Spaniens Finaleinzug Müde Meister im Glück

Spanien hat sich durch einen kräftezehrenden Sieg in der Elfmeter-Lotterie ins EM-Endspiel gezittert. Gegen aggressiv spielende Portugiesen konnte der Welt- und Europameister sein gefürchtetes Kurzpassspiel nicht aufziehen - und geriet zeitweise sogar an den Rand einer Niederlage.

Aus Donezk berichtet


Die spanischen Spieler waren am Ende ihrer Kräfte. Neben den schmucklosen Betonwänden der Donbass-Arena in Donezk stellte sich Abwehrspieler Gerard Piqué sichtlich müde den Fragen der Journalisten. Von "einer großartigen Mentalität" berichtete er nach dem Halbfinal-Triumph im Elfmeterschießen gegen Portugal. Kapitän und Torwart Iker Casillas sprach von einer "besonders schwierigen Partie". Und Cesc Fàbregas, der Schütze des finalen Strafstoßes, redete zwar "von einem Wunder, dass wir wieder im Finale" sind; aber auch er schien sich nur noch nach seinem Bett zu sehnen.

Drei Tage Zeit haben die Spanier nun nach ihrem 4:2 (0:0, 0:0, 0:0)-Sieg nach Elfmeterschießen gegen die Portugiesen, um zu regenerieren. Drei Tage, bis sie am Sonntag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) im Finale als erstes Team drei große Turniere nacheinander gewinnen können. "Wir wollen Geschichte schreiben", sagte Sergio Ramos: "Wenn wir das Finale nicht gewinnen, werden sich die Leute nicht an uns erinnern."

Doch dafür muss der Welt- und Europameister mehr tun als in der Nacht zu Donnerstag im östlichsten Zipfel der Ukraine, wo die überschaubare Zahl der spanischen Anhänger zwar tapfer ihr "Viva España" brüllte, aber doch keine überschäumende Begeisterung aufkommen wollte - dafür gab das Spiel der Spanier auch nur wenig Anlass. "Wir haben Glück gehabt", sagte der spanische Nationaltrainer Vicente del Bosque.

Spanien für den K.-o.-Entscheid besser präpariert

Auch der 61-Jährige schien unendlich erleichtert, dass es nach 120 torlosen Minuten im Lotteriespiel vom Elfmeterpunkt doch noch gut gegangen war. Portugals Nationaltrainer Paulo Bento wollte von einem glücklichen Weiterkommen des Nachbarn jedoch nichts hören: "Spanien hat die effektiveren Elfmeter geschossen."

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EM-Halbfinale: Glückliche Spanier, Pechvogel Alves
Offenkundig war der große Nachbar für den K.-o.-Entscheid besser präpariert, denn die Portugiesen kamen bei ihrer eigentlich festgelegten Reihenfolge durcheinander: zum dritten Strafstoß standen plötzlich Alves und Nani am Punkt, "doch die Reihenfolge war abgemacht: Moutinho, Pepe, Nani, Alves, Ronaldo", so der verwunderte Bento. Der hünenhafte Alves schien verwirrt und ließ sich von Nani wieder zurück zur Mittellinie schicken - und scheiterte dann als vierter Schütze mit einem Vollspannschuss an der Latte.

Dagegen bewies Spaniens Verteidiger Ramos eine erstaunliche Lernfähigkeit in diesem Metier. Im Champions-League-Halbfinale gegen die Bayern hatte der Real-Madrid-Star noch über die Latte geschossen, nun kopierte er Andrea Pirlos lässigen Chip in die Tormitte, mit dem dieser den Viertelfinalsieg Italiens gegen England eingeleitet hatte. "Ich habe gesehen, dass Portugals Torwart sich immer in eine Ecke bewegt", sagte Ramos später. "Unser Trainer weiß, dass ich ein bisschen verrückt bin."

Müder Xavi wird vorzeitig ausgewechselt

Es war diese Mixtur aus Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit, Draufgängertum und Dreistigkeit, mit der sich Spanien letztlich rettete. Bezeichnenderweise hatte der Welt- und Europameister ohne den nach 87 Minuten ausgewechselten Taktgeber Xavi Hernandez seine beste Phase. "Er war müde, ich wollte mehr Tempo ins Spiel bringen", sagte del Bosque zu der Maßnahme, mit den Hereinnahmen von Jesús Navas und Pedro Rodriguez endlich in der Verlängerung die lange vermisste Dominanz zu erringen.

Für Portugal um Superstar Cristiano Ronaldo ist der Titeltraum nun zu Ende. Der Angreifer hätte als finaler Schütze zum umjubelten Helden werden können, doch dazu kam es nicht mehr, Portugal war schon vorher ausgeschieden. Dabei hatte das taktisch und läuferisch enorm geschulte Bento-Team fast alles richtig gemacht.

Es schien bisweilen in der regulären Spielzeit so, als habe Portugal das System der "roten Furie" dechiffriert. Und hätte Ronaldo ein bisschen besser gezielt bei seinen insgesamt sechs Schussversuchen - vielleicht hätte Portugal den Widerstand des iberischen Nachbarn gebrochen. "Nach 90 Minuten hätten wir es verdient gehabt, ins Finale zu kommen", sagte Ronaldo. Sein Trainer Bento zog trotz des Ausscheidens ein positives Fazit: "Wir können stolz sein und erhobenen Hauptes in den Urlaub gehen."

Portugal - Spanien 2:4 (0:0, 0:0, 0:0) n.E.
Xabi Alonso verschießt
Moutinho verschießt
0:1 Iniesta
1:1 Pepe
1:2 Piqué
2:2 Nani
2:3 Sergio Ramos
Bruno Alves verschießt
2:4 Fàbregas
Portugal: Rui Patricio - João Pereira, Pepe, Bruno Alves, Fábio Coentrão - Veloso (106. Custodio) - Meireles (113. Varela), Moutinho - Nani, Cristiano Ronaldo - Hugo Almeida (81. N. Oliveira)
Spanien: Casillas - Arbeloa, Piqué, Sergio Ramos, Alba - Busquets - Xavi (87. Pedro), Xabi Alonso - Dav. Silva (60. Jesus Navas), Iniesta - Negredo (54. Fàbregas)
Schiedsrichter: Cakir (Türkei)
Zuschauer: 48.000
Gelbe Karten: João Pereira, Pepe, Bruno Alves, Fábio Coentrão, Veloso - Arbeloa, Sergio Ramos, Busquets, Xabi Alonso

insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
drumsmalta 28.06.2012
1. Genau das ist das Problem mit Ronaldo
Mal abgesehen davon, dass er in jedem entscheidenden Spiel (Nationalmannschaft wie Champions-League Finals) komplett versagt (wie auch gestern), dieses Mal hat er sein Team alleingelassen. Als Kapitän geht man nämlich hin und schiesst den ersten Elfer um ein Zeichen zu setzen. Cr7 aber will als letzter schießen, damit er im entscheidenden Moment wieder vor der ganzen Welt stolzieren und posieren kann. Natürlich wäre das dann sein Triumph, so wie er auch seine Tore feiert aber nicht die seiner Mitspieler. Mir ist egal was er als Spieler draufhat, als Mensch ist er unsäglich arrogant, selbstfixiert und hat daher in einem Teamsport nicht nur nichts verloren, jede Niederlage ist ihm vollauf zu gönnen.
wackerdurchsaufen 28.06.2012
2. Solche Spiele will doch keiner sehen!
Ein müdes 0:0 durch die vielbemühte "taktische Meisterleistung" beim Rasenschach nimmt doch keinen Fan mehr mit, das kann man, wenn auch auf nicht ganz so hohem Niveau, auch in der Kreisklasse begähnen. Verlängerungen waren auch schon mal besser, auch wenn gerade wir damit nicht die besten Erfahrungen haben. Wenn es nach 45 Min 0:0 steht - warum eigentlich nicht das Elferschiessen zu Beginn der 2. HZ? ... oder in der 2. HZ dann ohne Abseits-Regel ... oder einfach mal ein Tor zulosen, so dass ein Team mit 1:0 in die 2. HZ startet ... Dann geht wenigstens in der 2. HZ die Post ab.
c.werner 28.06.2012
3.
Zitat von wackerdurchsaufenEin müdes 0:0 durch die vielbemühte "taktische Meisterleistung" beim Rasenschach nimmt doch keinen Fan mehr mit, das kann man, wenn auch auf nicht ganz so hohem Niveau, auch in der Kreisklasse begähnen. Verlängerungen waren auch schon mal besser, auch wenn gerade wir damit nicht die besten Erfahrungen haben. Wenn es nach 45 Min 0:0 steht - warum eigentlich nicht das Elferschiessen zu Beginn der 2. HZ? ... oder in der 2. HZ dann ohne Abseits-Regel ... oder einfach mal ein Tor zulosen, so dass ein Team mit 1:0 in die 2. HZ startet ... Dann geht wenigstens in der 2. HZ die Post ab.
Nein, dass kann man dort nicht, da wird mehr gebolzt. Es geht bei der EM hauptsächlich auch darum, den Pokal zu gewinnen, nicht darum das Publikum zu bespaßen. Für Fussballkenner war das gestern eine taktische Meisterleistung beider Manschaften.
Waldbahner2 28.06.2012
4. Elfmeter sofort ohne Verlängerung
Zitat von wackerdurchsaufenEin müdes 0:0 durch die vielbemühte "taktische Meisterleistung" beim Rasenschach nimmt doch keinen Fan mehr mit, das kann man, wenn auch auf nicht ganz so hohem Niveau, auch in der Kreisklasse begähnen. Verlängerungen waren auch schon mal besser, auch wenn gerade wir damit nicht die besten Erfahrungen haben. Wenn es nach 45 Min 0:0 steht - warum eigentlich nicht das Elferschiessen zu Beginn der 2. HZ? ... oder in der 2. HZ dann ohne Abseits-Regel ... oder einfach mal ein Tor zulosen, so dass ein Team mit 1:0 in die 2. HZ startet ... Dann geht wenigstens in der 2. HZ die Post ab.
Elfmeterschießen nach Ablauf der regulären Spielzeit wäre die einfachste Lösung. Dann gibt es auch keine Wettbewerbsverzerrungen mehr durch kräftezehrende Verlängerungen. Von ein paar Foristen und den Spaniern mal abgesehen wollen wohl viele Fans die langweilige spanische Spielweise nicht mehr sehen. Leider ist sie immer noch relativ effektiv. Ich hatte gehofft die Portugiesen hätten gewonnen. Ronaldo hat es auf dem Fuß in allerletzter Minute des regulären Spieles. Allerdings war das Zuspiel auch schlecht zu verwerten.
stefansaa 28.06.2012
5.
Zitat von drumsmaltaMal abgesehen davon, dass er in jedem entscheidenden Spiel (Nationalmannschaft wie Champions-League Finals) komplett versagt (wie auch gestern), dieses Mal hat er sein Team alleingelassen. Als Kapitän geht man nämlich hin und schiesst den ersten Elfer um ein Zeichen zu setzen. Cr7 aber will als letzter schießen, damit er im entscheidenden Moment wieder vor der ganzen Welt stolzieren und posieren kann. Natürlich wäre das dann sein Triumph, so wie er auch seine Tore feiert aber nicht die seiner Mitspieler. Mir ist egal was er als Spieler draufhat, als Mensch ist er unsäglich arrogant, selbstfixiert und hat daher in einem Teamsport nicht nur nichts verloren, jede Niederlage ist ihm vollauf zu gönnen.
Ich bin der Meinung, das auf dem letzten Schützen ein noch stärkerer Druck lastet als auf dem ersten. Von daher fände ich es gut, wenn er als letzter geschossen hätte. Es hat halt nicht sollen sein. Im übrigen spielt Ronaldo sehr manschaftsdienlich und ist bei weitem nicht so ein Egozentriker wie ihm immer unterstellt wird. Häufig schallt es nur so wieder zurück, wie er es von den Medien ins Gesicht geblasen bekommt.
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