EM 2012 Titelverteidiger Spanien stolpert über starke Italiener

Pass-Stafetten, Chancen im Minutentakt, wunderschöne Tore: Klingt nach Spanien? Klingt so. Im ersten EM-Spiel des Titelverteidigers gegen Italien war es der Gegner, der überraschte. Die Azzurri standen gut in der Defensive, konterten stark - und hatten fünf Minuten vor Schluss großes Glück.

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Sicher, David Villa oder Carles Puyol fehlten verletzt. Aber es waren ja immer noch Andrés Iniesta, Xavi oder David Silva auf dem Feld. Und auch ein gewisser Mario Balotelli oder Andrea Pirlo. Spanien gegen Italien, dieses Duell galt bereits im Vorfeld der EM als Highlight. Zurecht. Hier der amtierende Welt- und Europameister Spanien, dort in Italien der Weltmeister 2006, der nach einer katastrophalen WM-Endrunde 2010 (Aus in der Gruppenphase) immerhin wieder eine souveräne EM-Qualifikation gespielt hatte.

Im ersten Spiel der Gruppe C konnten die Spanier den hohen Erwartungen allerdings nur phasenweise gerecht werden. Beim 1:1 (0:0) vor 40.000 Zuschauern in Danzig waren es die Italiener, die aufhorchen ließen. Und zwar nicht nur durch das Ergebnis, sondern auch durch ihre disziplinierte Defensive und das gute Konterspiel. Die Tore erzielten Antonio di Natale (61. Minute) und Cesc Fàbregas (64.).

"Das Remis geht in Ordnung", sagte Spaniens Nationaltrainer Vicente del Bosque. "Wir sind mit diesem Ergebnis relativ zufrieden." Seine Elf, die in Polen und der Ukraine auf Toptorjäger Villa verzichten muss, probierte es mit einer offensiven Dreier-Reihe, in der Mittelfeldmann Fàbregas vom FC Barcelona so etwas wie die Sturmspitze gab. Mindestens ebenso extravagant kam Italiens Abwehr daher, die aus nur drei Spielern bestand.

Die Spanier versuchten von der ersten Minute an, Spekulationen über ein Ende ihrer Regentschaft im Weltfußball zu entkräften. Mit Pressing und der bekannten Ballsicherheit riss der Titelverteidiger die Kontrolle an sich. Da Italien aber extrem tief stand, waren Torchancen zunächst selten. Silvas Schuss verfehlte sein Ziel um rund zwei Meter (9.), zwei Minuten später scheiterte er aus kurzer Distanz an Italiens Torhüter Gianluigi Buffon (11.).

Italien mit den besseren Chancen

Es zählt zu den obligatorischen Merkmalen einer Fußball-Partie, an der Spaniens Nationalelf teilnimmt, dass der Gegner nur wenige Gelegenheiten hat. Für Italien sorgte ein Freistoß von Pirlo (13.) für etwas Abwechslung von der Abwehrarbeit. Den Standard parierte Torhüter Iker Casillas. Ansonsten standen bei gegnerischem Ballbesitz regelmäßig alle Spieler der Azzurri in der eigenen Hälfte.

In der Rubrik "beste Chance der ersten Hälfte" gewannen trotzdem die Italiener: Nach einem Pass von Christian Maggio verfehlte Antonio Cassano aus der Drehung nur knapp das 1:0 (22.). Dagegen war der Schuss von Barcelonas Superstar Iniesta eher leichte Beute für Buffon (30.). Sein Gegenüber Casillas hatte bei einem weiteren Schuss von Cassano mehr Mühe und musste den Ball abklatschen lassen (34.).

Balotelli vertändelt leichtfertig, di Natale trifft

In dieser Phase der Partie wäre Spanien froh über eine kleine Chance gewesen, einen Weitschuss oder ähnliches. Stattdessen prüfte Italiens Claudio Marchisio Casillas aus rund 20 Metern (37.). Villa-Vertreter Fàbregas brachte sich den Fans kurz vor dem Halbzeitpfiff noch einmal mit einer Aktion in Erinnerung. Bonucci klärte aber in höchster Not (43.). Weil Casillas auch einen Kopfball von Thiago Motta abwehrte (45.), durfte sein Team mit einem fast schmeichelhaften Remis in die Kabine gehen.

"Es war sehr hart und kompliziert", sagte Abwehrchef Sergio Ramos. "Italien war beeindruckend." Fünf Minuten nach Wiederbeginn musste Buffon dann zum ersten Mal etwas von seiner Klasse zeigen. Einen halbhohen Distanzschuss von Fàbregas faustete der italienische Keeper aus der Gefahrenzone (50.). Spanien hatte nun eine starke Phase. Fàbregas bediente Iniesta, der aus spitzem Winkel nur ganz knapp das Tor verfehlte (51.). Buffon war noch mit den Fingerspitzen am Ball.

Italien antwortete. Oder besser: versuchte es. Nach einem Fehler von Spaniens Verteidiger Ramos lief Balotelli von halbrechts allein auf Casillas zu. Doch der Angreifer von Manchester City lief derart langsam, dass er den Ball noch vor dem Abschluss wieder an Ramos verlor (53.). Die große Gelegenheit zur Führung war leichtfertig vergeben.

Italiens Nationaltrainer Claudio Cesare Prandelli wechselte Balotelli aus und brachte di Natale. Der Stürmer von Udinese Calcio war gerade einmal vier Minuten auf dem Platz, als er einen Pass von Pirlo zum 1:0 verwertete. Casillas war vergebens aus seinem Tor gestürzt, di Natale überwand den Keeper mit einem Schlenzer ins lange Eck (61.).

Spanien kontert durch Fàbregas, Torres vergibt Siegchance

Aber der große Favorit schlug schnell zurück. Silvas Außenrist-Pass verwertete Fàbregas aus kurzer Distanz zum 1:1 - nur drei Minuten nach dem Rückstand. Die Partie war nun ausgeglichen und entwickelte ein deutlich höheres Tempo als in der ersten Hälfte. Das lag vor allem an den Spaniern, die nun frischer wirkten.

Der eingewechselte Fernando Torres konnte erst im letzten Moment von Buffon vom Ball getrennt werden (74.). Zuvor war eine Flanke von Jesús Navas auf dem italienischen Tordach gelandet (70.). Auf der anderen Seite schoss di Natale aus kurzer Distanz volley daneben (77.). Die größte Chance auf den Sieg vergab Torres in der 85. Minute. Buffon war weit aus seinem Tor gekommen, der spanische Stürmer entschied sich für einen Heber, setzte aber zu hoch an.

"Wir haben einen Punkt gewonnen und nicht zwei verloren", sagte Spaniens Kapitän und Keeper Casillas. Pirlo kam zu einem ähnlichen Ergebnis: "Es war wichtig, dass wir nicht verloren haben. Mit dem Start können wir zufrieden sein."

Spanien - Italien 1:1 (0:0)
0:1 Di Natale (60.)
1:1 Fàbregas (64.)
Spanien: Casillas - Arbeloa, Pique, Ramos, Alba - Xavi, Busquets, Alonso - Silva (65. Navas), Fabregas (74. Torres), Iniesta
Italien: Buffon - Chiellini, De Rossi, Bonucci - Maggio, Marchisio, Pirlo, Motta (90. Nocerino), Giaccherini - Cassano (65. Giovinco), Balotelli (56. Di Natale
Schiedsrichter: Viktor Kassai (Ungarn)
Zuschauer: 40.000
Gelbe Karten: Alba, Arbeloa, Torres - Balotelli, Bonucci, Chiellini, Maggio

insgesamt 56 Beiträge
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spon-facebook-10000011612 10.06.2012
1. Super Spiel
Zitat von sysopGetty ImagesPass-Stafetten, Chancen im Minutentakt, wunderschöne Tore: Klingt nach Spanien? Klingt so. Im ersten EM-Spiel des Titelverteidigers gegen Italien war es der Gegner, der überraschte. Die Azzurri standen gut in der Defensive, konterten stark - und hatten fünf Minuten vor Schluss großes Glück. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,838028,00.html
Da zeigt sich, dass Fußbal ein Laufspiel ist. Ganz große Klasse von beiden. Einen Sieger hätte das Spiel nicht verdient gehabt. Dagegen habe die Deutschen im Schlafwagen gastiert (die Portugiesen auch). Bei den letzten Spielen gegen Spanien hat Deutsche Nationalmanschaft nicht gut ausgesehen, u.a. auch deshalb, weil letztendlich die Laufleistung gefehlt hat.
unifersahlscheni 10.06.2012
2. Sehr gerne...
Zitat von spon-facebook-10000011612Da zeigt sich, dass Fußbal ein Laufspiel ist. Ganz große Klasse von beiden. Einen Sieger hätte das Spiel nicht verdient gehabt. Dagegen habe die Deutschen im Schlafwagen gastiert (die Portugiesen auch). Bei den letzten Spielen gegen Spanien hat Deutsche Nationalmanschaft nicht gut ausgesehen, u.a. auch deshalb, weil letztendlich die Laufleistung gefehlt hat.
...dürfen sich die Spanier und Italiener schon in den ersten Spielen "totmüde"laufen... ;---) ... abgerechnet wird am Schluss.
Goldwin 10.06.2012
3.
Zitat von spon-facebook-10000011612Da zeigt sich, dass Fußbal ein Laufspiel ist. Ganz große Klasse von beiden. Einen Sieger hätte das Spiel nicht verdient gehabt. Dagegen habe die Deutschen im Schlafwagen gastiert (die Portugiesen auch). Bei den letzten Spielen gegen Spanien hat Deutsche Nationalmanschaft nicht gut ausgesehen, u.a. auch deshalb, weil letztendlich die Laufleistung gefehlt hat.
und was haben die beiden davon? 1 Punkt! Was hat Holland davon? 0 Punkte und was haben wir davon? 3 Punkte! :-)
Zenturio.Aerobus 10.06.2012
4. Sieger
Zitat von spon-facebook-10000011612Da zeigt sich, dass Fußbal ein Laufspiel ist. Ganz große Klasse von beiden. Einen Sieger hätte das Spiel nicht verdient gehabt. Dagegen habe die Deutschen im Schlafwagen gastiert (die Portugiesen auch). Bei den letzten Spielen gegen Spanien hat Deutsche Nationalmanschaft nicht gut ausgesehen, u.a. auch deshalb, weil letztendlich die Laufleistung gefehlt hat.
Stimmt, ich hätte mir zwar Spanien als Sieger gewünscht, aber der Fairness halber....:-)
chico 76 10.06.2012
5. Beide
Mannschaften haben gezeigt, dass Fussball schön sein kann. Unseren derzeitigen Angsthasenfussball gilt es schnell zu ändern. Nicht jeder Gewinner ist auch Sieger.
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