EM-Aus für DFB-Elf Die Entdeckung der Mittelmäßigkeit

Zwei Jahre lang war Vizeweltmeister ein stolz benutztes Synonym für die deutsche Fußball-Nationalelf. Mit dem erneuten Ausscheiden der DFB-Auswahl in der EM-Vorrunde hat es sich endgültig abgenutzt. Nach der Niederlage gegen die zweite Garnitur Tschechiens konnte Rudi Völler nicht definitiv sagen, ob er als Teamchef weitermacht.

Von Till Schwertfeger, Lissabon


Teamchef Völler: Unbefriedigend und ungenügend
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Teamchef Völler: Unbefriedigend und ungenügend

Die letzte fußballerische Aktion der deutschen Nationalelf bei der EM in Portugal war ein Fehlpass Jens Nowotnys ins Seitenaus. Was acht Tage zuvor mit dem 1:1 gegen die Niederlande so verheißungsvoll begonnen hatte, endete mit der folgenschweren 1:2 (1:1)-Niederlage gegen die schon vor dem letzten Gruppenspiel fürs Viertelfinale qualifizierten Tschechen, in deren Startformation gleich sechs Spieler ohne EM-Einsatz standen. "Das war unbefriedigend und ungenügend", kommentierte DFB-Teamchef Rudi Völler das Vorrunden-Aus schwer enttäuscht.

Die Schulnote sechs wäre in der Tat eine angemessene Beurteilung für die Darbietung der deutschen Mannschaft in den ersten 45 Minuten. Als hätten sie kiloweise Blei in den Schuhen, lahmten einige Nationalspieler über den Platz, am schlimmsten sah es bei Didi Hamann aus.

Oliver Kahn, Michael Ballack, Rudi Völler: Kiloweise Blei in den Schuhen
AP

Oliver Kahn, Michael Ballack, Rudi Völler: Kiloweise Blei in den Schuhen

Dabei hätte der Blick auf die Aufstellung des Gegners der DFB-Elf doch Beine machen müssen, die mit einem Sieg ebenfalls in die Runde der besten Acht eingezogen wäre. Ohne die beim 3:2 gegen die Niederlande brillierenden Pavel Nedved, Milan Baros, Jan Koller, Tomas Rosicky, Karel Poborsky, Tomas Ujfalusi und Stammtorwart Petr Cech hatte Tschechiens Coach Karel Brückner seine Mannschaft aufs Feld geschickt. Doch die deutsche Mannschaft spielte ihre schlechteste Halbzeit dieser EM. Der Spielaufbau bestand aus weiten Abschlägen Oliver Kahns, mit denen die einzige Sturmspitze, Kevin Kuranyi, nichts anfangen konnte. Das Mittelfeld wurde den Tschechen kampflos überlassen.

Selbst das überraschende 1:0, ein prächtiger 20-Meter-Linksschuss von Michael Ballack in den Torwinkel (21.) nach toller Vorarbeit Bastian Schweinsteigers, gab dem DFB-Team weder Selbstvertrauen noch Antrieb. Neun Minuten später nutzte der vor einem Jahr beim Hamburger SV ausrangierte Marek Heinz einen der zahlreichen Freistöße der Tschechen in Strafraumnähe zu einem ebenso schönen Treffer, der den 1:1-Halbzeitstand bedeutete.

Warum ihr Spiel nach dem Seitenwechsel zwar ansehnlicher, aber noch weniger erfolgreich wurde, sollten Deutschlands beste Fußballer in der Tiefgarage des Estadio Alvalade den Journalisten erklären. Aber die Befragten beschrieben mit vor der Brust verschränkten Armen oder mit tief in den Taschen der Trainingshosen vergrabenen Händen nur das, was alle Zuschauer selbst gesehen hatten: gute Einschussmöglichkeiten der deutschen Elf, Pech und Abschlussschwäche. "Wenn wir noch ein Tor gemacht hätten, hätte keiner mehr von der ersten Halbzeit geredet", sagte der im Turnier erstmals eingewechselte Lukas Podolski, dessen Eckstöße für Gefahr sorgten.

Jungspieler Podolski und Schweinsteiger: Pech und Abschlussschwäche
DDP

Jungspieler Podolski und Schweinsteiger: Pech und Abschlussschwäche

Ballack hatte nach schöner Vorarbeit von Philipp Lahm den Pfosten, mit dem Nachschuss Bernd Schneider Tschechiens Ersatztorhüter Jaromir Blazek getroffen (66.). Einen Kopfball von Christian Wörns klärte ein Verteidiger auf der Torlinie, den Nachschuss Podolskis parierte Blazek (72.). "Wenn man so viele Chancen hat, ist das Manko deutlich. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren einige Defizite nicht beheben können", klang Völler machtlos, der in der Schlussphase auch noch Miroslav Klose eingewechselt hatte, "die Mannschaft hat alles aus sich herausgeholt. Ich mache ihr keinen Vorwurf."

Als die Tschechen mit Baros und Poborsky wenigstens zwei ihrer Stars ins Spiel brachten, wurde nicht nur dem DFB-Teamchef deutlich, dass Deutschland im europäischen Vergleich nur noch Mittelmaß ist. Liverpool-Torjäger Baros umkurvte eine Viertelstunde nach seiner Einwechslung Nowotny und Wörns und überwand im Nachschuss auch Kahn zum 1:2 (77.). Der deutsche Kapitän, der schon das Vorrunden-Aus bei der EM 2000 miterleben musste, versuchte das Positive festzuhalten: "Vor vier Jahren sind wir als Mannschaft zusammengebrochen. Diesmal nicht."

Doch selbst dem notorisch Optimismus verbreitenden Kahn gibt mit Blick auf die WM 2006 im eigenen Land das spielerische Niveau der Nationalmannschaft Anlass zur Skepsis. "Es muss einiges passieren, wenn wir in zwei Jahren bestehen wollen. Dann wird der Druck noch erheblich größer sein." Wie kein Zweiter weiß der 35-Jährige, dass "bestehen" hier zu Lande "Weltmeister werden" heißt.

Laut Vertrag wird Völler bis dahin Teamchef der deutschen Elf sein. "Ich gehe zwar davon aus, dass ich weitermache, aber ich bin Realist, ich klebe nicht an meinem Stuhl", antwortete er gestern Nacht auf die Frage nach seiner beruflichen Zukunft, "die Enttäuschung ist groß. Nach dem Vorrunden-Aus stehe ich in der Diskussion."

Deutschland - Tschechien 1:2 (1:1)
1:0 Ballack (21.)
1:1 Heinz (29.)
1:2 Baros (77.)
Deutschland: Kahn - Friedrich, Nowotny, Wörns - Frings (46. Podolski), Hamann (79. Klose), Lahm - Schneider, Ballack, Schweinsteiger (86. Jeremies) - Kuranyi
Tschechien: Blazek - Jiranek, Bolf, Rozehnal, Mares - Galasek (46. Hübschman) - Plasil (70. Poborsky), Tyce, Vachousek - Heinz, Lokvenc (59. Baros)
Schiedsrichter: Terje Hauge (Norwegen)
Zuschauer: 46.849
Gelbe Karten: Nowotny, Lahm - Tyce

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