Krawalle in Marseille Schatten der Gewalt

Die Fan-Krawalle in Marseille waren heftig. Die Sicherheitskräfte hatten die Lage nicht im Griff - weder auf den Straßen noch im Stadion. Der Nimbus der sicheren EM hat schweren Schaden genommen.

Zuschauer im Stadion von Marseille
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Zuschauer im Stadion von Marseille

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"Die Schande", titelt die französische Sportzeitung "L'Équipe" am Sonntag über den Gewaltausbruch von Marseille. Die Rede ist von "Guerillaszenen" in der Mittelmeerstadt. "Am zweiten Tag des Wettbewerbs steht die EM schon im Zeichen der Angst", heißt es weiter. Die Sonntagsausgabe der Tageszeitung "Le Parisien" schreibt über "Szenen unerhörter Gewalt".

Am Ende der Partie England gegen Russland hatten Anhänger der russischen Mannschaft einen englischen Fan-Block gestürmt. Es kam zu Schlägereien. Aus Panik kletterten viele englische Fans über die Zäune zum Innenraum des Stade Vélodrome. Zuvor kam es im Alten Hafen von Marseille zu schweren Ausschreitungen. Insgesamt wurden 31 Menschen verletzt.

Es sind Bilder, die bei einem großen Turnier schon lange nicht mehr zu sehen waren. Und sie werfen Schatten auf eine EM, die gerade erst begonnen hat. Zumal derzeit niemand ausschließen kann, dass sich solche Szenen wiederholen. So miserabel, wie Polizei und Ordnungskräfte auf die Ausschreitungen mitten im Stadion reagiert haben, wäre eine solche Annahme geradezu fahrlässig.

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Die Blicke richten sich nun auf die Polizei. Denn die schritt nicht schnell genug ein, als die Ordner im Stadion, denen die Panik ins Gesicht geschrieben stand, einfach überrannt wurden. Die meist sehr jungen Menschen sind als Servicekräfte geschult, als freundliche Helfer bei der Suche nach dem gebuchten Sitzplatz. Sie sind nicht dafür ausgebildet, aufgeputschte Kampfmaschinen daran zu hindern, sich zu prügeln.

Genau dafür ist die Polizei, genauer gesagt die Spezialeinheit der CRS, vorgesehen. Sie soll - so weit die Theorie - auch in den EM-Stadien binnen kürzester Zeit überall dort einschreiten, wo sich Gefahr anbahnt. Doch am Samstag dauerte es mehrere Minuten, bis sie vor Ort waren. Und das an der Nahtstelle zwischen beiden Fanlagern, also da, wo man am wachsamsten hätte sein müssen. So leicht, wie die russischen Gewalttäter in Marseille von einem Block in den anderen kamen, gelingt das in den meisten europäischen Ländern bei keinem Ligaspiel.

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Das alles ist erschreckend. Genauso erschreckend wie die Tatsache, dass Marseille zu diesem Zeitpunkt bereits 48 Stunden Fanrandale hinter sich hatte, bei der die Schläger Hase und Igel mit einer übermüdeten, überforderten und überreizten Polizei spielten. Deren Vorgesetzte hatten es offenbar auch im Vorfeld versäumt, sich bei den englischen Kollegen nach deren Einschätzung der Sicherheitslage zu erkundigen.

Die Gewalt ging dabei oft von gut organisierten russischen Schlägergruppen aus, die nichts anderes im Sinn hatten als ausufernde Randale. Gleiches gilt für rechte Hooligans aus dem Umfeld von Paris St. Germain, für Ultras von Olympique Marseille und für Kids aus den "Quartiers". Auch sie alle tummelten sich in den Straßen rund um den Alten Hafen. Dort haben die Sicherheitskräfte genauso versagt wie im Stadion und stießen deswegen auf keinerlei Respekt.

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Randale beim Spiel England-Russland: Massenschlägerei in Marseille

Wie kann all das passieren? Ausgerechnet in der Stadt, von der man weiß, dass sie mit ihren unübersichtlichen Gassen und einem Zentrum, das seit jeher zentraler Anlaufpunkt für Fußballfans ist, beste Voraussetzungen für solche Scharmützel bietet. In Marseille, wo damit zu rechnen war, dass auch Jugendliche aus den Hochhaussiedlungen jede Gelegenheit nutzen würden, um mitzumischen.

Also: Warum, um Himmels willen, lässt man solch ein Risikospiel überhaupt in Marseille stattfinden?

Weil es dennoch dort angesetzt wurde, hätten die Polizeifunktionäre genau dieses Szenario Wochen und Monate vorher vor Ort durchspielen müssen. Die Einsatzkräfte wären dann möglicherweise entsprechend vorbereitet gewesen. Aber das waren sie nicht. Vielleicht weil der Schwerpunkt im Vorfeld bei der terroristischen Bedrohung lag.

Der Schaden könnte nachhaltig sein. Behörden und Organisatoren haben stets den Faktor Sicherheit betont. Dass friedliche Fans im Stadion jetzt Opfer brutaler Schläger wurden, lässt diese Worte unglaubwürdig erscheinen. "Die Schande", wie "L'Équipe" sie nannte, liegt wie ein Menetekel über den Fußballspielen dieses Turniers.

insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
darkace82 12.06.2016
1. Falscher Fokus
Ja sicherlich sind Polizei und die Orga zu kritisieren. Es wurden Fehler gemacht und Situationen vielleicht falsch eingeschätzt. ABER: Die Gewalt geht von den Hooligans aus. Kranke Gewalttäter, keine Fußballfans. Das wird man nie ganz verhindern können. Aber doch bitte endlich härter angehen und bestrafen. Kann es so schwer sein in Zeiten personalisierter Tickets mittels Kamera jeden Block dauerhaft zu überwachen um dann JEDEN an den Krawallen beteiligten wegen versuchter schwerer Körperverletzung anzuzeigen?
poulli 12.06.2016
2. Sanktionen sofort
Wenn es stimmt, dass die russischen Fans die Randale begonnen haben, schlage ich vor, das nächste Spiel der russischen Mannschaft ohne Publikum in Pusemuckel in Frankreich abzuhalten, sollten sich die englischen Hooligans genauso verhalten haben würde ich dieses Vorgehen beim nächsten Spiel Englands genauso empfehlen. Es trifft dann zwar viele Fußballfans aber schützen kann man solche risikoreiche Spiele besser.
davornestehtneampel 12.06.2016
3.
Na, da staunt doch der Profi-Attentäter - das ganze Big Brother-Arsenal hindert nicht mal ein paar besoffene Honks am Amoklaufen...
wynkendewild 12.06.2016
4. Auf verlorenem Posten
Gerade solche Ereignisse zeigen, dass die in Deutschland geforderte Aufstockung der Bundespolizei reine Wahlkampfgedöns ist. Die Polizei ist ein Hilfsorgan der Staatsanwaltschaft und gleichzeitig auch weisungsgebunden. Wenn die Behörden nicht zusammenarbeiten, Justiz und Kriminologen einen anderen Standpunkt bezüglich der Bekämpfung solch einer Form der Kriminalität vertreten und man es gleichzeitig mit so einem Milieu zu tun hat, welches schlicht den Kick sucht, stehen die Beamten am Ende auf verlorenem Posten. Man könnte sogar 200.000 Beamte (Hunderttausend Polizisten und Soldaten sollen es ja sein) zu solchen Bedingungen auf die Straße schicken,das Endergebnis wäre, wie auch in so vielen anderen Fällen, ein eruptiver Ausbruch der Gewalt. Mfg. wynkendewild
HaioForler 12.06.2016
5.
Zitat von davornestehtneampelNa, da staunt doch der Profi-Attentäter - das ganze Big Brother-Arsenal hindert nicht mal ein paar besoffene Honks am Amoklaufen...
Dafür ist das Arsenal, entgegen aller Befürchtungen, auch gar nicht gedacht. Genau sollte man schon sein.
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