Halbfinalsieg gegen Deutschland Frankreichs Erweckungserlebnis

Frankreich steht zum ersten Mal seit 2000 in einem EM-Finale. Das Team konnte sich beim Sieg gegen Deutschland auch auf die eigenen Fans verlassen - und will nun den Titel.

Französische Nationalmannschaft
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Aus Marseille berichtet


Sie hatten den größten Erfolg ihrer jüngeren Geschichte erzielt, hatten den amtierenden Weltmeister aus dem Turnier geworfen und sich damit für ein Finale gegen Portugal qualifiziert. Um so viel Glück zu feiern, darf einem schon mal etwas Besonderes einfallen.

Doch die französischen Spieler bedienten sich nach dem Sieg gegen Deutschland kurzerhand bei dem Jubelritual, das die Isländer in diesem Sommer berühmt gemacht hatte. Sie bauten sich nach dem Schlusspfiff vor ihren Fans auf, klatschten in einem immer schneller werdenden Rhythmus in die Hände und freuten sich über die lauten "Huh"-Rufe, die von der Tribüne zurückschallten.

Plagiat hin oder her - der archaische Jubel passte ganz gut zu diesem Abend, an dem Frankreich vielleicht nicht die bessere Mannschaft war, aber von der ersten bis zur letzten Minute zeigte, dass es dieses Spiel unbedingt gewinnen wollte. Damit brachte es schon früh ein Publikum hinter sich, das diesmal wirklich der zwölfte Mann war. Und dass sich vor Freude gar nicht mehr einkriegen wollte, als Antoine Griezmann erst die Führung und dann noch das 2:0 schoss.

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Die Franzosen in der Einzelkritik: Gott in Frankreich

Frankreich, das schienen die Stadionbesucher in diesem Moment alle zu begreifen, würde Deutschland diesmal wirklich schlagen können. Also jene Mannschaft, die auf der anderen Seite des Rheines ein Image hat, wie es der FC Bayern in der Bundesliga hat: Sie sind schon wirklich gut. Doch als ob das nicht schon schlimm genug wäre, gewinnen sie auch dann, wenn sie mal nicht gut sind. Weil einer ihrer Keeper einen französischen Gegenspieler in den Boden rammt (1982) oder weil der Schiedsrichter einen unberechtigten Freistoß pfeift (2014). Oder eben auch, weil Frankreich ausgeschieden ist, bevor es zum Duell der großen Rivalen kommen kann.

"Das ganze Stadion hat uns nach vorne gebrüllt"

Diesmal, am 7. Juli 2016 in Marseille, gab es allerdings kein deutsches 1:2 in der 90. Minute, keinen Ausgleich in der zweiten Minute der Verlängerung und schon gar keinen deutschen Sieg im Elfmeterschießen. Stattdessen gab es ein ganz banales 2:0. Doch ein ganz banales 2:0 ist für ein Land, das seit 1958 bei keinem Turnier mehr gegen Deutschland gewonnen hat, nicht einfach nur eine schöne Überraschung. Es ist ein Erweckungserlebnis.

Einen besseren Ort als Marseille hätte es für solch ein historisches Ereignis nicht geben können. Marseille ist die Fußballstadt schlechthin in Frankreich, neben Lens und St. Étienne, ein Ort, auf den sich französische Fußballfans berufen können, wenn es mal wieder heißt, das Land habe keine ernst zu nehmende Fankultur. Bei Spielen von Olympique Marseille, "OM", herrscht die mit Abstand beste Stimmung in Frankreich, 43.500 Zuschauer kommen im Schnitt.

"Keine Zusatzkräfte"

Mehr als doppelt so viele wie im Ligadurchschnitt - und das, obwohl der Klub in der vergangenen Saison nur 13. wurde. Deschamps hat bisher noch bei jedem Spiel die angeblich so fantastische Unterstützung der Fans gelobt. Diesmal stimmte es wirklich. "Jedes Mal, wenn wir den Ball hatten, hat uns das ganze Stadion nach vorne gebrüllt", sagte Doppel-Torschütze Griezmann.

In all dem Überschwang, den "Huh"-Rufen und den Hupkonzerten, die es nach diesem Spiel erstmals in ganz Frankreich gab, brauchte es schon einen nüchternen Trainer, der die Dinge noch mal kurz einordnet. "Nur weil wir Deutschland rausgeworfen haben, besitzen wir keine Zusatzkräfte", sagte Didier Deschamps.

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Grafische Analyse: Warum Deutschland das Endspiel verpasste

Das EM-Finale, in dem die Franzosen jetzt erstmals seit 2000 wieder stehen, war schon den ganzen Donnerstag über immer wieder Thema zwischen deutschen und französischen Fans gewesen. In einer Sache schienen sich dabei alle einig zu sein. Die Mannschaft, die ins Finale kommt, wird es dann auch gewinnen.

Wie sagte doch der deutsche Fan so schön, der am frühen Freitagmorgen am Bahnhof Marseille St. Charles sein Finalticket an einen seligen Franzosen verkaufte: "Viel Glück. Eine Mannschaft, die so spielt wie Portugal, darf dafür nicht auch noch belohnt werden."

Hier können Sie die Video-Highlights der Partie sehen:



insgesamt 38 Beiträge
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allessuper 08.07.2016
1. Plagiat? I wo. Daran sieht man wirklich, wie
sich D und F voneinander entfernt haben. Ist das gewollt? Das ist kein "Plagiat", sondern Franzosen sind souverän genug, damit ihre Sympathie für Island zu zeigen. Das war auch während des Spiels gegen Island sichtbar. Das ist das, was uns total fehlt und abgeht. Wir ziehen verbissen übers Feld, es geht nur um Sieg und nicht um Spiel. Das hat uns in der Vergangenheit nun genug gekostet. Wie wäre es mit entspannter, solidarischer, freundlicher? Das würde Europa sehr helfen!
ophelvetia 08.07.2016
2. Avant les Bleus
Frankreich hat zurecht gesiegt. Sie werden Europameister, und sie haben auch die beste Mannschaft. Deutschland war von Italien bereits angeschlagen und hat von Frankreich den letzten "Coup de grace" erhalten. Die Deutschen wirkten in den Zweikämpfen behäbig, und am Tor ziellos. Schon das Tor gegen Italien war eher ein Glücksfall. Deutschland wird sich neu aufstellen müssen für die WM 2018.
nixkapital 08.07.2016
3. Schade ....
...für Deutschland, schön für Frankreich. Aber das Ergebnis darf die Franzosen nicht darüber hinwegtäuschen, dass aus ihrem Spiel zu wenig kam. Da wird man gegen Portugal noch etwas zulegen müssen. Der portugiesische Trainer wird seine Erkenntnisse aus dem Spiel der Franzosen gezogen haben.
phboerker 08.07.2016
4. Publikum 12. Mann
Das Publikum war der 13. Mann. 12 standen schon auf dem Platz...
susa_pilar 08.07.2016
5. @ophelvetia
vielleicht behäbig in den Zweikämpfen, aber wenn ich die Statistik richtig interpretiere trotzdem überlegen!? Nach 6 Fouls hatte D schon 4 gelbe Karten - Griezmann nach 6 Fouls... hmmm ?
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