Fußballnationalelf vor der EM Neue deutsche Ungewissheit

Bundestrainer Joachim Löw ist bekannt für Kaderbeständigkeit. Doch das Rennen um die EM-Plätze ist nun so offen wie nie. Das liegt an fehlender Qualität in der Abwehr – aber auch an Mats Hummels und Thomas Müller.
Aus Duisburg berichtet Marcus Krämer
Bundestrainer Joachim Löw im Training vor dem ersten Länderspiel des Jahres: kompliziertes Kaderpuzzle

Bundestrainer Joachim Löw im Training vor dem ersten Länderspiel des Jahres: kompliziertes Kaderpuzzle

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Christopher Neundorf/Kirchner-Media / imago images/Kirchner-Media

Julian Draxler gehörte stets zum Inventar der Nationalmannschaft. Der ehemalige Schalker debütierte 2012, seitdem wurde er in 56 Länderspielen eingesetzt. Draxler war selten Stammspieler, in fittem Zustand aber immer dabei. Seit dem frühen WM-Aus 2018 verpasste er verletzungsbedingt 13 der insgesamt 24 Partien. Nun, bei den anstehenden drei WM-Qualifikationsspielen, wurde Draxler nicht eingeladen. Dabei ist er verletzungsfrei, Draxler spielt regelmäßig bei Paris Saint-Germain.

»Die Tür ist selbstverständlich nicht zu«, sagte Bundestrainer Joachim Löw am Tag vor der Partie gegen Island am Abend (20.45 Uhr Liveticker SPIEGEL.de, TV: RTL). Das erste Länderspiel des Jahres findet statt, obwohl es einen positiven Coronatest eines Nationalspielers gegeben hat. Bei Draxler wisse Löw, welches Potenzial er habe. »Er hat zuletzt wieder mehr Spiele gemacht, das war erfreulich«, sagte Löw. Und dann folgte ein Satz, den der 61-Jährige so wohl noch nie über Julian Draxler gesagt hat: »Aber er muss sich steigern.«

Die Nichtberücksichtigung Draxlers – und auch die des Dortmunders Julian Brandt – weist darauf hin, wie offen der Kampf um die 23 Kaderplätze für die Europameisterschaft im Sommer ist (11. Juni bis 11. Juli). Löw zeigt sich weniger als drei Monate vor dem ersten deutschen EM-Gruppenspiel gegen Frankreich (15. Juni) ungewöhnlich unentschieden. Man könnte auch sagen: Er wird durch die fehlende Qualität in einem Mannschaftsteil zu dieser neuerlichen Ungewissheit gezwungen.

In den 15 Jahren als Bundestrainer stand Löw für Treue und Beständigkeit. Die Grundgerüste seiner Turnierkader standen stets frühzeitig fest, selbst angeschlagene Stammspieler wie Manuel Neuer 2018 oder Bastian Schweinsteiger 2016 wurden nominiert. Sicher, es gab auch Überraschungen, man denke nur an Dennis Aogo im WM-Kader 2010. Aber das waren Ausnahmen.

In diesem Jahr ist das etwas anders – und das hat wenig damit zu tun, dass Löw nach der EM als Bundestrainer aufhören wird.

Viele fähige Nebenleute, aber kein Anführer

Anders als bei den Vorbereitungsphasen der vergangenen Turniere fehlt es Löw diesmal an einer Defensivachse. Der Bundestrainer hat einfach keine eingespielte Abwehr. Unabhängig vom System (ob Dreier- oder Viererkette) kann sich derzeit – und in dieser Bewertung spielt das 0:6-Debakel gegen Spanien im vergangenen November eine gewichtige Rolle – kein Spieler eines Stammplatzes sicher sein.

Eigentlich war einmal Niklas Süle als Fixpunkt in der Innenverteidigung eingeplant. Der Münchner hat jedoch schwierige Monate hinter sich. Zuletzt musste er bei den Bayern bisweilen als Rechtsverteidiger aushelfen. Konträr verlief die Entwicklung bei Antonio Rüdiger: In der DFB-Elf spielte Rüdiger selten richtig überzeugend, obwohl Löw oft auf ihn setzte. Bei seinem Klub, dem FC Chelsea, saß der 28-Jährige zu Saisonbeginn sogar auf der Tribüne. Doch unter dem neuen Trainer Thomas Tuchel spielt Rüdiger gerade so stark wie nie zuvor und ist Stammspieler.

Löw wird auch in der Nationalelf auf ihn setzen. Süle wird zumindest die Partie gegen Island angeschlagen verpassen. Rüdiger muss jetzt beweisen, dass er auch die deutsche Abwehr so führen kann wie die der Londoner.

Matthias Ginter fährt ziemlich sicher zur EM

Matthias Ginter fährt ziemlich sicher zur EM

Foto: Martin Rose / Getty Images

Für die zentralen Rollen in der Innenverteidigung stehen noch Matthias Ginter, Emre Can vom BVB, Leipzigs Lukas Klostermann, der gerade erst von einer Verletzung ins Team von Leeds United zurückgekehrte Robin Koch und Jonathan Tah (Leverkusen) zur Verfügung. Als wirklich gesetzte Kraft drängte sich bisher aber keiner aus diesem Quintett auf. »Diskussionen um die Abwehr sind nicht neu, die gab es schon vor 2014«, sagte Mönchengladbachs Ginter. »Rüdiger, Can, wir haben alle Champions League gespielt und bringen eine gewisse Erfahrung mit.« Das ist richtig, löst aber nicht Löws Konflikt: Er hat viele fähige Nebenleute, aber keinen unumstrittenen Anführer.

Das würde sich mit einer Nominierung von Mats Hummels ändern. Spätestens im Mai, wenn er den vorläufigen Kader benennt, wird sich Löw in dieser Frage aus seiner Deckung begeben müssen. Für Hummels spricht dessen Erfahrung, er kann eine Mannschaft anleiten. Die vergangenen Monate in Dortmund haben aber auch gezeigt, dass der Gegner bisweilen seine Schnelligkeitsdefizite ausnutzen kann und er bei aller Routine Fehler im Stellungsspiel einstreut.

Wird Kimmich wieder Rechtsverteidiger?

Auf den defensiven Außenbahnen werden Löws Probleme eher größer denn kleiner. Auf der linken Seite dürfen sich diesmal Leipzigs Marcel Halstenberg oder Philipp Max (Eindhoven) zeigen, Bergamos Robin Gosens fällt wie Süle gegen Island aus. Zusammen mit BVB-Profi Nico Schulz gibt es vier Kandidaten für vermutlich zwei EM-Plätze. Die Favoriten sind derzeit nicht auszumachen.

Einen klassischen Rechtsverteidiger hat Löw für die kommenden Spiele gar nicht nominiert. Thilo Kehrer von PSG ist verletzt, Benjamin Henrichs fiel in Leipzig auch lange aus. Ridle Baku, der in Wolfsburg als Flügelspieler weiter vorn aufgeboten wird, bei Löw aber schon als Rechtsverteidiger debütierte, hat der Bundestrainer vorerst seinem U21-Kollegen Stefan Kuntz für die gerade laufende EM-Vorrunde überlassen. Beim 3:0 der deutschen U21-Auswahl am Mittwoch gegen Ungarn erzielte der 22-Jährige zwei Treffer und bereitete den dritten vor.

Joshua Kimmich war eigentlich im Mittelfeld gesetzt. Jetzt könnte Löw umdenken.

Joshua Kimmich war eigentlich im Mittelfeld gesetzt. Jetzt könnte Löw umdenken.

Foto: INA FASSBENDER / AFP

Bei Löw werden womöglich mal wieder Can oder Ginter aushelfen müssen. Dabei hat der Bundestrainer eine Option im Team, die das Niveau sofort in Richtung Weltklasse hieven würde: Joshua Kimmich.

»Ich denke darüber nach«, sagte Löw zu einer möglichen Versetzung Kimmichs auf seine frühere Position: »Wir werden alles machen, was wichtig für den Erfolg sein könnte.« Auch das sind bemerkenswerte Sätze des Bundestrainers. Kimmich galt seit dem Debakel bei der WM 2018 als fester Bestandteil des defensiven Mittelfelds. Begünstigt wird diese Kehrtwende durch Ilkay Gündogans herausragende Form bei Manchester City. Mit ihm sowie Leon Goretzka und Toni Kroos gibt es ein Überangebot an sehr guten zentralen Mittelfeldspielern. Dazu kommen noch Florian Neuhaus und Kai Havertz.

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Wird Müller nominiert, wird er spielen

Das Puzzle in der Offensive zusammenzusetzen, ist bei dieser Auswahl an fähigen Leuten zwar angenehmer für Löw, aber kein bisschen leichter. Er muss sich überlegen, welche dieser Topleute am besten harmonieren und wen aus der Startelf herauszulassen er sich leisten kann. Und er muss sich die Frage stellen, ob er den derzeit besten deutschen Offensivspieler wirklich zu Hause lassen kann.

Thomas Müller spielt bei den Bayern eine herausragende Saison, er kommt in 36 Pflichtspielen auf 14 Tore und 17 Vorlagen. Sollte Löw Müller zurückholen, dann nicht als Ergänzungsspieler. Müller würde sofort spielen, was wiederum Einfluss auf die Restmannschaft hätte.

Thomas Müller (r.) kommt in 36 Pflichtspielen in dieser Saison auf 14 Tore und 17 Vorlagen

Thomas Müller (r.) kommt in 36 Pflichtspielen in dieser Saison auf 14 Tore und 17 Vorlagen

Foto: Matthias Schrader / dpa

In Mittelfeld und Angriff wird Löw in einer klassischen Kaderaufteilung 12 oder 13 Spieler nominieren. Unumstößlich dabei sind mit Kimmich, Gündogan, Kroos, Goretzka, Serge Gnabry, Timo Werner und Leroy Sané sieben Profis. Auch Havertz hat gute Chancen. Dahinter ist das Rennen aber offen wie nie.

Matthias Ginter kann die Aufregung um Hummels und Müller nicht nachvollziehen. »Vor anderen Turnieren wurden auch Spielernamen diskutiert, diesmal sind es eben die beiden«, sagte der 27-Jährige. Es gibt aber schon Unterschiede. Das Duo würde die Hierarchie verändern – denn auch Hummels käme nicht als Ergänzungsspieler. Im Grunde wäre Deutschland mit Müller und Hummels eine andere Mannschaft bei der EM.

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