EM-Organisator Die Lahmgestalt des deutschen Fußballs

Weltmeister, Ehrenspielführer, jetzt EM-OK-Chef: Philipp Lahms Aufstieg im deutschen Fußball geht weiter. Gegen die Beckenbauer-Parallelen kann er sich schlecht wehren.
Philipp Lahm bei der EM-Präsentation

Philipp Lahm bei der EM-Präsentation

Foto: DENIS BALIBOUSE/ REUTERS

Kurz nach der erlösenden Entscheidung war Philipp Lahm schon wieder ganz Philipp Lahm. Er gönnte sich lediglich eine Umarmung mit DFB-Boss Reinhard Grindel, dann hatte er schon wieder die Etikette im Blick: "Wenn man gewinnt, das habe ich als Sportler immer festgestellt, gibt es auch irgendjemanden, der verliert. Und man muss auch den Verlierern immer wieder Respekt zollen", begründete er seine gedämpfte Form der Freude. Typisch Lahm. Nie aus der Rolle fallen, immer die Form wahren. Aber damit ist der 34-Jährige ja auch bisher bestens gefahren.

Mit dem heutigen Tag hat der ehemalige Bayern-Profi die nächste Stufe auf der Karriereleiter erklommen. Weltmeister und DFB-Kapitän war er schon, Ehrenspielführer der Nationalmannschaft ist er mittlerweile auch, und jetzt sehen ihn fast alle schon als den künftigen DFB-Präsidenten.

Als Delegationsleiter der EM-Bewerbung hat er die für ihn bekannt souveräne Rolle abgegeben, er ist niemandem auf die Füße getreten, er hat im Vorfeld niemanden in der Uefa verprellt. Neben dem stets ungelenk wirkenden Verbandschef Grindel mag es nicht schwer sein zu glänzen. Aber die Vergabe der Europameisterschaft 2024 an Deutschland ist ab sofort eng mit dem Namen Philipp Lahm verbunden.

Querverweise auf Beckenbauer

Gegen die Querverweise auf einen anderen großen Bayern- und DFB-Kapitän kann er sich wohl kaum wehren. Franz Beckenbauer ist in diesen Tagen so präsent wie seit Jahren nicht mehr. Zwar nicht persönlich, die ehemalige Lichtgestalt scheut seit den SPIEGEL-Enthüllungen zur WM-Affäre die Öffentlichkeit. Aber sein Name geistert durch die Medien. Beckenbauer, der erst als Spieler Weltmister wurde und dann ein großes Turnier nach Deutschland holte. Wie Lahm eben.

Die Deutsche Presse-Agentur nennt Lahm bereits "Kaiserchen". Das klingt zwar eher despektierlich als bewundernd, aber Lahm ist tatsächlich auf dem Weg, eine Rolle im Fußball zu spielen wie einst Beckenbauer. Nicht so nonchalant wie der Kaiser, vielmehr stets um Korrektheit bemüht, aber genauso zielstrebig und ehrgeizig wie sein berühmter Vorgänger.

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Foto: Christof Koepsel/ Bongarts/Getty Images

Lahm und Karriereplanung, das hat immer schon sehr dicht zusammengehört. Als Spieler platzierte er in enger Absprache mit seinem Berater Roman Grill seine öffentlichen Äußerungen in bewusstem Timing. Wenn er mal kritisch wurde, dann nie aus dem Bauch heraus, sondern stets, um damit einen ganz bestimmten Zweck zu verfolgen. 2009 gab er der "Süddeutschen Zeitung" ein bemerkenswertes Interview, in dem er die Vereinsführung so weit kritisierte, wie sie dies gerade noch tolerieren konnte. Seitdem galt er als mündiger Profi.

In seiner Autobiografie kritisierte er genau die, die ihm und dem FC Bayern nicht mehr schaden konnten. Per Vorabdruck in der "Bild"-Zeitung sorgte er für das notwendige öffentliche Aufsehen, das vermeintliche Skandalbuch war ebenfalls ein durchchoreografierter Schritt, die Verantwortlichen beim FC Bayern und beim DFB hatten das Manuskript im Vorfeld einsehen können. Als sich bei der WM 2010 die Chance eröffnete, das Kapitänsamt der Nationalelf vom verletzten Michael Ballack zu übernehmen, griff Lahm zu. Er gab die Binde nicht mehr ab, Ballack war draußen.

Den Bayern gab er bewusst einen Korb

Sein Rücktritt aus der Nationalmannschaft, eine Woche nach dem WM-Triumph 2014, mit dem er alle überrascht hatte, entfaltet erst im Nachhinein seine volle Bedeutung. Als ob Lahm damals als einziger geahnt hätte, dass damit ein Zenit dieser Mannschaft erreicht ist und es von nun an nach und nach eher bergab geht. Auch beim FC Bayern beendete er rechtzeitig seine aktive Laufbahn.

Jeder erwartete ihn danach im Management der Münchner, Lahm jedoch war wieder einen Gedankengang weiter. Sehr wohl wissend, dass man gegen Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge als Dritter nichts gewinnen kann. Die Bayern-Bosse suchten sich lieber einen handzahmen Sportdirektor wie Hasan Salihamidzic.

In der Öffentlichkeit pflegt Lahm das Bild des Mannes ohne Ecke und Kante, Schlaumeier, Klassenprimus, so wird er genannt. Seine Tweets sind meist banal bis an die Schmerzgrenze. Als die ARD ihn bei der WM in Russland stolz als ihren Vorzeigexperten und Nachfolger von Mehmet Scholl verpflichtet hatte, beschränkte er sich auf Allgemeinplätze, flacher als die Uferzone des Tegernsees, von dem die ARD die Plaudereien Lahms ausstrahlte. Der Sender, der sich Kernigeres erwartet hatte, beendete nach dem Turnier die Zusammenarbeit. Lahm hatte seine natürlich wohldosierte Kritik am Bundestrainer stattdessen im Karrierenetzwerk LinkedIn untergebracht.

Künftig ist Lahm der Organisationschef der EM, sechs Jahre lang wird er omnipräsent sein, in Talkshows, bei Benefizgalas, auf dem gesellschaftlichen Parkett. Lahm kann das alles, er hat es jahrelang trainiert. Franz Beckenbauer machte vor der WM 2006 als OK-Boss die Hubschrauberflüge zu seinem Markenzeichen, der Kaiser in der Luft, auf sein Reich hinabschauend, einschwebend, morgens in Hamburg, mittags in Dortmund, abends in München. Die Frisur saß, und alles andere auch. So dachte man.

Lahm hat jetzt eine sehr ähnliche Rolle. Aber er wird schlau genug sein, dass er sich etwas anderes einfallen lässt als den Helikopter-Organisator. Er weiß schließlich, dass es mittlerweile durchaus angesagt ist, sich von Beckenbauer zu distanzieren. Der Schlaumeier.

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