England in der Einzelkritik Southgates verhängnisvolle Wechsel

Gareth Southgate hatte bei dieser EM für alles einen Plan, auch im Finale ging er lange auf. Doch dann kam die 120. Minute.
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Jordan Pickford, Tor: War im Finale nach 62 Minuten das erste Mal gefordert, als er einen Schuss von Federico Chiesa parierte. Fünf Minuten später war der Keeper vom FC Everton wieder zur Stelle und lenkte einen Kopfball von Marco Verratti an den Pfosten. Beim Nachschuss von Leonardo Bonucci konnte er dann nichts mehr ausrichten. Dass Pickford seine Stärken auf der Linie hat und nicht im Herauslaufen, zeigte sich in der 73. Minute. Einem langen Ball der Italiener ging er nicht entgegen, sodass Domenico Berardi noch zum Abschluss kam. In der Nachspielzeit warf sich Pickford noch zwischen Flanke und heranstürmenden Angreifer – wild, aber erfolgreich. Später ließ er einen eigentlich harmlosen Freistoß abprallen, was aber nicht bestraft wurde. Im Elfmeterschießen bewahrte er seinem Team die Hoffnung, indem er zwei Schüsse parierte.

Foto: JOHN SIBLEY / AFP
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Luke Shaw, Abwehr: Ohnehin einer der Garanten des englischen Erfolgs in diesem Turnier, bisher aber vor allem aufgrund seiner gründlichen Verteidigungsarbeit. Diesmal stand Shaw nach 1:57 Minuten im Mittelpunkt – als Torschütze des 1:0. Der Profi von Manchester United eroberte auf seiner linken Abwehrseite erst den Ball, spielte zu Harry Kane ab und traf nach einem 80-Meter-Sprint per Dropkick-Aufsetzer zur frühen Führung. Die ganze Spielidee von Trainer Southgate ließ sich in diesem Tor wiederfinden. Hielt trotz enormer Laufarbeit bis zum Ende durch, was spektakulärer ist, als es klingt.

Foto: Paul Ellis / AP
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Harry Maguire, Abwehr: Begann mit einem nervösen Rückpass ins Aus nach einer Minute, mit der Führung im Rücken dann lange gewohnt solide in der Abwehrarbeit. Auch wenn er wegen seiner Größe immer etwas hölzern wirkt, bereitet Maguire inzwischen auch der Spielaufbau keine Probleme mehr. Seinen Elfmeter knallte er mit viel Selbstvertrauen hoch ins Tor. Es war eine starke EM des 28 Jahre alten Abwehrchefs. Dass sich England in 690 Minuten kein Gegentor aus dem Spiel heraus einfing, lag nicht zuletzt an Harry Maguire.

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John Stones, Abwehr: Hatte in der Nachspielzeit der ersten Hälfte seinen ersten auffälligeren Auftritt, im Guten wie im Schlechten. In der Luft sind er (1,88 Meter) und Maguire (1,94) kaum zu bezwingen, am Boden aber gibt es gelenkigere Spieler. Kurz vor der Pause wurde das deutlich, als Englands Innenverteidiger bei einer Flanke in den Rücken der Abwehr zu lange brauchte, um zu reagieren. So kam Italiens Stürmer Ciro Immobilie zu einem seiner wenigen Abschlüsse. Da stand Stones dann aber schon wieder richtig und blockte den Versuch ab. In der 65. Minute lenkte Italiens Keeper Gianluigi Donnarumma einen Stones-Kopfball über die Latte. Zwei Minuten später war der Verteidiger dann erstes Glied der Fehlerkette, die zum Ausgleich führte, als er nach einem Eckball sein Kopfballduell verlor. Wäre Stones noch ein paar Zentimeter größer, hätte er in der Verlängerung noch das 2:1 geköpft, so segelte er knapp unter einer Flanke von Harry Kane hindurch.

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Kyle Walker, Abwehr (bis 120.): Gehört als Teil des starken englischen Abwehrblocks mit gelobt, bekam im Finale aber nicht viel zu tun: Kieran Trippier rechts vor ihm auf dem Flügel und John Stones links neben ihm in der Zentrale erledigten ihre Aufgaben lange Zeit so gut, dass bei Walker kaum noch Arbeit ankam. Ließ sich in der ersten Hälfte einige Male verladen, was aber keine Folgen hatte, weil sofort ein Nebenmann zur Stelle war. Nach gut einer Stunde ging er gegen Chiesa zu zögerlich zu Werke und ließ so den gefährlichen Schuss des Italieners zu (Pickford parierte, siehe oben). Zum Elfmeterschießen wurde Walker dann ausgewechselt.

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Jadon Sancho, Angriff (ab 120.): Im europäischen Vereinsfußball sind sich alle sicher, dass Sancho einer der vielversprechendsten Spieler der Welt ist. Vor allem Manchester United, das gerade rund 85 Millionen Euro Ablöse für den 21-Jährigen an Borussia Dortmund bezahlt haben soll. Bei Gareth Southgate durfte Sancho erst gaaaaanz am Ende im Endspiel auf den Platz – einerseits. Andererseits traute der Trainer dem Jungstar zu, für ein Elfmeterschießen in EM-Finale bereit zu sein, was auch etwas heißen will. Doch Sancho verschoss.

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Kieran Trippier, Abwehr (bis 70. Minute): Der rechte Außenverteidiger von Atlético Madrid profitierte von Gareth Southgates Umstellung auf eine Fünferkette, Trippier rückte anstelle von Bukayo Saka in die Startelf. Ein defensiver Wechsel, sollte man denken. Aber Trippier bewies früh, dass er nicht nur fürs Verteidigen sorgen sollte: Perfekt war seine Flanke auf Shaw vor dem 1:0, anschließend glänzte er als unermüdlicher Dauerläufer, immer auf der Höhe des Geschehens. Hatte großen Anteil daran, dass die zuvor so starke linke Angriffsseite der Italiener diesmal lange blass blieb.

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Bukayo Saka, Mittelfeld (ab 70.): Nach rund einer Stunde verlor England zunehmend die Kontrolle über das Spiel, was auch daran lag, dass die enormen Anstrengungen in der Laufarbeit ihren Tribut forderten. Trippier machte für Saka vom FC Arsenal Platz. Damit ging ein Taktikwechsel von der Fünferkette zurück zu einem 4-3-3 einher. Die erhoffte Entlastung brachte der schnelle Saka aber nicht. In der Nachspielzeit wurde er von Giorgio Chiellini spektakulär am Kragen zu Boden gerissen. Später war Saka wieder am Boden: Er verschoss den entscheidenden Elfmeter.

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Declan Rice, Mittelfeld (bis 74.): Spielt in der Premier League bei West Ham und damit nicht beim europäischen Fußballadel, aber ohne ihn wäre Englands Finaleinzug bei diesem Turnier undenkbar. Zusammen mit Nebenmann Phillips bildet Rice das dynamische Duo im englischen Mittelfeld. Auch gegen Italien glänzte Rice wieder als Zerstörer mit Esprit, als emsiges Verbindungsglied zwischen Angriff und Abwehr, als nahezu unüberwindbarer Zweikämpfer. Einmal entwischte ihm Federico Chiesa in Hälfte eins, woraus direkt die bis dahin beste Chance der Italiener resultierte. Eine Ausnahme von der Regel. Eine Viertelstunde vor Ablauf der regulären Spielzeit musste Rice seinen Anstrengungen Tribut zollen und wurde ausgewechselt.

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Jordan Henderson, Mittelfeld (von 74. bis 120.): Dem Kapitän des FC Liverpool merkt man die Routine von rund 300 Premier-League-Partien und mehr als 60 Länderspielen an. War sofort im Spiel und verrichtete seine Arbeit gewohnt zuverlässig. Musste dann fürs Elfmeterschießen Marcus Rashford Platz machen.

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Marcus Rashford, Angriff (ab 120.): Der 23-Jährige hatte in diesem Finale eigentlich nur einen Job: seinen Elfmeter verwandeln. Southgate hatte den Star von Manchester United wieder ganz lange draußen gelassen und erst in der letzten Minute der Verlängerung gebracht. Vor seinem Schuss vom Punkt trippelte Rashford dem Ball entgegen, wurde immer langsamer – und verschoss dann. Rashford mag in dieser Nacht eine traurige Figur sein, man kann dennoch auf eine große Zukunft des jungen Manns setzen.

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Kalvin Phillips, Mittelfeld: Der vorsichtigere Part des defensiven Mittelfelds. Viel laufen, hart arbeiten, keine Fehler machen – das klingt simpel, will aber erst mal so meisterhaft umgesetzt werden, wie Phillips es auch in diesem Finale wieder getan hat. Einer der unauffälligen Helden der Three Lions. Fast wäre er doch noch mehr in den Mittelpunkt gerückt, doch sein Distanzschuss in der 97. Minute ging knapp vorbei.

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Mason Mount, Angriff (bis 99.): Im Champions-League-Finale hatte der 22-Jährige seinen großen Moment, als er vor dem 1:0 einen genialen Pass auf Kai Havertz spielte. In der Nationalmannschaft unter Southgate geht Mount so gewissenhaft seiner Arbeit in der vordersten Abwehrreihe nach, dass seine offensiven Geistesblitze seltener durchscheinen.

Foto: PAUL ELLIS / AFP
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Jack Grealish, Angriff (ab 99.): Der Liebling der englischen Fans durfte diesmal erst ganz spät mitmachen. Er konnte kaum noch Einfluss nehmen.

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Harry Kane, Angriff: Die Rolle des Kapitäns war in England recht kritisch beäugt worden. Warum lässt sich Kane immer so tief fallen, müsste der nicht vor dem gegnerischen Tor lauern? Die Antwort gab Kane (mal wieder) vor dem 1:0. Tief in der eigenen Hälfte holte er sich den Ball ab und leitete den Angriff ein. Es war eine Szene mit Symbolwert, Kane war überall, wo er gebraucht wurde. Führte Zweikämpfe im defensiven Mittelfeld, dribbelte, hatte immer ein Auge für den raumschaffenden Pass. Harry Kane, der Universalfußballer. Im Elfmeterschießen verwandelte er sicher. Und auch wenn sein Auftreten ihn oft älter erscheinen lässt: Kane ist erst 27 Jahre alt und hat noch einige große Turniere vor sich.

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Raheem Sterling, Angriff: Der Dauerdribbler dieser EM (32 Versuche, 18 erfolgreich vor dem Finale). Auch dieses Mal sorgte der Angreifer von Manchester City immer wieder für Chaos in Italiens Abwehr, wenn er mit Tempo auf die Verteidiger zulaufen konnte. Dass er dabei wie schon gegen Dänemark oft geradezu darauf aus zu sein scheint, sich fallen zu lassen, trübt etwas das Bild dieses so grandiosen Fußballers.

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Gareth Southgate, Trainer: Bei allem Erfolg im Turnier war der 50-Jährige für seine defensive Ausrichtung viel kritisiert worden. Dass er nun wieder auf eine Fünferkette setzte, sei aber einem offensiven Gedanken entsprungen. So wolle er seine Angreifer von allzu viel Abwehrarbeit entbinden, sagte Southgate. So ein Finale sei kein Ort, um Angst vor Fehlern zu haben, sondern um mutig zu sein. Eine Stunde lang ging seine Taktik gut auf, nach dem Ausgleich verlieh er seiner Mannschaft mit durchdachten Wechseln neue Stabilität. Doch sein letzter Plan ging nicht auf: Seine Joker Rashford und Sancho kosteten England mit verschossenen Elfmetern den Sieg.

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