Der neue EM-Modus Jetzt geht es um alles

Der neue EM-Modus wird von allen Seiten kritisiert. Zu Unrecht, findet Peter Ahrens. Das Turnier produziert jetzt mehr Spannung als früher.
Gabriel Torje und Claudiu Keseru

Gabriel Torje und Claudiu Keseru

Foto: imago/GEPA pictures

Albanien gegen Rumänien ist ein gutes Beispiel. Die Albaner haben gekämpft, aber beide bisherigen Partien gegen favorisierte Teams knapp verloren, die Rumänen haben es unwesentlich besser gemacht und es immerhin auf ein Pünktchen gebracht.

Das Spiel heute Abend (21 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) wäre bei anderen Turnieren wahrscheinlich ein unwichtiger Loser-Kick gewesen, für den die Zuschauer in Lyon trotzdem viel Geld bezahlen müssten. Im Parallelspiel könnten sich die Schweiz (vier Punkte) und Frankreich (sechs) auf ein Remis einigen, und beide wären in der nächsten Runde. Da könnten Rumänen und Albaner spielen, wie sie wollen, sie wären raus. Das war der alte EM-Modus.

Jetzt aber wird dieses Spiel zur letzten Chance für beide Teams. Albanien, obwohl punktlos, kann bei einem Sieg doch noch davon träumen, weiterzukommen. Das macht der neue Modus möglich, bei dem auch vier Gruppendritte ins Achtelfinale einziehen. Alle kritisieren den Modus, dabei wertet er den dritten Vorrundenspieltag enorm auf. Wo früher häufig bessere Freundschaftsspiele die Gruppenphase abschlossen, geht es jetzt um alles.

Fast alle haben noch Chancen

Bis auf die Ukraine in der deutschen Gruppe haben 23 Teams vor diesem Spieltag noch die Möglichkeit, irgendwie ins Achtelfinale zu kommen. Direkt qualifiziert sind bisher nur drei Mannschaften - Frankreich, Italien und Spanien. Sogar die Elf von Bundestrainer Joachim Löw kann trotz ihrer erreichten vier Punkte theoretisch noch auf Rang drei abrutschen und ausscheiden.

Über die angebliche Niveauarmut bei diesem Turnier ist viel geschimpft worden. Es ist mittlerweile fast ein Reflex, sie ständig mit dem Modus in Verbindung zu bringen. Dabei gibt es wirklich keinen Beleg dafür, dass ein schwaches 0:0 von Deutschland gegen Polen irgendetwas damit zu tun hat, dass bei dieser EM erstmals 24 Mannschaften am Start sind und 16 davon die Gruppenphase überstehen werden.

Kritiker sagen: Die Teams agierten vorsichtiger, weil ihnen zur Not auch der dritte Platz zum Weiterkommen reiche, daher würden auch so wenig Tore fallen. Dadurch dass die Uefa die EM auf 24 Mannschaften aufgebläht habe, werde die Gruppenphase zum "Abnützungskampf", argumentiert Bundestrainer Löw.

Teilnehmerzahl sagt nichts über Anzahl der Tore aus

Tatsächlich dominieren die 1:1- und 2:1-Spiele. Aber die Weltmeisterschaft ist mit 32 Teams noch weit mehr aufgeblasen, und trotzdem gewann dort in der Gruppenphase 2014 Frankreich gegen die Schweiz 5:2, die Niederlande gegen Australien 3:2, Deutschland schlug Portugal 4:0 und trennte sich von Ghana 2:2.

Ob in den Partien viele Tore fallen, hat nichts mit der Teilnehmerzahl zu tun. Die vorsichtigen, torarmen Spiele bei der WM kamen übrigens erst verstärkt, als es in die entscheidende Phase ging und die Besten aufeinandertrafen, Deutschland gegen Frankreich 1:0, Niederlande gegen Argentinien im Halbfinale 0:0. Und am Ende Deutschland gegen Argentinien.

Und wer würde behaupten, dass die EM-Teilnahme von Ungarn, Albanien, Island, Wales, der Slowakei oder Schweden der Veranstaltung bisher in irgendeiner Weise geschadet hat? Sie sind Bereicherungen, der eine mehr, der andere weniger. Ganz abgesehen davon, dass Wales, die Slowakei und Island als jeweilige Gruppenzweite ihrer Qualifikation auch dabei gewesen wären, wenn man nach wie vor mit 16 Teams angetreten wäre.

"Früher gab es klasse Spiele in der Gruppenphase wie England gegen Frankreich", romantisiert Löw. Heute gibt es Belgien gegen Italien.

Der Reiz eines Turniers

Am Montag kämpft Russland gegen Wales nach einer Niederlage und einem Unentschieden noch um seine Achtelfinal-Chance, am Dienstag klammert sich die Türkei gegen Tschechien an ihren Strohhalm, am Mittwoch hat Schweden immer noch die Chance, mit einem Sieg über Belgien das Weiterkommen zu schaffen (alle drei Partien um 21 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Die Puristen werden die Nase rümpfen und sagen, wer null Punkte hat, darf keine Chance mehr haben weiterzukommen. Aber ist das nicht der Reiz eines Turniers, dass Teams, die abgeschlagen scheinen, mit einem Sieg plötzlich wieder im Spiel sind?

Wenn die Albaner auch gegen Rumänien nicht gewinnen, dann sind sie trotz des neuen Modus eben ausgeschieden. Sie müssen hoch gewinnen, um noch eine Chance zu haben, der Underdog muss stürmen, ganz gegen seine Natur. Es kann ein herrliches Spiel werden.

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