Spaniens Matchwinner Iniesta Hier schraubt der Chef

Spanien setzt bei der EM-Titelverteidigung auf bekannte, erfahrene - man kann auch sagen: ältere - Spieler. Das könnte sogar funktionieren, vor allem wegen Andrés Iniesta. Diesmal ist er wichtiger denn je.
Andrés Iniesta (r.) gegen Pavel Kaderabek

Andrés Iniesta (r.) gegen Pavel Kaderabek

Foto: Armando Babani/ dpa

Nach knapp einer Stunde durfte sich Thiago Alcántara dann doch warm laufen unter einem bewölkten Himmel über dem Stadium de Toulouse. Der hochbegabte Bayern-Profi hatte es nicht in die Startelf von Vicente del Bosque zum EM-Auftakt des Titelverteidigers gegen Tschechien geschafft, denn dort, wo der ehemalige Barcelona-Schüler Thiago zum Einsatz hätte kommen können, spielt auch bei dieser EM der Meister: Andrés Iniesta.

"Einen absoluten Ausnahmespieler" nannte Tschechiens Trainer Pavel Vrba Iniesta nach dem Spiel. Die Auszeichnung zum "Man of the Match" hatte der inzwischen 32-Jährige da auch schon von der Uefa verliehen bekommen. Iniesta selbst sprach auch noch ein paar Worte, sagte aber eigentlich nichts: Nur das Kollektiv zählt. Es war schwer. Wir sind glücklich. Wir schauen aufs nächste Spiel.

Aber Iniesta will man ja auch nicht zuhören, man will ihm zuschauen, so war das immer schon. 2008 war er auch schon dabei, als die goldene Generation der Spanier mit dem Titelsammeln anfing. Eine Generation, die in die Jahre gekommen ist, manche der damaligen Stars haben ihre Karriere beendet wie Carles Puyol und Xavi, andere sind in der Nationalmannschaft nur noch Ersatz wie Iker Casillas oder haben es nicht mal in den Kader geschafft wie Fernando Torres. Im Sturm neu dabei und auch gegen Tschechien in der Startelf waren Álvaro Morata und Nolito.

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Foto: Dean Mouhtaropoulos/ Getty Images

"Die neuen Spieler bringen tolle Qualität mit, vor allem für ihr Alter. Es gibt immer Wechsel, das gehört dazu", hatte Iniesta die Neuen auf der Pressekonferenz im Vorfeld der Partie erwartbar gelobt. Er saß neben Kapitän Sergio Ramos, der den aktuellen Fußballer-Einheitslook - Haare an der Seite ausrasiert, oben akkurat gescheitelt, fürstlicher Bart und Tattoos, die die Arme wie Leopardentatzen wirken lassen - perfektioniert hat, und wirkte dabei mit seinem Haarkranz und seiner schmächtigen Gestalt mal wieder eher wie ein Sachbearbeiter, Abteilung: Passspiel und Ballkontrolle.

Das sind Iniestas Kernkompetenzen, wäre er sein eigener Pressesprecher, könnte er aber inzwischen sagen: Ich bin jetzt breiter aufgestellt. Im gesamten Mittelfeld nämlich, links und rechts, vorn und hinten und manchmal ganz vorn und ganz hinten, wenn er mal eben aus dem Sturmzentrum den enteilten Tomas Rosicky im Duell der Alt-Profis einholte und mit einem Bodycheck wegdrängte, den man dem schüchternen Mann immer kaum zutraut.

Meist war aber anderes Werkzeug gefragt. Die Tschechen hatten ihre Spielhälfte mit zwei Abwehrreihen verbarrikadiert. Und an diesen beiden Brettern machten sich die Künstler der Nische, Silva und Iniesta, wie zwei Kreuzschraubendreher zu schaffen. Drehung, Drehung, Drehung, auf das es irgendwann mal locker werde, dieses Konstrukt der Tschechen. Denn die Flanken auf Nolito und Morata konnten die Tschechen gut verteidigen. Gegen Iniesta aber gibt es kein fußballerisches Gegengift. Man kann ihn im Auge behalten, wie es Tschechiens Verteidiger taten, aber wollten sie Iniesta den Ball wegnehmen, liefen sie ins Leere.

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Er ist eines dieser Genies, die immer nur das tun, was das Spiel von ihnen verlangt. Und Spaniens Spiel verlangte an diesem Sonntagnachmittag nun mal, dass Iniesta überall war. Das dürfte dem Titelverteidiger zu denken geben: So abhängig von einem Spieler war das Team wohl noch nie, darüber konnte auch der dominante Auftritt gegen Tschechien nicht hinwegtäuschen.

Fast immer hatte Iniesta früher oder später seinen Fuß am Ball gehabt, wenn Spanien sich eine Chance erspielte. Am Ende hatte das Team 17 Schüsse abgegeben, aber entweder war zu wenig Präzision das Problem oder zu viel Petr Cech. Der Arsenal-Profi war mal wieder bester Mann bei den Tschechen, die vergeblich gehofft hatten, Spielmacher Rosicky möge auch noch mal seinen inneren Iniesta aufwecken. Drei gute Schüsse gab der EM-Dauergast zwar ab, aber Torhüter David de Gea, der trotz des Wirbels um einen vermeintlichen Sex-Skandal seinen Platz im Tor gegen Casillas behauptet hatte, reagierte jeweils souverän.

Spaniens Chancen also: Viele waren es und auch jede Menge gute, und man konnte Nolito und Morata auch keinen richtigen Vorwurf machen. Sie zeigten gegen die so defensiven Tschechen, dass sie vielseitige Angreifer sind. Zu Torschützen aber wurden die beiden nicht mehr, die Ehre des Siegtors war Gerard Piqué vorbehalten, der kurz vor Spielende per Kopf zum 1:0 traf.

Geflankt hatte Andrés Iniesta.

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