Verlegte Fußball-Europameisterschaft Die EM im Wartezimmer

Ab heute hätte die Fußball-EM in zwölf Ländern stattgefunden. Das Großturnier ist aufs kommende Jahr verschoben, allerdings sind noch einige Fragen offen - auch sportliche.
Das bisher letzte Spiel der deutschen Nationalmannschaft: Serge Gnabry im November 2019 gegen Nordirland

Das bisher letzte Spiel der deutschen Nationalmannschaft: Serge Gnabry im November 2019 gegen Nordirland

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Scheiber/ imago images/ Jan Huebner

51 Spiele in 31 Tagen in zwölf Ländern, von Schottland bis Aserbaidschan, Reisen quer über den Kontinent - was sich nach einem Konjunkturpaket für die angeschlagene Flugbranche anhört, wäre die EM 2020 in diesem Sommer gewesen. Am Freitag hätte die Endrunde in Rom mit dem Spiel zwischen Italien und der Türkei begonnen.

Man weiß längst, die Europameisterschaft kann wegen der Covid-19-Pandemie nicht stattfinden. Im kommenden Jahr soll sie nachgeholt werden. So weit, so klar. Die EM 2020 dürfte aber einmal als das komplizierteste Sportturnier in die Geschichte eingehen. Dafür hätte es gar nicht die Coronakrise gebraucht, erinnert man sich allein an den verwirrenden Auslosungsmodus. "Kapieren Sie das?", hatte der SPIEGEL einen Erklärartikel zur bevorstehenden Auslosung benannt.

Und mit der Pandemie ist die EM noch komplizierter geworden. Aktuell muss die Uefa um ihre zwölf Ausrichterstädte kämpfen. Es heißt, dass drei Städte als Gastgeber zurücktreten könnten. Uefa-Präsident Aleksander Ceferin sagte zuletzt, es gebe Probleme, er schließt eine Reduzierung daher nicht mehr aus. Welche Städte Probleme bereiten, wollte die Uefa auf SPIEGEL-Anfrage nicht mitteilen. Nur: "Wir sind mit allen zwölf Gastgebern in Gesprächen." Am kommenden Mittwoch wird das Uefa-Exekutivkomitee zusammenkommen, dann sollen alle wichtigen Entscheidungen fallen.

München will die Spiele behalten

Ganz sicher dabei bleiben wird München, das hat die Stadt mitgeteilt. In der Allianz-Arena soll die DFB-Auswahl ihre drei Gruppenspiele bestreiten, Weltmeister Frankreich und Titelverteidiger Portugal warten dort als Gegner. Gegen wen Deutschland das dritte Gruppenspiel bestreiten wird, sollte mit den Qualifikationsplayoffs Ende März feststehen. Doch die Partien mussten coronabedingt ausfallen, die Frage nach einem möglichen Nachholtermin ließ die Uefa auf Anfrage unbeantwortet.

Die paneuropäische EM, das Großprojekt der Uefa zu ihrem 60-jährigen Bestehen, wurde schon länger kritisch gesehen. Die weiten Wege für Fans, die vielen Reisen in Zeiten von Klimadebatten, sportliche Verwässerung - bisher reagierte die Uefa auf kritische Töne meist damit, dass sie eine perfekte Organisation und Durchführung ankündigte. Das Totschlagargument eines jeden Sportverbands.

Aber die Coronakrise hat die Folge, dass das Leben eher unorganisierbar geworden ist. Besonders gilt das für Massenveranstaltungen, vor allem für eine EM, die während einer Pandemie in mehreren Ländern stattfinden soll. In Russland etwa, wo Sankt Petersburg als Gastgeber eingeplant war, wütet das Coronavirus noch immer kräftig. Und welche Folgen eine mögliche zweite Covid-19-Welle  haben könnte, ist ungewiss.

Nachhaltigkeit will die Uefa sich nun aber auf die Fahne geschrieben haben - die EM im Jahr 2021 soll weiter EM 2020 heißen. Andernfalls müssten viele bereits produzierte Werbeartikel zerstört werden, teilte der Verband mit. Immerhin, das kleinste aller Probleme ist gelöst.

Profitiert Löw?

Die Verschiebung wirft auch sportliche Fragen auf: Kann zum Beispiel die deutsche Mannschaft profitieren? Nach dem WM-Debakel 2018 und dem Scheitern in der Nations League steckt die DFB-Elf noch immer mitten in einem Umbruch. Eine Chance für Bundestrainer Joachim Löw ist, dass er mit den zuletzt verletzten Stammkräften Leroy Sané und Niklas Süle jeweils nach Kreuzbandrissen wieder planen kann.

Kai Havertz, Serge Gnabry, Joshua Kimmich - sie haben noch ein Jahr Reifezeit. Auf der anderen Seite gibt es kaum Spieler, die so alt wären, dass sie durch die Verschiebung an den Zeitpunkt kämen, an dem ihr Zenit als überschritten gälte. Torwart Manuel Neuer ist 2021 35 Jahre alt, aber Torleute laufen in dieser Hinsicht außer Konkurrenz.

Bundestrainer Löw (r.), Torwart Neuer: Das DFB-Team befindet sich im Umbruch

Bundestrainer Löw (r.), Torwart Neuer: Das DFB-Team befindet sich im Umbruch

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Es ist eine Mannschaft, deren Gros der Spieler noch nicht das erreicht hat, was ihnen vorschwebt. Dagegen ist bei Weltmeister Frankreich der Karrierehöhepunkt 2018 bereits beschritten worden, höher kann die Equipe Tricolore nicht mehr klettern. Der WM-Finalist Kroatien lebte schon 2018 von seinen Routiniers, dort tickt die Uhr vernehmlich. Und auch Portugals Cristiano Ronaldo kann sehr Vieles, aber um eines kommt auch der 35-Jährige nicht herum: Er wird nicht mehr jünger.

Der DFB konnte daher der Verschiebung der Europameisterschaft extrem gelassen entgegenblicken. Es gibt auch im kommenden Jahr noch genug Teams, denen man den EM-Titel zutraut: Neben den Franzosen sind dies England, Spanien, Belgien, die Niederlande. Aber eben auch Deutschland. 2021 ist der DFB der Favoritenrolle ein Stück näher gerückt.

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