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Polen vs. Russland: "Kuba" rettet Polen einen Punkt

Foto: Oliver Weiken/ dpa

Remis gegen Russland Polens neue Hoffnung

Es ist ein Punkt, der ganz Polen hoffen lässt: Das Unentschieden gegen Russland feiert der EM-Gastgeber wie einen Sieg. Ein Erfolg für die Moral dank eines Bundesligaprofis von Borussia Dortmund. Doch gegen Tschechien muss nach zwei Remis endlich ein Sieg her.

Niemals würden sie bei Borussia Dortmund auf die Idee kommen, Jakub Blaszczykowski die Kapitänsbinde zu geben. Der Pole ist an guten Tagen zwar ein ganz wunderbarer Fußballer, einen tadellosen Charakter hat er obendrein. Aber er ist eigentlich viel zu leise für das wichtige Amt des Spielführers. Ein zurückhaltender, ja fast schüchterner Mensch. Kein Typ, der mit kernigen Ansprachen die Emotionen der Mitspieler in Wallung bringt. Und auch kein Stratege, der die Köpfe der Kollegen in Augenblicken des taktischen Durcheinanders wieder sortieren kann. Dachte man bislang.

Beim 1:1 der Polen gegen Russland hat Blaszczykowski nun aber auch die letzten Zweifler an seiner Amtsführung als polnischer Kapitän verstummen lassen. Er redet, er dirigiert, er feuert an. Doch mehr Überzeugungskraft als alle Worte haben im Fußball immer noch Tore. Und es war ein ganz besonderer Treffer, den Blaszczykowski in der 57. Minute der Partie des EM-Gastgebers gegen den Erzrivalen erzielt hatte. Wahrscheinlich war es sogar das schönste Tor, das bislang bei dieser EM zu bestaunen war. "So ein Tor schießt Blaszczykowski in so einem Spiel kein zweites Mal", sagte Russlands Trainer Dick Advocaat anerkennend.

Es zeugt von einer beeindruckenden mentalen Stabilität, dass Blaszczykowski dieser Geniestreich mit seinem schwächeren linken Fuß genau in diesem bedeutsamen Augenblick gelang, als die Polen 0:1 zurücklagen. Der 26-Jährige hatte seine ganze Entschlossenheit in diesen Schuss investiert. "Wir haben heute bewiesen, dass wir den Charakter und die Leidenschaft haben", sagte er. Und das machte den Polen anschließend genauso viel Mut wie das Ergebnis.

Viertelfinale für Polen aus eigener Kraft möglich

Denn schon vor der Partie war klar gewesen, dass die Polen mit einem Punkt gegen Russland und dann mit einem Sieg gegen Tschechien im letzten Vorrundenspiel am Samstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) das Viertelfinale aus eigener Kraft erreichen können. Deswegen sagte der gesperrte Torhüter Wojciech Szczesny, das wichtigste Ziel des Abends sei, "bloß nicht zu verlieren". Das war sowohl tabellarisch als auch mental wichtig.

Eine Niederlage gegen Russland hätte nicht nur auf die Stimmung im Land geschlagen; auch das fragile Selbstvertrauen des polnischen Teams wäre empfindlich getroffen worden. Jetzt können sie sich einreden, sie seien eine richtig gute Mannschaft. "Das war ein sehr gutes Spiel für uns und unsere Fans", sagte Sebastian Boenisch.

Auch die Worte von Dick Advocaat schmeichelten den Polen. Der russische Trainer hatte nämlich behauptet, sein Team habe "wirklich gut gespielt", was wie ein großes Lob in den Ohren der Polen geklungen haben muss. Bei der Pressekonferenz wurde sogar ernsthaft darüber diskutiert, ob es einer der besten Auftritte einer polnischen Nationalmannschaft während der vergangenen Jahre gewesen sei. Angesichts der vielen Fehlpässe und einer sehr zerfahrenen zweiten Halbzeit war das aber reichlich übertrieben.

Zumal auch die Russen, deren rasantes 4:1 gegen die Tschechen beeindruckend war, an diesem Abend nicht wie eine Mannschaft wirkten, die zu den Turnierfavoriten gehört. Russland, deren Führung durch Alan Dzagoev nach 37 Minuten verdient war, hatte besonders in der zweiten Hälfte schlampig und ungenau agiert.

Aber vielleicht lag das auch an der neuen Stabilität der polnischen Defensive. Mit Rafal Murawski, Eugen Polanski und Dariusz Dudka bearbeiteten drei defensive Mittelfeldspieler den Raum vor der Viererkette. "Wir wollten etwas defensiver stehen, um gefährlichen Kontern aus dem Weg zu gehen", sagte Murawski. Die flinken Russen sollten schon weit vor dem Strafraum gebremst werden, in vielen Phasen der Partie ging dieser Plan auf.

Gegen Tschechien müssen die Polen nach zwei Remis nun aber unbedingt gewinnen. Und das ist eine Ausgangslage, die diese Mannschaft, die vor dem Turnier zwei Jahre lang keine Pflichtspiele absolvieren musste, bisher nicht zu meistern hatte. Aber für die großen Momente hoffen sie auf ihren Kapitän.

Polen - Russland 1:1 (0:1)
0:1 Dsagojew (37.)
1:1 Blaszczykowski (57.)
Polen: Tyton - Piszczek, Wasilewski, Perquis, Boenisch - Dudka (73. Mierzejewski), Polanski (85. Matuszczyk) - Blaszczykowski, Murawski, Obraniak (90.+3 Brozek) - Lewandowski
Russland: Malafejew - Anjukow, Beresuzki, Ignaschewitsch, Schirkow - Schirokow, Denisow, Syrjanow - Dsagojew (79. Ismailow), Kerschakow (70. Pawljutschenko), Arschawin
Schiedsrichter: Wolfgang Stark (Ergolding)
Zuschauer: 56.070 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Lewandowski, Polanski - Denisow, Dsagojew

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