EM-Titelverteidiger Spanien Zähmung der "Roten Furie"

EM-Favorit Spanien offenbart im Spiel gegen Kroatien ungewohnte Schwächen: Die Abwehr agiert unsicher, im Angriff fehlt die Durchschlagskraft eines David Villa. Der Nimbus der Übermannschaft bekommt erste Risse.

DPA

Hamburg - Es war eine Zitterpartie, mit der vorher so wohl kaum jemand gerechnet hatte. Im abschließenden Vorrundenspiel der Gruppe C mühte sich Spanien zu einem knappen 1:0-Sieg über Kroatien und sicherte sich damit den Einzug ins EM-Viertelfinale. Erst ein Tor von Joker Jesús Navas in der 88. Minute befreite den Welt- und Europameister von der Angst, vorzeitig das Turnier verlassen zu müssen.

"Wir können sehr zufrieden sein. Es war schwer für uns, ins Spiel zu kommen, aber am Ende war der Sieg verdient", sagte Matchwinner Navas nach der Partie. Eine Einschätzung, die das Spielgeschehen nur unzureichend widergibt. Kroatien war den Spaniern zwar spielerich unterlegen, brachte die Mannschaft von Trainer Vicente del Bosque aber trotzdem an den Rand einer Niederlage und den damit verbundenen Turnier-K.o.

Erst verweigerte der deutsche Schiedsrichter Wolfgang Stark den Kroaten beim Stand von 0:0 einen klaren Elfmeter. Sergio Ramos hatte Mario Mandzukic im Strafraum gefoult. Dann scheiterte der frühere Schalker Ivan Rakitic mit einem Kopfball aus kurzer Distanz an Keeper Iker Casillas. Zudem sorgte der Treffer der Spanier für Aufregung: Beim Abspiel von Cesc Fàbregas auf Andrés Iniesta stand Navas im Abseits, also zunächst passiv. Sekunden später griff er jedoch aktiv ins Spielgeschehen ein, als er das Zuspiel von Iniesta zum entscheidenden Tor verwertete.

Wäre nur eine dieser Szenen anders entschieden worden oder hätte zu einem Tor für die Kroaten geführt, Spanien hätte möglicherweise vor dem Aus gestanden.

Tatsächlich scheint das hochgehandelte Team - Spitzname: "Rote Furie" - etwas von der bisherigen Spielstärke verloren zu haben. Das Fehlen der beiden Schlüsselspieler Carles Puyol (Knieoperation) und Stürmer David Villa (Schienbeinbruch) in der spanischen Elf wiegt offenbar schwerer, als zunächst angenommen. Gegen die Kroaten agierten die Kurzpass-Künstler zwar gewohnt ballsicher; im Abschluss fehlte es aber genau wie im Auftaktspiel gegen Italien an der Durchschlagskraft, dazu kommen eklatante Abstimmungsprobleme in der Defensive.

Der spanischen Abwehr fehlt die Organisation

Die beiden Mittelfeld-Strategen Andrés Iniesta und Xavi schafften es nicht, Stürmer Fernando Torres entscheidend in Szene zu setzen. Die wenigen Aktionen von Torres selbst waren zu leicht durchschaubar für die Abwehr der Kroaten. Trotz seiner beiden Tore gegen Irland ist es ihm bisher nicht gelungen, Villa gleichwertig zu ersetzen. Villa ist ein anderer Spielertyp. Er agiert flexibler, weicht auf die Flügel aus und holt sich Bälle aus dem Mittelfeld. Torres tut das meist nicht.

Noch schwerer ist das Fehlen von Abwehrchef Puyol zu kompensieren. Ohne ihn wirkt die Defensive der Spanier unorganisiert. Der etatmäßige Rechtsverteidiger Sergio Ramos soll ihn in der Innenverteidigung vertreten. Spielerisch ist das kaum ein Problem - ein Abwehrchef ist Ramos aber nicht. Diese Rolle soll Gerard Piqué übernehmen. Dem Profi vom FC Barcelona fehlt dafür aber die Erfahrung. Im Verein ist es schließlich ebenfalls Teamkollege Puyol, der die Anweisungen gibt und seine Nebenleute organisiert.

Genau diese fehlende Organisation der Spanier hätte gegen die Kroaten fast zum Gegentor durch Rakitic geführt. Der frühere Schalker stand bei seinem Kopfball im Strafraum der Spanier völlig frei. Einzig die mangelnde Kopfballstärke des 24-Jährigen und die sehenswerte Parade von Casillas verhinderten den Treffer.

Del Bosque zeigte sich trotzdem zufrieden mit der Leistung seiner Elf: "Heute haben wir einen großen Schritt gemacht. Wir wollten nicht auf Unentschieden spielen, das wäre gefährlich geworden. Kroatien hat ein sehr gutes Spiel gemacht, aber am Ende haben wir bewiesen, dass wir das Spiel kontrollieren können."

Im Viertelfinale trifft Spanien am Samstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) entweder auf England, Frankreich oder die Ukraine. Je nachdem wie die abschließenden Vorrundenpartien in der Gruppe D enden. Eins scheint jedenfalls klar, fürchten muss sich der Gegner Spaniens nicht: Die "Rote Furie" scheint bei dieser Europameisterschaft zähmbar.

Kroatien - Spanien 0:1 (0:0)
0:1 Jesús Navas (88.)
Kroatien: Pletikosa - Vida (66. Jelavic), Corluka, Schildenfeld, Strinic - Vukojevic (81. Eduardo), Rakitic - Srna, Modric, Pranjic (66. Perisic) - Mandzukic
Spanien: Casillas - Arbeloa, Piqué, Sergio Ramos, Alba - Xavi (89. Negredo), Busquets, Xabi Alonso - Dav. Silva (73. Fabregas), Iniesta - Fernando Torres (61. Jesús Navas)
Schiedsrichter: Wolfgang Stark
Zuschauer: 36.000
Gelbe Karten: Corluka, Strinic, Rakitic, Srna, Mandzukic, Jelavic



insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
cativelos007 19.06.2012
1. Hätte, wenn und aber...
wars aber nicht! Solche Spiele muss man auch gewinnen, das sind die Spiele aus der eine Weltmeister- oder Europameister-Mannschaft wächst. Es ist wie es ist, die Spanier sind einfach die Topfavouriten und wir wissen auch, daß Deutschland mit sehr viel Dusel die 9 Punkte geschafft hat. Denn, hätte Dänemark beim Stande von 1:1 ein Tor geschossen, oder hätte der Latentreffer der Portugiesen statt auf der Linie hinter der Linie gefallen, dann wäre Deutschland längst ausgeschieden.
herr_wurst 19.06.2012
2. Nicht schlecht
Kroatien hat es wirklich gut hingekriegt,sich im zentralen Tiki-Taka Bereich häufig Zugriff auf das Spiel zu erarbeiten und den Spielrhytmus der Spanier zu unterbrechen und sie schon auch zu verunsichern. Die Kroaten waren zwar defensiv, aber standen eben (meist) viel höher in der Abwehr als etwa Chelsea. Dadurch konnten sie einige Bälle gewinnen, die ihnen, bei schnellerem Umschalten von Abwehr auf konsequent durchgespielte Konter, durchaus den Sieg hätten bringen können. Ganz ähnlich spielte auch Italien gegen Spanien. Löw sollte sich die Taktik der Kroaten und Italiener genau anschauen, denn im Verbund mit unserer Konterstärke könnte daraus ein guter Matchplan gegen Spanien entstehen.
juxeii 19.06.2012
3. ...
Zitat von cativelos007wars aber nicht! Solche Spiele muss man auch gewinnen, das sind die Spiele aus der eine Weltmeister- oder Europameister-Mannschaft wächst. Es ist wie es ist, die Spanier sind einfach die Topfavouriten und wir wissen auch, daß Deutschland mit sehr viel Dusel die 9 Punkte geschafft hat. Denn, hätte Dänemark beim Stande von 1:1 ein Tor geschossen, oder hätte der Latentreffer der Portugiesen statt auf der Linie hinter der Linie gefallen, dann wäre Deutschland längst ausgeschieden.
LOL! Ach so, als Weltmeister hat man also keinen Dusel, sondern muss halt mal solche Spiele auch gewinnen. Und hätte Kroatien den Kopfball reingemacht, dann wärs vielleicht auch schon vorbei mit der spanischen Herrlichkeit. Aber Hauptsache Sie haben die dt. Mannschaft schlecht geredet! Überdenken Sie nochmals Ihre "Argumentation" und posten dann logisch Sinnvolleres, danke.
histidin 19.06.2012
4. optional
Spanien hat bei der Fußball-WM 2010 in der Gruppenphase alles andere als geglänzt (0:1-Niederlage gegen Schweiz!) ... sie sind trotzdem Weltmeister geworden.
Pless 19.06.2012
5.
Zitat von sysopDPAEM-Favorit Spanien offenbart im Spiel gegen Kroatien ungewohnte Schwächen: Die Abwehr agiert unsicher, im Angriff fehlt die Durchschlagskraft eines David Villa. Der Nimbus der Übermannschaft bekommt erste Risse. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,839681,00.html
Will man Spanien schlagen darf man ihnen nicht beim Schönspielen zuschauen sondern muss, wie es so schön heißt, "über den Kampf ins Spiel kommen". Das haben nicht nur die Kroaten gezeigt sondern im WM-Finale auch schon die Holländer. Auch die waren ziemlich nah dran. Näher jedenfalls als ihre Spielerischen Mittel hergaben.
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