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EM 2012: Vier Tore gegen Griechenland

Foto: Jens Wolf/ dpa

Sami Khedira Der neue Chef

Rollentausch im Mittelfeld: Sami Khedira nimmt im Nationalteam eine Position ein, die ihm vor zwei Jahren nur wenige zugetraut haben. Der Real-Madrid-Profi ist der neue Denker - und drängt Bastian Schweinsteiger in den Hintergrund.

Es war nur eine kurze Bewegung, die jedoch viel Aussagekraft hatte. Nach einer Stunde Spielzeit bedeutete Sami Khedira Bastian Schweinsteiger mit einem schnellen Handwinken, dass der Bayern-Profi in der Defensive bleiben solle. Khedira selbst nahm Tempo auf und lief bis in den gegnerischen Strafraum. Dort nahm er eine Flanke von Jérôme Boateng auf und bugsierte den Ball mit einem furiosen Volleyschuss ins griechische Tor. Das war das 2:1 - der Befreiungsschlag in diesem Viertelfinale.

Der 25-Jährige spielte in dieser Szene so, wie man es von Anführern einer Mannschaft erwartet. Er übernahm Verantwortung, ging einen weiten Weg für diese eine, wichtige Flanke und verwertete den Ball eiskalt. "Khedira ist eine wahre Führungspersönlichkeit. Er hat in dieser Hinsicht in den vergangenen Monaten noch mal enorm dazugewonnen", sagte Bundestrainer Joachim Löw nach dem 4:2-Erfolg gegen Griechenland über den Profi von Real Madrid.

Wasserträger für die Offensive

Dabei müsste Löw den Zeitraum für Khediras Leistungsschub eigentlich noch weiterfassen. Die rasante Entwicklung des gebürtigen Stuttgarters begann schon mit der WM 2010 in Südafrika und seinem anschließendem Wechsel zu Real Madrid. Vor dem damaligen Turnier in Südafrika galt Khedira noch als Ersatzspieler, als Option, falls Michael Ballack einmal ausfallen sollte. Als Ballack sich dann tatsächlich vor Turnierstart verletzte, rutschte Khedira in die Startelf.

In der öffentlichen Wahrnehmung war er damals der solide Läufer, der unauffällige Hintermann für die zaubernde Offensivabteilung um Mesut Özil und Thomas Müller. Er stopfte damals die Löcher in der Defensive, spielte aber seine eroberten Bälle schnell zu anderen Mitspielern ab.

Heute ist das anders: "Khedira ist bei diesem Turnier sehr dynamisch, sehr präsent. Es ist mittlerweile sehr schwer, gegen ihn im Zweikampf zu bestehen", sagt Löw. Der Madrilene ist der neue Denker im deutschen Team. Einer, bei dem die Fäden des Spiels zusammenlaufen.

Er macht damit alles das, was eigentlich Schweinsteiger zugedacht war. Weil der Münchner diese Rolle 2010 so annähernd perfekt ausgefüllt hatte - als er unter anderem mit Sololäufen die argentinische Abwehr im WM-Viertelfinale zerlegte. Bei diesem Turnier ist davon bisher wenig zu sehen gewesen. Gegen die überforderten Niederländer konnte sich Schweinsteiger in Szene setzen und zwei präzise Torvorlagen auf seinen Teamkollegen Mario Gomez geben, aber in den übrigen Spielen war er wie der Khedira von 2010, der Unauffällige.

Der dazu noch ungeahnte Schwächen offenbart. Gegen die Griechen verursachte er allein in der ersten Halbzeit vier unnötige Fehlpässe, die zu Konterversuchen führten. "Vielleicht hat er noch ein paar körperliche Probleme", sagte Innenverteidiger und Teamkollege Holger Badstuber.

Schweinsteiger, in der abgelaufenen Saison immer wieder mit Verletzungen kämpfend, trainierte auch in der vergangenen Woche nur unregelmäßig mit der Mannschaft. Stattdessen arbeitete er mit den Physiotherapeuten an seiner individuellen Verfassung.

Khedira trägt Schweinsteiger durch das Turnier

"Khedira ist derzeit auch sehr wichtig für diejenigen, die um ihn herum spielen", sagt Löw - und wird damit vor allem Schweinsteiger meinen. Während der Münchner sich nach dem Dänemark-Spiel über seine Müdigkeit beschwerte, lief Khedira mit breitem Grinsen zu dem Bus, der das Team zum Flughafen brachte. Von Erschöpfung war bei dem Mittelfeldspieler nichts zu sehen.

Khedira bestritt in der vergangenen Primera-Division-Spielzeit 28 Matches, dazu noch acht in der Champions League. Er gilt bei den Königlichen als Stammspieler mit hohem Einfluss innerhalb der Mannschaftshierarchie. "Ich mag es, Verantwortung zu übernehmen", hatte er bereits im Trainingslager der Nationalmannschaft im französischen Tourettes gesagt.

Die Rolle des Mitläufers, die er in den vergangenen Jahren beim DFB-Team inne hatte, hat ihn nie zufriedengestellt. Khedira ist einer, der in die erste Reihe drängt. Schon bei der U21-Nationalelf war er der Kapitän - aber als er noch in der Bundesliga beim VfB Stuttgart aktiv war, gehörte er zu den unterschätzten Nationalspielern.

Seitdem hat Khedira einen großen Sprung in seiner persönlichen und sportlichen Entwicklung gemacht. Derzeit ist Schweinsteiger sein Backup. Die Rollen sind getauscht im deutschen Mittelfeld.

Deutschland - Griechenland 4:2 (1:0)
1:0 Lahm (39.)
1:1 Samaras (55.)
2:1 Khedira (61.)
3:1 Klose (68.)
4:1 Reus (74.)
4:2 Salpingidis (89./Handelfmeter)
Deutschland:
Neuer - Boateng, Hummels, Badstuber, Lahm - Schweinsteiger, Khedira - Reus (ab 80. Götze), Özil, Schürrle (67. Müller) - Klose (80. Gomez)
Griechenland: Sifakis - Torosidis, Sokratis, K. Papadopoulos, Tzavellas (46. Fotakis) - Makos (72. Liberopoulos), Maniatis - Ninis (46. Gekas), Katsouranis, Samaras - Salpingidis
Schiedsrichter: Skomina (Slowenien)
Zuschauer: 40.000
Gelbe Karten: - Sokratis, Samaras