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Frankreichs Torwart Lloris: Mit Ruhe gegen den Sturm

Foto: Matthias Hangst/ Getty Images

Frankreich-Torwart Lloris Der Schattenmann

Torwart Hugo Lloris ist in Frankreichs Nationalmannschaft unumstritten wie kaum jemand sonst. Dennoch fremdeln die französischen Fans mit ihrem Kapitän.

Es gibt eine Anekdote über Hugo Lloris, die nicht sehr schmeichelhaft ist. Raphael Raymond erzählt sie in seiner ansonsten eher devoten Biografiesammlung "Les bleus". Zwei Journalisten bereiten sich darin auf eine Pressekonferenz mit dem französischen Nationaltorwart vor, und um sich die Wartezeit zu verkürzen, gehen sie mit verteilten Rollen die Fragen und Antworten durch. Und siehe da, wenig später gibt Lloris exakt die Antworten, die sie vorausgeahnt haben.

Lloris mag seltener griffige Sätze oder geistreiche Pointen abliefern als mancher Kollege. Doch dafür ist er als Keeper so unumstritten, wie es Torhüter nur sein können. Lloris hat hervorragende Reflexe und eine auffallend gute Quote bei gehaltenen Elfmetern: Im Trikot der Nationalmannschaft hielt er jeden vierten. Zudem hilft Lloris auch seiner Abwehr enorm.

Der 29-Jährige strahlt Ruhe aus und gibt der französischen Defensive, die vor dem Turnier als Problembereich der Nationalmannschaft galt, Sicherheit. Dass Lloris bei der EM seit 205 Minuten lang keinen Ball mehr halten musste und bislang nur einmal durch einen Strafstoß des Rumänen Bogdan Stancu bezwungen wurde, liegt auch daran, dass die Viererkette nicht so anfällig ist wie befürchtet.

Lloris gilt als nichtssagender Durchschnittsprofi

Doch so anerkannt der gebürtige Südfranzose in der Nationalmannschaft auch sein mag - für die Franzosen gilt er als nichtssagender Durchschnittsprofi. Einer, von dem bislang kein Gefühlsausbruch, kein ironisches oder pointiertes Statement in Erinnerung geblieben ist. Auch deshalb warf das Fußballmagazin "So Foot" vor ein paar Tagen die Frage auf, ob der gut erzogene Lloris als Kapitän nicht vielleicht "zu glatt" sei. Es ist eine Unterstellung, die Lloris begleitet, seit er Profi ist. Doch sie hat seiner Karriere nie geschadet.

Am Sonntag, wenn Frankreich in Lyon auf Irland trifft (15 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF), wird Lloris bereits zum 55. Mal als Kapitän auflaufen. Seinen Trainer Didier Deschamps, der mit 54 Einsätzen bisheriger Rekordhalter war, hat er dann überholt. Dass er beim englischen Top-Klub Tottenham Hotspur, wo er seit 2012 spielt, ebenfalls die Kapitänsbinde trägt, deutet darauf hin, dass sein ehemaliger Coach in Nizza, Frédéric Antonetti, recht hat: "Ein guter Kapitän ist nicht der, der am meisten redet, sondern der, der das Sinnvollste redet", sagt der Trainer des OSC Lille.

Dabei hat Frankreich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder charismatische Torhüter hervorgebracht. Joël Bats (1983-1990), Lloris' späterer Torwarttrainer bei Olympique Lyon, oder Bernard Lama (1993-2000) waren auch außerhalb des Platzes Persönlichkeiten; Fabien Barthez, dessen Image dem von Oliver Kahn ähnelt, sowieso. Der Franzose mit dem markanten südfranzösischen Akzent sprach zwar nie von "Eiern", wurde aber dennoch stets mit einem testosterongesteuerten Torwartspiel assoziiert.

Fabien Barthez

Fabien Barthez

Foto: DPA

Mal schelmisch grinsend, mal wutentbrannt - die Bilder, die von dem temperamentvollen Keeper in Erinnerung bleiben, passen zu seinem Lebenswandel: Barthez fiel durch eine Dopingsperre im Jahr 1996 wegen Haschischkonsums auf (ein Schicksal, das auch Lama ein Jahr später ereilte) und genauso durch seine Liaison mit dem ehemaligen Top-Model Linda Evangelista. Und jetzt setzt der 44-Jährige dieses Bild auch in seiner Karriere nach der Karriere fort: Am vergangenen Wochenende hat Barthez das 24-Stunden-Rennen von Le Mans absolviert.

Umso überraschender ist es, dass ausgerechnet der impulsive und medienaffine Barthez Lloris nannte, als er nach seinem Favoriten im aktuellen Nationalmannschaftskader befragt wurde. "Er ist mein kleiner Liebling, ich bin sein Fan Nummer eins", sagte er der Sportzeitung "L'Equipe". "Wir haben dieselbe Sicht auf den Fußball und das Leben."

Umso bedauerlicher, dass außer Barthez nur wenige Eingeweihte erfahren, worin sie besteht.

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