EM 2012 Korruption, Chaos, Sicherheitsmängel

Die EM 2008 hat noch nicht begonnen, da wird bereits der Austragungsort der Endrunde 2012 in Frage gestellt. Angeblich werden Polen und die Ukraine von der Uefa als Gastgeberländer angezweifelt. Es geht um unzureichende Sicherheit, fehlende Infrastruktur und Korruption.
Von Olaf Sundermeyer

Aus gutem Grund wird Michel Platini, Präsident des europäischen Fußballverbandes Uefa, ein paar Tage nach dem EM-Endspiel in Wien nach Kiew fliegen: Um seinen östlichsten Vertrauten zu besuchen, Grigorij Surkis, Präsident des ukrainischen Fußballverbandes. Er ist ehemaliger Präsident von Dynamo Kiew, dem inzwischen sein Bruder Igor vorsteht. Gleichzeitig ist Surkis Mitglied im Exekutivkomitee der Uefa, das im April des vergangenen Jahres der Doppelkandidatur Polen/Ukraine für die Euro 2012 den Zuschlag gegeben hatte.

Hauptsächlich aber ist er ein schwerreicher Oligarch mit Ambitionen auf das Präsidentenamt. Beobachter sowie Vertreter beider nationaler Fußballverbände gingen nach der erwähnten Uefa-Entscheidung davon aus, dass Surkis diese wesentlich beeinflusst hatte. Denn der Favorit hieß Italien; auch die Doppelbewerbung von Kroatien/Ungarn stand zur Wahl.

Weil aber seither mehr als ein Jahr verstrichen ist ohne merkliche Fortschritte in der Vorbereitung des Turniers, wachsen bei der Uefa die Zweifel über die eigene Entscheidung. Wie die Deutsche Presse-Agentur am Mittwoch "aus gut informierten Uefa-Kreisen" erfahren haben will, intensiviere man die Beratungen nach einer möglichen Neuvergabe der EM 2012. Das Dementi erfolgte umgehend. "Diese Information entbehrt jeglicher Grundlage. Das steht absolut nicht auf der Tagesordnung. Es ist falsch, so etwas zu behaupten", sagte Uefa-Kommunikationsdirektor William Gaillard der französischen Nachrichten-Agentur AFP.

Doch bereits im Januar hatte Platini den schleppenden Sachstand angemahnt, und vor einem "kritischen Ausrutscher" gewarnt. Damals nahm Surkis die Vorlage des einstigen Weltklassespielers Platini auf, um sie öffentlich umzulenken: In Richtung der amtierenden ukrainischen Regierung. "Die Zeit läuft ab. Wir haben nur noch Tage und Stunden zur Verfügung – nicht Jahre und Monate." Seither wird Surkis als Antreiber für die Ausrichtung der EM 2012 in Polen und der Ukraine wahrgenommen. "Geht die Sache schief, wird er sagen: Ich hatte euch doch gewarnt", heißt es unter polnischen Journalisten.

Ein Sprecher der Uefa wollte die angeblichen Zweifel nicht kommentieren: "Von unserer Seite gibt es dazu heute nichts zu sagen", sagte er zu SPIEGEL ONLINE. Es ist aber wohl davon auszugehen, dass sich die Uefa noch vor Beginn der EM am Samstag dazu äußern wird, um eine anhaltende Diskussion über mögliche Ersatzlösungen zu vermeiden. Deutschland wird in diesem Zusammenhang immer wieder erwähnt, sogar in der polnischen Presse. Nachdem Platini erste Zweifel geäußert hatte, sagte Franz Beckenbauer: "Sich als Ersatzland in Position zu bringen, das ist nicht vornehm." Soll heißen: Die entscheidenden Stellen in Deutschland halten sich zurück, wohl aber auch bereit.

Dabei waren die Probleme der osteuropäischen Gastgeberschaft von Anfang an klar: Korruption, Sicherheit, Infrastruktur. Und just ein Jahr nach dem Jubel kumulierte ein lang anhaltender Korruptionsskandal in der Liga, der "Ekstraklasa", inklusive Zwangabstiegen und dutzenden Verhaftungen. Es geht um verkaufte Spiele, um Mannschaften, die nur so den Weg in die oberste Spielklasse fanden.

Massive Probleme bei Infrastruktur und Sicherheit

Einer der Hauptbeschuldigten ist Darius Wdowczyk, der im WM-Jahr 2006 Meister mit Legia Warschau wurde, und als aussichtsreicher Kandidat für das Amt des Nationaltrainers galt. Bis der Holländer Leo Beenhakker auf Wunsch von "Sportfive" kam. Der einflussreiche Sportrechtevermarkter besitzt einen Vertrag zur Betreuung der Nationalelf. "Sportfive" machte sich damals schon Sorgen um das öffentliche Bild des polnischen Fußballs. Seither hat der weltgewandte Beenhakker zumindest bei der Nationalmannschaft für geordnete Verhältnisse gesorgt. Bei Fragen zur Korruption im polnischen Fußball, zu den Zuständen im Verband, oder zur Vorbereitung der EM 2012 reagiert er genervt.

Von den aktuellen Zweifeln aus der Schweiz wurde in Polen heute zunächst keine Notiz genommen: Wegen des plötzliches Todes der prominenten Volleyballspielerin Agata Mróz, der die Berichterstattung dominiert. Der polnische Sportminister Miroslaw Dzierwicki sagte SPIEGEL ONLINE erst im Mai, dass er es "ausschließen könne", dass die Korruption auch bei der Vorbereitung der EURO 2012 um sich greife. Erst im vergangenen Jahr war ein Vorgänger von Dzierwicki, Tomasz Lipiec, wegen Bestechlichkeit im Amt festgenommen worden. Es ging um den Bau von Sportstätten.

Zuvor hatte Lipiec selbst den polnischen Fußballverband PZPN – auf Druck des damaligen Ministerpräsidenten Jaroslaw Kaczynski – kurzzeitig entmachtet, und zwar wegen der Korruption unter Schiedsrichtern, die unter der Obhut des PZPN stehen. Und bis Herbst lähmte der Wahlkampf die EM-Vorbereitungen. Die Politik war damit beschäftigt, die EM 2012 als Sieg der – später unterlegenen- Kaczynski-Regierung zu verkaufen.

So entstand beispielsweise ein Gerangel über die Austragungsorte: Dabei blieb Krakau, die Stadt des amtierenden Meisters Wisla, mit all ihrer Erfahrung im Umgang mit ausländischen Touristen, auf der Strecke. Wegen eines unliebsamen sozialdemokratischen Bürgermeisters. In Danzig beispielsweise ist nichts passiert, seitdem der dortige Bürgermeister, Pawel Adamowicz, vor einem Jahr ein virtuelles Stadion für 40.000 Zuschauer präsentierte. Branchenkenner sagen, dass es dafür keine Aussicht auf Investoren gibt. Die fehlen auch beim Bau der landesweit angekündigten Hotels. Vom Neubau des Nationalstadions in Warschau kündet bislang nur ein lauter politischer Streit. Und der Straßenbau ist mehr ein Politikum als eine Baustelle. Auch in der Ukraine liegt der Verkehr lahm.

Überdies haben beide Länder ein massives Sicherheitsproblem, für das es seit Jahren keine Lösung gibt. So ist beispielsweise der polnische Rekordmeister Legia Warschau noch von der Uefa mit einer Sperre auf Bewährung belegt, wegen massiver Ausschreitungen seiner Anhänger im UI-Cup beim litauischen Club Vetra Vilnius. Der Vorfall gilt als Indiz dafür, dass Polen über keine so genannte Hooligandatei verfügt, die grenzübergreifend funktioniert.

Unterdessen kann sich der liberalkonservative polnische Ministerpräsident Donald Tusk wohl noch auf sein politisches Gespür verlassen. Der tatsächliche Fußballfan hatte erst vor ein paar Tagen erklärt, dass er nicht zur EM reisen werde, auch nicht zum Spiel gegen Deutschland an diesem Sonntag. "Ich werde die Nationalmannschaft von zuhause aus unterstützen". Sollte die EM 2012 nicht in seinem Land stattfinden, bedeutet das eine große politische Krise. Auch für Platini, der vor allem dank der Stimmen aus Osteuropa zum Uefa-Präsidenten gewählt wurde.

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