EM-Überraschung Island Europameister? Noch nicht

Island hat sich als liebenswertes Überraschungsteam von der EM verabschiedet. Doch im Lager des vermeintlichen Underdogs ist das Selbstbewusstsein gestiegen, der Blick geht schon in die Zukunft.

Mittelfeldspieler Gylfi Sigurdsson
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Mittelfeldspieler Gylfi Sigurdsson

Aus Paris berichtet


Gylfi Sigurdsson wirkte ein wenig bemüht, als er die Unterstützung der Fans lobte. Der Mann hatte andere Sorgen. Dass die EM für Island nach fünf Spielen vorbei ist, wurmte den ehemaligen Hoffenheimer. Schlimmer fand er vielmehr, wie einseitig die Partie zumindest im ersten Durchgang gelaufen war.

Der Halbzeitstand von 0:4 spiegelte ja tatsächlich nur schemenhaft wider, wie demütigend sich die endlos langen und von niemandem gestörten französischen Kurzpassstafetten aus Sicht der Isländer angefühlt haben mussten. Sigurdsson war also ziemlich zerknirscht, doch dann sagte er einen ganz merkwürdigen Satz: "Vielleicht war es auch zu viel erwartet, gleich beim ersten Mal das Turnier gewinnen zu wollen."

Ja, vielleicht...

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Frankreich gegen Island: Außenseiter abgefertigt

Tatsächlich wurden die sympathischen Isländer in den vergangenen fünf Spielen oft als niedlicher Underdog beschrieben. Egal, ob sie nun gegen Ungarn 1:1 spielten oder gegen England 2:1 gewannen, stets waren ihnen die Hätscheleien der großen Fußballnationen und ihrer Anhänger sicher. Die Isländer hat das gefreut, Trainer Lars Lagerbäck hat sich bei den Journalisten sogar für die wohlwollende Berichterstattung bedankt. Doch insgeheim hatte sich bei den isländischen Spielern da schon lange der Glaube festgesetzt, dass man in diesem Turnier noch Großes erreichen könne. Zumindest, wenn die Gegner ein wenig mitmachen und jeder einzelne isländische Spieler am oberen Limit spielt.

Doch am Sonntag passierte nichts davon. Stattdessen war es Frankreich, das selbstbewusst und zielstrebig spielte und zur Halbzeit auch deshalb 4:0 führte, weil Island eben diesmal die haarsträubenden Defensivfehler machte, die es bis dato vermieden hatte.

Was folgte, war eine Halbzeitansprache, in der die beiden Trainer ihre Spieler bei der Ehre packten. Man habe sich noch mal in die Augen geschaut und sich gesagt, dass der letzte Eindruck, den die Fußballfans von Island im Gedächtnis haben sollten, nicht der von einer ängstlichen, verunsicherten Mannschaft sein sollte. "Die erste Halbzeit war grausam, wir haben uns dann geschworen, dass wir das Turnier nicht so verlassen wollen." Gesagt, getan, und so hatte dieses fünfte und letzte EM-Spiel dann ja auch wirklich noch etwas Tröstliches parat: Die zweite Halbzeit ging mit 2:1 an Island - auch wenn Frankreich in Gedanken an das Halbfinale etwas zurücksteckte.

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Islands letzte EM-Party: Huh revoir

"Da haben wir gezeigt, dass wir ein kleines bisschen Fußball spielen können", freute sich Lagerbäck. Um die Zukunft des isländischen Fußballs sei ihm nicht bange, sagte der 67-jährige Schwede, der im Stade de France sein letztes Spiel als Nationalcoach geleitet hatte und von nun an Heimir Hallgrímsson die alleinige Verantwortung überträgt. "Wir haben auch noch einige junge Talente, die hier beim Turnier gar nicht viel gespielt haben."

Vor allem aber hat Island Fans, die auch am Sonntag alle in Erstaunen versetzten: "Es ist unglaublich", sagte Kapitän Aron Gunnarsson. "Die Franzosen haben alle schon das Stadion verlassen, unsere Fans sind immer noch alle hier."

Und bevor sie gingen - man weiß ja, was sich gehört - haben die Fans der Isländer natürlich auch im Stade de France wieder alle "Huh" gemacht. Zur Aufführung stand also das merkwürdige Klatschritual, bei dem in immer schnellerem Rhythmus die Hände überm Kopf zusammengeschlagen werden und man brachiale Laute aus den Untiefen der menschlichen Kehle hört. Falls das jemals bedrohlich gewirkt haben sollte - wie es der englische Altinternationale Peter Shilton nach dem Ausscheiden der "Three Lions" behauptet hatte - so war es diesmal nur ein beeindruckendes Abschiedsritual. Es galt schließlich noch mal alle daran zu erinnern, dass da gerade das liebenswerte Überraschungsteam dieses Turniers ausgeschieden war.

Die besten Szenen des Spieles Frankreich-Island im Video:

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MatthiasPetersbach 04.07.2016
1.
Das Merkwürdigste an der ganzen Island-Sache ist doch eigentlich, daß man angenehm ÜBERASCHT ist, wenn da Spieler auftreten, die kämpfen und spielen wollen, dabei noch Spaß haben und das Ganze flankiert wird von sympathischen Fans, die ihre Mannschaft feiern und sich gegen Gott und die Welt freundlich verhalten. Mit anderen Worten: Länder und Mannschaften, die sich bei nem Turnier NORMAL betragen und geben. So wie Du und ich. Da gehören sicher auch die Waliser, die Irländer und ein paar andere dazu. Viele aber - leider incl. Deutschland- nicht.
ray8 04.07.2016
2. so niedlich
Ja, es war uns ein Fest, daß die kleine Insel die große Insel aus dem Turnier geschmissen hat. Gerade nach dem idiotischen Brexit! Und ja, die Spieler haben eine fantastische Leistung abgeliefert und die Fans ebenso. Aber langsam geht mir diese Verniedlichung der putzigen Nordländer auf den Zwirn. Viele Deutsche wollen am liebsten jetzt Isländer sein, weil sie nett und so wenige sind und im tollsten Land der Welt leben. Paar Facts... Island gehört idiotischerweise zu den letzten 3 Walfangnationen. Jährlich werden hunderte Wale abgeschlachtet. Das kleine Island hat mit seinen völlig überdimensionierten Banken in Europa ordentlich zum Finanz-Crash beigetragen, ohne gutgläubige europäische Sparer danach ausreichend zu entschädigen. Dann hat Island einen EU-Aufnahmeantrag zur Rettung gestellt und diesen Anfang 2015 wieder zurück gezogen, als es ihnen wieder besser ging. Also auch nur Rosinenpicker à la Schweiz. Sie sind nett, aber auch nicht zum Knutschen nett.
MatthiasPetersbach 04.07.2016
3.
Zitat von ray8Ja, es war uns ein Fest, daß die kleine Insel die große Insel aus dem Turnier geschmissen hat. Gerade nach dem idiotischen Brexit! Und ja, die Spieler haben eine fantastische Leistung abgeliefert und die Fans ebenso. Aber langsam geht mir diese Verniedlichung der putzigen Nordländer auf den Zwirn. Viele Deutsche wollen am liebsten jetzt Isländer sein, weil sie nett und so wenige sind und im tollsten Land der Welt leben. Paar Facts... Island gehört idiotischerweise zu den letzten 3 Walfangnationen. Jährlich werden hunderte Wale abgeschlachtet. Das kleine Island hat mit seinen völlig überdimensionierten Banken in Europa ordentlich zum Finanz-Crash beigetragen, ohne gutgläubige europäische Sparer danach ausreichend zu entschädigen. Dann hat Island einen EU-Aufnahmeantrag zur Rettung gestellt und diesen Anfang 2015 wieder zurück gezogen, als es ihnen wieder besser ging. Also auch nur Rosinenpicker à la Schweiz. Sie sind nett, aber auch nicht zum Knutschen nett.
Nun gut - aber bei der EM waren sie eben gut. Eine Erholung. Der Rest ist wie bei anderen Nationen auch: pauschal "die" gibts eigentlich nicht. Die Leute, die für den Bankencrash verantwortlich waren, waren nicht dieselben, die unter ihm litten. Auch in Island nicht. Aber Island hat da den Segen der wenigen Leute: die können da selbst was ändern. Was sie auch taten - für die Bürger in Island - nicht für die Zocker. Das ist eben für uns, die wir gewohnt sind, garnix entscheiden zu können, eben schon ein bisschen erstrebenswert. Die Wale sind mir egal - dagegen ist D mir seinen Waffenexporten und Aussenpolitik an zig hunderttausenden Toten mitschuldig - irgendwie auch nicht besser. Aber hat beides nichts mit dem Fußball zu tun. Daß bei den Leuten hier sympathisches, ehrliches Auftreten, Bescheidenheit und Professionalität gut ankommt, finde ich allerdings sehr positiv. Da mag auch der eine oder andere Überschwang zugestanden sein - wenn der auch durch die Medien zu Tode geritten wird. Ich gestehe aber gerne, daß ich nur zu gerne die ganze deutsche Fußballorganisation incl. Offiziellen und Aktiven durch Leute mit dieser "isländischer Gesinnung" ersetzen würde. Was sind z.B. Löw, Schweinsteiger und andere für Muppets gegenüber den handelnden Personen, die wir hier kennenlernen konnten? Nicht, daß wir die nicht hätten - aber die kommen in so nem Apparat nie zum Zuge, fürchte ich.
im_ernst_56 04.07.2016
4. Zum Europameister wird es wohl niemals reichen
Mit dem Ausscheiden der Isländer war zu rechnen. Bei allem Respekt war sie spielerisch doch limitiert. Aber wo sollen bei 320.000 Einwohnern, von denen viele auch noch erfolgreich Handball spielen, die Talente herkommen. Eine Lösung könnte sein, Island als Einwanderungsland zu entwickeln. Vielleicht spielt dann irgendwann ein Musutson oder Marioson in der Nationalmannschaft (in Island gibt es keine Familiennamen sondern der Nachname setzt sich aus dem Vornamen des Vaters und dem Adnex "son" bzw. "dottir" zusammen). Aber vielleicht wollen die Isländer das gar nicht, sondern einfach Wickinger bleiben. Das wäre auch völlig in Ordnung.
andromeda793624 04.07.2016
5. Das wird sehr schwer!
Island wird jetzt keiner mehr unterschätzen. Schauen wir uns mal die Überraschungs-Nationen in den letzten Jahrzehnten an. 1990 Kamerun,doch was ist aus denen geworden? 1992 Dänemark,hat sich seit dem nicht mehr weiterentwickelt. 2004 Griechenland usw. Es ist verdammt schwer das Niveau zu halten. Ich glaube sogar das sich Island gar nicht für z.b. die WM qualifizieren kann.
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