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Verteidiger im DFB-Team: Von innen nach außen

Foto: Billy Stickland/ Getty Images

Außenverteidiger im DFB-Team Flexibel, clever, provisorisch

Traditionell gilt die Position des Außenverteidigers als Problem - in den Jugendmannschaften und im Team von Joachim Löw. Die Bilanz einer Fehlplanung.
Von Jörg Kramer

Wenn der Fußball-Analyst Christofer Clemens über Außenverteidiger redet, könnte man meinen, dass man für diese Spielposition ein abgeschlossenes Studium braucht. Für den Job sei "eine extrem hohe kognitive Fertigkeit" nötig, um "das Spiel zu verstehen, Räume zu begreifen", sagt Clemens, Mitglied im Stab des Bundestrainers Joachim Löw.

Die Fähigkeit zur Kognition, Informationsverarbeitung also, ist nur eines der Merkmale im Anforderungsprofil; Kenner wissen, dass Spieler auf dieser Position permanent über den Flügel angreifen, obwohl sie eigentlich Verteidiger sind. Clemens seziert berufsmäßig Partien der Gegner und der eigenen Mannschaft. In einem Buch über Jugendfußball behauptet er sogar, die Rolle des Außenverteidigers sei "spieltaktisch in der Offensive nicht zu unterscheiden von einer Nummer zehn", also dem Spielmacher.

Wer die Kunst des Außenverteidigens beherrscht, kann also alles. Die Bundestrainer verwalten auf diesem Gebiet jedoch traditionell einen Mangel. Mit den Außenverteidigern in der Nationalmannschaft verhält es sich wie mit den Ärzten im ländlichen Raum. Es gibt zu wenige. Ist die Position zu anspruchsvoll?

Die Zeiten der Dauerbrenner Manfred Kaltz (rechts) oder Andreas Brehme (links) sind vorbei. Ein Jahrzehnt lang trat eine Qualitätslücke immer auf jener Spielfeldseite auf, auf der Philipp Lahm gerade nicht aufgestellt war, der letzte deutsche Spezialist in diesem Fach mit dem Prädikat Weltklasse.

Löw stellt Innenverteidiger oft außen auf

Die Trainer behalfen sich mit Provisorien aus dem Abwehrzentrum, einem völlig anderen Metier. Diese Spieler verfügen über taktische Disziplin und Zweikampfstärke, aber weniger über Offensivqualitäten. Sie hießen Arne Friedrich, Holger Badstuber, Jérôme Boateng, Benedikt Höwedes, Shkodran Mustafi und immer wieder spielte aushilfsweise Heiko Westermann. Der wurde von Fans, nach missglücktem Außeneinsatz für den Hamburger SV, sogar mit Bierbechern beworfen.

Dann wieder hat man Mittelfeldspieler zurückgezogen, denen keine Fertigkeit am Ball fehlte, aber Schnelligkeit. Gelernten Offensivleuten wiederum wurden Abwehrstärken mehr angedichtet als wirklich zugetraut - irgendwer musste ja außen verteidigen.

Die Ansprüche sind gestiegen, an Technik und an die Handlungsschnelligkeit. Deutschland ist schließlich Weltmeister. Und nach der WM in Brasilien hat sich das Problem auch noch verdoppelt: Lahm spielt nicht mehr im DFB-Trikot.

Das wiegt jetzt besonders schwer. Denn Bayern Münchens Kapitän hat den Beruf des rechten Verteidigers zuletzt neu erfunden. Sein scheidender Trainer Pep Guardiola rühmte die Art, wie er die Rolle interpretiert. Als Verteidiger, sagte er, "dominiert Philipp das Spiel".

Lahm: "Sehr schwierig, offensiv und defensiv gleich stark zu sein"

Lahm hat einen Weg gefunden, in einer Partie gleich zwei Positionen zu besetzen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, Jobs wie Hausmeister und Sopranist. Er räumt rechts hinten in der Viererkette auf, wenn der Gegner angreift; und er gibt im zentralen Mittelfeld den Ton an, wenn sein Team den Ball besitzt.

Es sei "sehr schwierig, offensiv und defensiv gleich stark zu sein", sagt Lahm am Telefon, das mache den Außenverteidigerberuf so interessant. "Man braucht Tempo in beide Richtungen."

Lahm kam ursprünglich aus dem Mittelfeld, mit 17 verteidigte er in der Bayern-Jugend zum ersten Mal außen. "Defensiv hatte ich Defizite." Er hatte Übung darin, als kleiner Spieler körperliche Nachteile zu kompensieren. "Ich hatte gelernt, Situationen vorherzusehen."

Bayerns Franzose Bixente Lizarazu war lange Jahre sein Vorbild, der hatte seine Stärken hinten. Inzwischen habe sich das Profil gewandelt. "Die meisten kommen aus dem Mittelfeld", sagt Lahm. Er selbst wurde bei Bayern und in der Nationalelf vorübergehend wieder im Zentrum eingesetzt, diese Art Fortbildung habe ihm geholfen. "Man kriegt wieder ein besseres Auge. Man ist wieder ein bisschen wacher."

Viel Variation auf den Außenpositionen unter Löw

Seit 2006 hat Bundestrainer Löw 18 verschiedene Rechtsverteidiger und 15 Linksverteidiger spielen lassen. Einmal, zur Leistung des Dortmunders Marcel Schmelzer gefragt, handelte er sich den Vorwurf der Respektlosigkeit ein, als er meinte, für die Position könne er sich halt "keinen schnitzen". Löw sieht in den Juniorenauswahlteams keine Außenverteidiger mit Weltklasse-Potenzial. Vielleicht gäbe es aber auf anderen Positionen Klassetalente mit Außenverteidigerpotenzial.

Die Bemühungen, den Mangel zu überwinden, wirken hilflos. Der frühere DFB-Sportdirektor Robin Dutt wies die Juniorenauswahltrainer an, die Begabtesten in Freundschaftsspielen außen aufzustellen. Löw ist mehr Trainer der A-Nationalmannschaft als ein Bundestrainer, der auch dem Nachwuchs die Richtung vorgäbe. Sonst hätte es vielleicht mal ein klares Wort gegeben, welche Art von Außenspielern überhaupt herangebildet werden sollte: sprintende Abenteurer oder gediegene Passgeber.

"Nicht jeder Trainer kann eine Position klar definieren", das hat Lahm in seiner Karriere festgestellt.

Nach 2000 begann die deutsche Nachwuchsoffensive im Fußball. Einem aufwendigen Förderprogramm mit Stützpunkten und Leistungszentren entsprangen jede Menge filigrane Künstler wie Mario Götze und Julian Draxler. Die Besten wurden ins Spielfeldzentrum geschickt, wo sie vermeintlich mehr Einfluss ausüben.

Weltweiter Mangel an guten Rechts- und Linksverteidigern

Jetzt hat der DFB Brillanz im Überfluss ausgebildet, zu viel vom Gleichen, eine Fehlplanung. Talentierte Nachwuchsspieler schießen lieber Tore. Als der Leipziger Jugendnationalspieler Nic Kühn, ein Stürmer, vom U-15-Auswahltrainer als Außenverteidiger aufgestellt wurde, beschwerte sich der Vater des Spielers. Er empfand das als Herabsetzung.

Der Engpass ist ein weltweites Phänomen. Bayern Münchens Kaderplaner Michael Reschke sah "Top-Qualität dünn gesät", als er im vergangenen Sommer einen Rechtsverteidiger suchte für den Fall, dass Lahm dauerhaft im Mittelfeld spielen sollte. Am Ende holten die Bayern fürs Mittelfeld Arturo Vidal, Lahm blieb hinten.

Wegen des knappen Angebots kosten Außenverteidiger viel Geld. Der FC Chelsea zahlte im vergangenen Jahr über 20 Millionen Euro für den mäßig bekannten Augsburger Rahman Baba.

Als Bayer Leverkusen im Winter ohne Not den Rechtsverteidiger Giulio Donati an Mainz 05 abgab, sorgte das in der Branche für Verwunderung. "Er war mehr der klassische Außenverteidiger von früher", erläutert Bayer-Manager Jonas Boldt, "er kam mehr über die Zweikämpfe. Jetzt sind unsere Ansprüche höher." Leverkusen bildet seine Außenspieler, mit Offensivqualitäten, lieber selbst aus. Notfalls schult man andere Fachkräfte um.

Leverkusen könnte Henrichs zum Nationalspieler machen

Bayer-Sportdirekor Rudi Völler, der einst als Teamchef der Nationalelf den gelernten Stürmer Torsten Frings als rechten Verteidiger einsetzte, glaubt ohnehin, dass es keiner Spezialausbildung in der Jugend bedarf. Schnelligkeit, Technik, Spielintelligenz und Disziplin - mit diesen Anlagen könne jeder problemlos nahe der Seitenlinie eingesetzt werden. Der Ex-Leverkusener Castro, sagt Völler, "könnte hundert Länderspiele haben und Weltmeister sein", hätte er sich nicht stets gegen den Einsatz rechts hinten gesträubt.

Ein Gegenbeispiel ist Benjamin Henrichs, 19. Er ist eines der größten Talente bei Bayer 04, bei der U-17-Europameisterschaft in Malta war er Deutschlands Kapitän, bei der im Juli anstehenden EM der U 19 in Deutschland ist er im zentralen defensiven Mittelfeld gesetzt. Sein Fußballerleben hat Henrichs, Vater Deutscher, Mutter Ghanaerin, im Mittelfeld verbracht.

Als ihn Trainer Roger Schmidt bei den Profis brauchte, war das rechts hinten, später auch links. Henrichs war mit sieben Jahren in den Verein gekommen, jahrelang morgens um sechs in Köln-Porz aus dem Haus gegangen und nach Schule und Training abends um neun aus Leverkusen heimgekehrt. Jetzt hat er Abitur und sagt, er genieße jede Minute, die er bei den Profis spielen dürfe, egal ob hinten oder vorn.

Er absolvierte neun Bundesligaspiele, gegen Schalke 04 bereitete er als Rechtsverteidiger mit einem Pass über 30 Meter ein Tor von Karim Bellarabi vor. Seine Stärke sei "das Dribbling", sagt er. Boldt sagt, Henrichs spiele "sehr schlau".

Hector ist konkurrenzlos

Wahrscheinlich ist Intelligenz die Voraussetzung. In Löws EM-Auswahl sind für die rechte Verteidigerseite der Mittelfeldspieler Emre Can vom FC Liverpool, der zentrale Abwehrspieler Benedikt Höwedes von Schalke 04 und der Münchner Allrounder Joshua Kimmich, der in Ascona von den Trainern genaue Instruktionen erhielt, übrig geblieben. Und Jonas Hector, der Kölner, für links.

So hat Hector, ein Mann ohne Turniererfahrung, weil er nicht die Jugendauswahlmannschaften durchlief, den Platz in der EM-Elf fast sicher. Er ist konkurrenzlos. Beim Gespräch in einem Hotelgarten von Ascona macht er zunächst einen schüchternen Eindruck, redet sich aber warm.

Hector, 26, studiert Betriebswirtschaft und hört auf den Spitznamen Schlaubi- nach der gleichnamigen Figur der Schlümpfe, die wie er eine Brille trägt und als Schlauberger gilt. "Wenn ich nicht die Position gewechselt hätte, säße ich heute nicht hier", sagt er. Als Mittelfeldspieler hätte er es nicht ins Nationalteam geschafft. Als Linksverteidiger war der junge Mann aus dem Saarland nach nur zehn Bundesligaspielen bei Löw. Im Kölner Regionalligateam hatte ihn Trainer Dirk Lottner erstmals auf dieser Position aufgestellt.

"Man braucht von allem ein bisschen was: Dribbling, richtiges taktisches Verhalten in der letzten Kette", sagt Hector. "Ganz langsam sollte man auch nicht sein." Er weiß, sich einzuschätzen. Löws linker Verteidiger ist weniger kühner Dribbler als solider Passgeber. "Ich mache keine großen Überdinge, andererseits schieße ich relativ wenige Böcke." So wird man vielleicht Europameister.

Lahm würde Hector und Höwedes aufstellen.

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