis (2), Holebas (2) / Anjukow, Schirkow, Dsagojew (2), Pogrebnjak

insgesamt 9 Beiträge
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GlobalerOptimist 17.06.2012
1. Goldman-Sachs-Propaganda
"unerbittliche Haltung der Bundeskanzlerin" Können Sie es nicht bald lassen, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auf Merkel rumzuhacken. Die griechischen Politiker haben Europa auf alle nur erdenkliche Weise betrogen und belogen. Nun gibt Ihnen außer den anderen Staaten der EU, unter anderem Deutschland niemand mehr Geld. Wie daran Merkel Schuld sein soll, erschließt sich mir logisch nicht. Es werden Mrd. Euro nach Griechenland transferiert, die wir nie wiedersehen. Die Infrastruktur in Deutschland verkommt, nicht mal Geld für KiKas ist da. Die Schulen sind marode .Daran ist Merkel schuld. Die griechischen Probleme sind hausgemacht. Muss der Spiegel unbedingt die Propaganda der griechischen Oligarchen und Goldman Sachs kolportieren?
Zartoshti 17.06.2012
2.
Naja, so kompliziert ist die Sache ja nicht. Wer den direkten Vergleich gewinnt liegt vorne. Das finde ich auch gut so, denn die Tordifferenz benachteiligt defensiv starke Mannschaften.
David Soulomon 17.06.2012
3. Merkel ist Goldman Sachs Gespielin
Der Vorkommentator hat die Zusammenhänge nicht ganz verstanden. Goldman Sachs hat vor etwa 10 Jahren mit der korrupten griechischen Polit-Elite einen Deal eingefädelt, der die Verschuldung Griechenlands explodieren ließ und Goldman Sachs konnte richtig zocken. Da nun Griechenland (auch auf Grund von sehr viel Steuerbetrug) nicht mehr in der Lage war, diese Verbindlichkeiten zurückzuzahlen, haben die GS-Gläubiger Griechenland in die Austeritäts-Mangel genommen, um wenigstens einen Teil der Schulden in Form von Sachwerten durch Privatisierungen und Sparmaßnahmen zurück zu bekommen. Merkel ist hier nichts weiter als eine Gehilfin dieser Gläubiger. Diese Rolle wurde ihr auf Grund der ökonomischen Stärke und der transatlantischen Verbindlichkeiten/ Verstrickungen als Verlierermacht aufgedrängt. Merkel übernimmt die Rolle der "Austeritäts-Eintreiberin" für ihre transatlantischen Partner. Zur Weiterbildung sei empfohlen: http://www.deutsche-mittelstands-nachrichten.de/2012/03/39309/
realist10 17.06.2012
4.
Zitat von GlobalerOptimist"unerbittliche Haltung der Bundeskanzlerin" Können Sie es nicht bald lassen, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auf Merkel rumzuhacken. Die griechischen Politiker haben Europa auf alle nur erdenkliche Weise betrogen und belogen. Nun gibt Ihnen außer den anderen Staaten der EU, unter anderem Deutschland niemand mehr Geld. Wie daran Merkel Schuld sein soll, erschließt sich mir logisch nicht. Es werden Mrd. Euro nach Griechenland transferiert, die wir nie wiedersehen. Die Infrastruktur in Deutschland verkommt, nicht mal Geld für KiKas ist da. Die Schulen sind marode .Daran ist Merkel schuld. Die griechischen Probleme sind hausgemacht. Muss der Spiegel unbedingt die Propaganda der griechischen Oligarchen und Goldman Sachs kolportieren?
Tut mir Leid aber wer hat denn die griechischen Spieler mit politischen Fragen gelöchert??Das waren sicher KEINE griechischen Journalisten. Im Gegensatz dazu haben viele deutsche Medien gestern Titel wie: Griechenland bleibt in der Euro Zone gebracht. Wer verwechselt da wohl was?? Und das Griechenland bei der EM bisher hintergangen wurde ist einfach so. Ich sage nicht das es beabsichtigt war, aber es ist Tatsache. Ich erwähne mal die Szenen: Spiel gegen Polen: Völlig Unberechtigter Platzverweis gegen einen griechischen Spieler, nicht gegebener Elfmeter nach Handspiel, 4gelbe Karte gegen Griechenland 0 für Polen bei 6Fouls mehr der Polen, ein Tor wird als Abseits aberkannt. Spiel gegen Tschechien: Tor wird aberkannt. Spiel gegen Russland: es wird die gelbe Karte gezeigt obwohl es Elfmeter hätten geben müssen.
realist10 17.06.2012
5. Noch einmal zur Verdeutlichung
Santos Stimme wurde scharf: "Was uns inspiriert, ist die Geschichte Griechenlands, die Werte der Demokratie kommen hierher, jeder muss dieses Land respektieren", sagte der Trainer, als jemand die unerbittliche Haltung der Bundeskanzlerin gegenüber dem Schuldenstaat erwähnte. Ich weiß wirklich nicht was man daran nicht verstehen kann. Santos, der portugiesische Trainer der Griechen, wird von einem Journalisten (entweder aus Deutschland oder England) nach politischen Themen befragt. Ich sehe da nirgends das jemand der griechischen Mannschaft von sich aus politisch äußert. Andere pochen darauf zu jedem Zeitpunkt etwas politisches rauszuholen.
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