Ukraine gegen England "Die haben uns ein Tor gestohlen"

Die Wut in der Ukraine ist nach dem EM-Aus groß. Die Unparteiischen hatten einen klaren Treffer der Gastgeber gegen England übersehen - dabei stand der Torrichter nur wenige Meter entfernt. Es ist schon die zweite gravierende Fehlentscheidung in dem Turnier.

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Michel Platini konnte ja nicht ahnen, welch verheerendes Echo seine Worte haben würden. Am Montag zog der Präsident der Europäischen Fußball-Union Uefa seine Vorrundenbilanz der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Zu diesem Zeitpunkt waren noch vier der 24 Gruppenspiele zu absolvieren, dennoch lautete das zufriedene Vorab-Fazit des Franzosen: "Das ist das Turnier mit den besten Schiedsrichterleistungen." Zwei Tage später diskutiert ganz Fußball-Europa über katastrophale Entscheidungen der Referees.

Der am Montagabend vom deutschen Schiedsrichter Wolfgang Stark nicht gegebene Elfmeter für Kroatien gegen Spanien sorgte schon für große Aufregung. Doch das ist fast nichts im Vergleich zum Spiel der Ukraine gegen England am Dienstagabend, als ein klares Tor des Co-Gastgebers vom Unparteiischen Viktor Kassai nicht gegeben wurde. Von den bislang überwiegend sehr guten Leistungen der Referees spricht niemand mehr. Nun ist vom "Torklau von Donezk" die Rede.

"Die Schiedsrichter haben uns ein Tor gestohlen", schimpfte Ukraine-Trainer Oleg Blochin und mochte sich kaum wieder einkriegen. In der 62. Minute hatte Marko Devic über Englands Keeper Joe Hart hinweg gezielt. Der Ball prallte von Harts Händen in Richtung Tor und war deutlich hinter der Linie, als ihn John Terry zurück ins Feld schlug. Es wäre das 1:1 gewesen. Doch weder Kassai noch der Torrichter erkannten dies. Zugegeben, Devic hatte zuvor im Abseits gestanden, von daher hätte der Treffer ohnehin nicht zählen dürfen. Aber wird die anschließend noch krassere Fehlentscheidung dadurch weniger bedeutsam?

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Ukraine vs. England: Der "Torklau" von Donezk
Referee Kassai hatte beide Szenen falsch bewertet. Er ist der Verantwortliche, er muss mit der Kritik leben. Aber viel mehr noch haben seine Assistenten versagt. Für das Abseits ist der Linienrichter zuständig, für den Treffer der Torrichter. Der kommt an beiden Enden des Spielfelds bei dieser EM erstmals zum Einsatz.

Platini ist ein großer Fan dieses Mannes an der Torauslinie. Der Uefa-Boss lehnt die vom Weltverband Fifa favorisierte Torlinientechnologie mittels Satellit, GPS oder Chip im Ball ab. "Man braucht solche Systeme nicht", bekräftigte Platini zu Wochenbeginn noch einmal und warb für den Torrichter. "Weil es sein Job ist, zu sehen, ob der Ball hinter der Linie ist." Der Franzose dürfte sich mittlerweile wünschen, diese Worte am Montag nie gesagt zu haben.

Bereits im Spiel Spanien gegen Kroatien am Montagabend war es der Torrichter, dem ein entscheidender Fehler unterlief, auch wenn sich die Kritik später auf Stark konzentrierte. Der stand aber rund 30 Meter entfernt, als Sergio Ramos den kroatischen Stürmer Mario Mandzukic im Strafraum foulte. Torrichter Florian Meyer hingegen stand nur wenige Meter vom Ort des Geschehens entfernt.

"Schiedsrichter Stark hat Kroatien rausgeworfen", schrieb die kroatische Tageszeitung "Jutarnji list" am Dienstag. Und Ukraines Stürmer und Top-Star Andrej Schewtschenko sagte nach dem Spiel gegen England: "Der Treffer hätte das Spiel verändert." Wobei der Ukraine ein 1:1 nicht gereicht hätte, der Co-Gastgeber wäre nur bei einem Sieg ins Viertelfinale eingezogen. Anders die Kroaten: Als Ramos Gegenspieler Mandzukic foulte, stand es 0:0, Spanien gewann am Ende 1:0. Mit einem 1:1 wären beide Teams in der K.o.-Runde gewesen, Italien dafür ausgeschieden. Der Kritik an den Schiedsrichtern folgten die Spekulationen: Was wäre passiert, wenn...?

Für Mittwochmorgen, nach Abschluss der Vorrunde, hatte die Uefa eigentlich eine Pressekonferenz geplant. Turnierdirektor Martin Kallen und Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino sollten die Fragen der Presse beantworten. Frei nach dem Motto: Was lief bei der EM bislang gut, was nicht? Um 23.17 Uhr am Dienstagabend, rund eine Stunde nach dem Spiel zwischen der Ukraine und England, wurde die Pressekonferenz abgesagt.

England - Ukraine 1:0 (0:0)
1:0 Rooney (48.)
England: Hart - Johnson, Terry, Lescott, Cole - Milner (ab 70. Walcott), Gerrard, Parker, Young - Rooney (ab 87. Oxlade-Chamberlain) - Welbeck (ab 82. Carroll)
Ukraine: Pjatow - Gusew, Chatscheridi, Rakizki, Selin - Timoschtschuk - Jarmolenko, Konopljanka - Garmasch (ab 78. Nasarenko) - Milewski (ab 77. Butko), Devic (ab 70. Schewtschenko)
Schiedsrichter: Kassai (Ungarn)
Zuschauer: 48.700 (in Donezk)
Gelbe Karten: Gerrard, Cole - Timoschtschuk (2), Rakizki, Schewtschenko



insgesamt 160 Beiträge
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Seite 1
duschinabuschi 20.06.2012
1.
Zitat von sysopGetty ImagesDie Wut in der Ukraine ist nach dem EM-Aus groß. Die Unparteiischen hatten einen klaren Treffer der Gastgeber gegen England übersehen - dabei stand der Torrichter nur wenige Meter entfernt. Es ist schon die zweite gravierende Fehlentscheidung in dem Turnier. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,839876,00.html
Es war Abseits.
valturin 20.06.2012
2. Torkamera einführen,
aus, fertig.
bommerlunder 20.06.2012
3. Klares Tor?
Ich habe noch kein Bild gesehen, auf dem man ein klares Tor erkennen kann. Da waren ein paar Zentimeter zwischen Linie bzw. Pfosten und Ball, das kann man ohne Zeitlupe nicht klar erkennen und entscheiden. Wer ein anderes Fernsehbild findet, auf dem es deutlicher ist, kann es ja gerne verlinken.
doubydou 20.06.2012
4. Wo guckt der denn hin.
Der Torrichter konnte gar nicht entscheiden, denn er schaute aus unerklärlichen Gründen nicht zum Ball sondern zum Elfmeterpunkt. Mich wundert, dass diese unangemessene Reaktion noch nicht diskutiert wurde. Gib es für die Torrichter eine Weisung zum "Wegsehen"?
kugelsicher99, 20.06.2012
5.
Zitat von duschinabuschiEs war Abseits.
Sehe ich genau so. Es war vorher Abseits, daher ist die Forderung bzw. Aussage, dass es ein Tor war ein Witz. Dass man trotzdem darüber nachdenken sollte, neue Beweis Schritte einzuführen, steht wieder auf einem anderen Blatt.
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