Frankreichs Final-Niederlage An sich selbst gescheitert

Als Favorit gingen die Franzosen ins EM-Finale gegen Portugal. Am Ende flossen bei der Équipe die Tränen - auch weil ein Superstar erneut enttäuschte.

DPA

Aus Paris berichtet


Der obere Stadionring leuchtete hell, vom Band kamen bombastische Jubelchöre und Tausende portugiesische Fans freuten sich, dass ihr Team tatsächlich den Europameistertitel geholt hatte.

Wenn die Szenerie vom Sonntagabend dennoch surreal wirkte, dann lag das daran, dass außer den Südeuropäern ja noch 70.000 weitere Menschen im Stadion waren, die das gleiche Spiel gesehen hatten. Und die starrten genauso fassungslos vor sich hin wie die französischen Spieler auf dem Rasen. Oder sie brachen in Tränen aus, wie Mittelfeldmann Blaise Matuidi, der kaum noch an sich halten konnte, als ihn Staatspräsident François Hollande tröstete.

Es stimmte ja: Eigentlich hätte diese Feier Frankreich gelten müssen. Doch im Fußball gewinnt eben nicht immer die bessere Mannschaft.

Das Team von Coach Didier Deschamps hatte im Spiel ein halbes Dutzend richtig gute Torchancen - 17 Abschlüsse hatte die Équipe allein in der regulären Spielzeit, sieben davon kamen aufs Tor, den Portugiesen gelang das nur einmal. Doch spätestens, als der eingewechselte André-Pierre Gignac in der Nachspielzeit bei der Ballannahme alles richtig machte, den bis dato unbezwingbar scheinenden Keeper Rui Patricio überwand und dennoch nur den Pfosten traf, da dämmerte es vielen französischen Fans, dass dieses Spiel tragisch enden könnte.

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Frankreich in der Einzelkritik: La Grande Tristesse

Und tatsächlich: Dank des späten Treffers von Angreifer Éder in der Nachspielzeit gewann Portugal. Weil das Team in der Verlängerung mutiger nach vorne gespielt hatte und gegen eine französische Mannschaft angetreten war, die gegen einen limitierten Gegner eben doch nicht zwingend genug auftrat.

Und irgendwie passt es ja auch zu diesem Turnier, dass am Ende die Mannschaft gewinnt, die das defensive Leitmotiv der EM am besten umsetzt. Portugal betrieb das Verhindern von Fußball mit größtmöglicher Qualität. Insofern wurde Pepe, der fraglos ein guter Abwehrspieler ist, auch zu Recht zum "Mann des Spiels" gewählt. Auch, weil Ronaldo verletzungsbedingt schon früh ausgewechselt werden musste.

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Portugal in der Einzelkritik: Ronaldos Rächer

Tatsächlich fehlte dem neuen Europameister ja fast im kompletten Spiel der wichtigste Mann. Doch auch mit Ronaldo war die Seleção in der Vorrunde nur Gruppendritter geworden und hatte ein einziges Spiel in der regulären Spielzeit gewonnen.

Hatten die Franzosen also einfach nur Pech? Nein, denn abgesehen vom schier endlosen Thema Chancenverwertung muss sich die Mannschaft andere Vorwürfe gefallen lassen. "Uns hat etwas Frische gefehlt", sagte Deschamps. Und meinte damit Dimitri Payet. Antoine Griezmann, der beste Torschütze dieser EM, überragte nicht, zeigte aber eine couragierte Vorstellung. Dass Olivier Giroud etwas abfiel, war nicht spielentscheidend, zumal er fleißig nach hinten gearbeitet hatte. Dass aber neben Payet auch Paul Pogba schwach spielte, war dann das eine Manko zu viel. Von einem Spieler mit seinen Ambitionen würde man in einem Finale mehr Klarheit erwarten. Statt den einfachen, schnellen Pass zu spielen, ging er zu oft ins Dribbling und verzettelte sich.

Trainer Deschamps wird es erneut versuchen. Nach dem Spiel kündigte er an, dass er die Mannschaft weitere zwei Jahre betreuen wird. Der Mann hat offenbar noch etwas vor. "Es ist grausam, dieses Finale so zu verlieren", gab er zu. Und verkniff sich jeden kritischen Kommentar in Richtung des Gegners. "Ich gratuliere Portugal. Sie sind der neue Europameister."

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insgesamt 157 Beiträge
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berspiegel 11.07.2016
1. Parallelen zum Halbfinale...
Frankreich hat so verloren wie Deutschland im Halbfinale gegen ebendiese. Auch die DFB-Elf hatte mehr investiert, aber am Ende siegte die Mannschaft mit mehr Glück und der besseren Chancenverwertung
phboerker 11.07.2016
2. Kritik verkniffen?
Wie heißt das französische Äquivalent von "wer im Glashaus sitzt..."? Die Portugiesen waren natürlich glasklar besser, immerhin haben sie ein Tor geschossen und die Franzosen nicht. Allerdings war das Niveau des Finals insgesamt dürftig, selbst Luis Figo gähnte auf der Tribüne.
Spanier.cs 11.07.2016
3.
Ich finde das absolut fair. Frankreich hat gegen ein sehr schlechtes Portugal verloren. Sie waren klar besser, hatten aber auch keine Spielidee. Was mir wieder sehr negativ aufgefallen ist, war die Schiedsrichterleistung. Diese war klar zu Gunsten der Franzosen. Clattenburg hat angefangen mit den gelben Karten bei Portugal seine Linie zu verlieren. Das Foul an Ronaldo war für mich eine klare gelbe Karte, weil er eine Verletzung in Kauf nimmt. Anstattdessen gab es nicht mal ein Foul. Nachdem der Gastgeber auch schon gegen Deutschland diesen Vorteil leicht auf seiner Seite hatte, war der Sieg für Portugal umso schöner. Ebenso hat mich nämlich die Arroganz der Franzosen nach dem Spiel gegen Deutschland gestört. Kein einziger Spieler hat da geäußert, dass Frankreich letztendlich glücklich gewonnen hat. Die Portugiesen haben das gestern getan. Somit hat insgesamt klar eine sportlich schlechtere, aber viel fairere Mannschaft gewonnen. Ich gönne es auch Ronaldo, weil er da gestern wirklich mitgelitten und mitgefiebert hat. Jetzt geht es für Deutschland um die WM 2018....
spon-49j-k5ri 11.07.2016
4.
Hauptproblem der Franzosen war eigentlich, dass sie nach der Halbzeitpause zu wenig gepresst und investiert haben, auch nach dem Gegentor wurde - für mich überraschend, genau wie bei Deutschland - nicht alles nach vorne geworfen. Ich erinnere mal an das Dortmund-Malaga Spiel. Schön ist das nicht, kann aber funktionieren und bringt mehr als ruhiger Spielaufbau in der 119.
thomas.kistler 11.07.2016
5. Zitat aus dem Artikel
"Doch im Fußball gewinnt eben nicht immer die bessere Mannschaft." Wie letzten Donnerstag! Von daher....
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