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DFB-Außenverteidiger Boateng Unter Druck

Das DFB-Team hat hinten rechts ein großes Problem. Gegen Portugal soll Jérôme Boateng die Außenverteidiger-Position einnehmen und Superstar Ronaldo stoppen. Er ist keine Idealbesetzung.

Eigentlich hat Bundestrainer Joachim Löw einen einfachen Job. In der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gibt es zehn Plätze, über die sich der Coach nur Gedanken machen muss, wenn es Verletzte gibt. Es gibt allerdings eine Position, für die auch Löw in mittlerweile sechs Jahren als Verantwortlicher der Nationalelf noch keine perfekte Lösung gefunden hat. Denn für den Platz des rechten Außenverteidigers drängt sich auch vor dieser Europameisterschaft niemand auf. Dabei kommt es gleich zum EM-Auftakt gegen Portugal am Samstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auf genau diese Position an - der dort zu erwartende portugiesische Gegenspieler ist ein gewisser Cristiano Ronaldo.

Dabei hat Löw einen Rechtsverteidiger im Kader, einen sehr guten sogar, der gegen Ronaldo schon mehrfach seine Klasse bewiesen hat. Aber Philipp Lahm wird auf der anderen Abwehrseite dringender benötigt. Und einen zweiten Außenverteidiger von Lahms Güte gibt es beim DFB nicht. "Natürlich kann diese Rolle niemand besser als Philipp Lahm", sagt der Bundestrainer.

Lahm spielt beim FC Bayern seit längerem wieder auf rechts. Dort hatte er es im Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid mit Ronaldo zu tun. Vor allem beim Hinspiel in München degradierte Lahm den Portugiesen zu einem lamentierenden Statisten. Löw weiß das natürlich, will seinen Kapitän aber auf der linken Seite verteidigen sehen.

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Löws Abwehrroulette: Problemzone Außenverteidigung

Foto: Andreas Gebert/ dpa

Die Herausforderung, Portugals Superstar zu stoppen, kommt daher jetzt wohl auf Lahms Vereinskollegen Jérôme Boateng zu. Der 23-Jährige spielt bei den Bayern allerdings viel lieber in der Innenverteidigung. Auf außen wirkt er oft ungelenk, überfordert mit dem Umschalten in die Offensive. Zudem hat er zuletzt nicht besonders rühmliche Schlagzeilen aus seinem Privatleben produziert, nachdem der Boulevard über ein Techtelmechtel mit dem Privatfernseh-Sternchen Gina Lisa Lohfink direkt vor dem Abflug ins EM-Quartier nach Polen spekuliert hatte.

Löw bringt Bender als Außenverteidiger ins Gespräch

Löw hat das genau registriert. "Und es hat mir gar nicht gefallen, was da am Wochenende passiert ist", wie er am Donnerstag ungewohnt deutlich sagte. Boateng habe jetzt "eine Bringschuld, er muss in der Lage sein, sich zu zerreißen", nahm der Bundestrainer seinen Abwehrspieler in die Pflicht.

Als Drohpotential für Boateng hat Löw deswegen den Leverkusener Lars Bender als Rechtsverteidiger ins Gespräch gebracht, der allerdings noch nie in seinem Profi-Leben diese Position bekleidet hat. "Aber ich sehe bei ihm wahnsinnig gute Dinge", so Löw. Der Ältere der Bender-Zwillinge bringe alles mit, was zum Profil eines guten Außenverteidigers gehöre: Er sei "hoch belastbar, gut in der Balleroberung", dazu fähig, "diese vor allem läuferisch anspruchsvolle Position" auszuüben. Boateng muss bei so viel Lob für den Konkurrenten alarmiert sein.

Sowohl Bender als auch Boateng sind hinten rechts allerdings eher Not- als Ideallösungen. In der Ausbildung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ist die Position des Außenverteidigers in den vergangenen Jahren kontinuierlich vernachlässigt worden - sehr zum Unwillen von DFB-Sportdirektor Matthias Sammer. "In der Jugend wollen sich die Spieler eben eher auf zentralen Positionen ausbilden lassen", bemängelte Sammer gegenüber SPIEGEL ONLINE. Dabei seien die Außenverteidiger häufig "die Spieler mit den meisten Ballkontakten, diejenigen, die den ersten Pass nach vorne zu spielen haben."

Aber fußballerischer Ruhm ist eher in der Spielmitte zu ernten, und deswegen drängt schon der Nachwuchs dorthin. Anders gemacht hat es nur Lahm, der - clever und karrierebewusst, wie er immer war - frühzeitig erkannt hat, wo die Nische im deutschen Fußball zu finden ist. Der Münchner hat sich in der Nationalmannschaft damit auf Jahre unverzichtbar gemacht, er steht links wie rechts bereit, "je nachdem, wie der Trainer entscheidet".

Löw hat frühzeitig entschieden, dass Lahm bei dieser EM wieder links spielen wird, wie er es auch bei vergangenen Turnieren schon getan hat. Cristiano Ronaldo mag das als eine gute Nachricht aufgefasst haben, Boateng zunächst wohl auch.

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