England verliert EM-Finale gegen Italien Ertrunken in Klischees

1996 verlor Gareth Southgate als Spieler ein wichtiges Elfmeterschießen. 2021 unterlag England auch wegen des Trainers Southgate im Finale in Wembley. Italien feiert ein 22 Jahre altes Wunderkind im Tor.
Bukayo Saka vergibt seinen Elfmeter, Italien feiert

Bukayo Saka vergibt seinen Elfmeter, Italien feiert

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Mike Egerton / imago images/PA Images

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Southgates große Tragik: Es gab so einige Klischees, mit denen diese Europameisterschaft schon gebrochen hatte. Die Niederlande liefen nicht im 4-3-3 auf, Italien spielte plötzlich berauschenden Offensivfußball, ja, selbst die Schweiz hatte diesmal das Achtelfinale eines großen Turniers überstanden. Doch die paneuropäische EM hatte ihr Pulver offenbar vor dem Finale verschossen, in dem England in Wembley gegen Italien die Chance hatte, seine 55 Jahre andauernde Titel-Durststrecke zu beenden. Die Three Lions scheiterten, mehr noch: Sie scheiterten im Elfmeterschießen. Ganz so, wie Nationaltrainer Gareth Southgate 1996 an Ort und Stelle als Spieler gescheitert war, als er im EM-Halbfinale gegen Deutschland den entscheidenden Strafstoß verschoss. So wurde das englische Klischee auf grausamste Weise erfüllt.

Auf dem Rücken der Jugend: Bislang war Southgates Amtszeit eine überaus gelungene Wiedergutmachungsaktion gewesen. Das verlorene Endspiel aber geht auch auf seine Kappe. Weil er es trotz früher Führung im Rücken versäumte, seiner Mannschaft Ideen an die Hand zu geben, um Italien weiter unter Druck zu setzen. Und, weil er im Elfmeterschießen die unerfahrenen Marcus Rashford, Jadon Sancho und Bukayo Saka vorschickte, im Schnitt 21 Jahre alt. Keiner traf. »Ich habe die Elfmeterschützen danach ausgewählt, was sie im Training gezeigt haben«, erklärte Southgate nach Abpfiff – und übernahm die volle Verantwortung: »Diese Entscheidung lag ganz bei mir.«

Gareth Southgate zählte zu den Geschlagenen

Gareth Southgate zählte zu den Geschlagenen

Foto: Nick Potts / dpa

Das Ergebnis: 3:2 setzt sich Italien im Elfmeterschießen gegen England durch. Nach 90 Minuten hatte es 1:1 gestanden, nach der Verlängerung ebenso. Hier lesen Sie den Spielbericht.

Das Recht des Stärkeren: Man mag über die Attraktivität des englischen Spielstils, der vor allem zu Turnierbeginn ein ziemlicher Zerstörerfußball war, denken, was man möchte: Verdient hatten sich die Three Lions ihr Finale. Dasselbe lässt sich über manche Teile der englischen Fans nicht sagen. Schmähungen gegen eine in Tränen aufgelöste Neunjährige nach dem Sieg gegen Deutschland, Buhrufe während gegnerischer Hymnen und eine Laserpointer-Attacke gegen Dänemarks Torhüter begleiteten Englands Weg ins Endspiel. Dort stürmten englische Fans ihr eigenes Nationalstadion: Vor Wembley kam es zu Tumulten, etliche Menschen ohne Ticket gelangten ins Innere der Arena.

Der Spielzug der EM: Es war die Europameisterschaft der offensiven Außenverteidiger. Robin Gosens, Denzel Dumfries und Joakim Mæhle sind nur drei dieser »Schienenspieler«, die schon lange nicht mehr nur stur ihre Defensivseite beackern, sondern auch als Torschützen in Erscheinung treten. Nach zwei Finalminuten reihte sich auch Luke Shaw ein: Southgate hatte gegen Italien auf eine Fünferkette gesetzt, gab so seinen Außenspielern mehr Freiheiten. Diese wussten sie früh einzusetzen: Nach einer italienischen Ecke verlagerte Shaw über Mittelsmann Harry Kane auf den rechten Flügel und startete in den Strafraum durch, um am langen Pfosten die Flanke seines Gegenübers Kieran Trippier ins Tor zu schießen.

Luke Shaw jubelt, Gianluigi Donnarumma ist geschlagen: Ihr erster Angriff brachte die Engländer in Führung

Luke Shaw jubelt, Gianluigi Donnarumma ist geschlagen: Ihr erster Angriff brachte die Engländer in Führung

Foto: Paul Ellis / dpa

Die Mauer bröckelt: Es sollte der letzte Schuss aufs Tor der Italiener in Halbzeit eins bleiben. Die englischen Verteidigungskünstler, die das Turnier beenden sollten, ohne einen einzigen Gegentreffer aus dem Spiel heraus kassiert zu haben, überließen die Initiative einmal mehr dem Gegner. Und das, obwohl der sichtlich angeschlagen war: Das italienische Mittelfeld hatte seine liebe Mühe, dem Zugriff der giftigen Kalvin Phillips und Declan Rice zu entkommen, überhaupt wurde die Squadra Azzurra fast nur über Federico Chiesas Einzelaktionen gefährlich. Bis Roberto Mancini in der zweiten Hälfte umstellte, Italien immer mehr Druck aufbaute – und Leonardo Bonucci nach einem Eckball einen vom Pfosten zurück ins Feld geprallten Kopfball Marco Verrattis zum Ausgleich über die Linie drückte.

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Tritte, Tore, Tragik

Foto: Carl Recine - Pool / Getty Images

Das Schmunzelmonster: Giorgio Chiellini bejubelte den Ausgleich schon, als er noch gar nicht gefallen war. Der Ausgleich, nicht Chiellini. Der lag am Boden im englischen Strafraum und freute sich wie ein Schneekönig, ähnlich, wie er sich schon vor dem Elfmeterschießen gegen Spanien amüsiert hatte. Ohnehin schien niemand auf dem Platz so viel Spaß zu haben wie der Innenverteidiger, der oft weit auf den linken Flügel mit rausschob und so perfekt verteidigte, wie es nur der 36-jährige Haudegen aus Pisa kann. Sein rustikaler Trikotreißer gegen Saka driftete letztlich arg ins Unsportliche, aber selbst diese Szene triefte in ihrer Übertriebenheit vor Chiellinis eigenwilligem Humor.

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Sandro Wagner, Kommentatorengott: An dieser Stelle sei eine letzte Lanze für Sandro Wagner gebrochen, der das Endspiel an der Seite von Oliver Schmidt für das ZDF kommentierte. Ob sinnvolle Häppchen Fachwissen wie bei der Diagnose einer Blessur Jorginhos durch den italienischen Teamarzt (»Das ist der sogenannte Schubladentest«) oder launige Anekdoten über den Tag, als er Chiellini auf dem Platz erfolglos die »Sandro-Wagner-Härte« zeigen wollte (»Seitdem liebe ich diesen Mann«) – Wagner traf den richtigen Ton mit einer Zuverlässigkeit wie italienische Verteidiger den Ball bei ihren Grätschen.

Ehre, wem Ehre gebührt: Die größte, wichtigste Geschichte dieses Finales schrieb letztlich Gianluigi Donnarumma. Italiens Torhüter hielt zwei Elfmeter, guckte einen dritten an den Pfosten und durfte sich schließlich nicht nur über den EM-Titel, sondern überraschend auch über die Auszeichnung als bester Spieler des Turniers freuen.

Donnarumma ist erst 22 Jahre alt. Er behielt die Nerven, als es darauf ankam. Er bescherte Italien seine »notte magica«, die magische Nacht.

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